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Auf den Spuren von Camus – und das im Auftrag der DDR: „Ich war Feuer und Flamme“

Ein Jahr in Algerien veränderte den Blick einer Leipziger Studentin auf Land, Menschen und Politik. Ihre Erinnerungen führen in eine Zeit voller Widersprüche.

Brigitte Sändig
9 Min
Algier in den Siebzigerjahren

Algier in den Siebzigerjahren

© Bridgeman Images/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Von August 1970 bis Juli 1971 habe ich in Algerien gelebt. Wie kam es dazu? Ich stand am Ende meines Romanistikstudiums in Leipzig und wollte eine Dissertation verfassen – zu Albert Camus, der in Algerien aufgewachsen ist und das Land zeit seines Lebens geliebt hat. Der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ), der seit Jahren Gruppen junger Aufbauhelfer und Berufsausbilder als „Brigaden der Freundschaft“ nach Afrika, aber auch nach Lateinamerika und Asien entsandte, griff, um den Bedarf an Dolmetschern zu decken, auch auf geeignete Studenten und Studentinnen der Leipziger Universität zurück. Als sich für mich die Möglichkeit eröffnete, auf diese Weise in das für Bewohner der DDR unzugängliche Land – und noch dazu in dieses Land – zu gelangen, war ich Feuer und Flamme.

Zwei, drei Monate blieben mir zur Vorbereitung auf ein Jahr im fremden Land, unter unbekannten Menschen, bei nicht vorhersehbarer Lebenslage. Anders als für die jungen Ingenieure, Lehrausbilder und Handwerker, die wie ich „von oben“ zur Entsendung in diese Regionen der Welt ausgesucht worden waren, gab es für mich keinerlei organisierte Vorbereitung.

Meine zukünftigen Gefährten hatten vor der Ausreise in mehrmonatigen Internatskursen eine intensive sprachliche und politische Schulung durchlaufen, bei der auch ihre staatsbürgerliche Zuverlässigkeit geprüft wurde; das blieb mir erspart, hatte aber den Nachteil, dass ich so gar nichts über das Zukünftige wusste.

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Kinder in einem kabylischen Dorf

Kinder in einem kabylischen Dorf

© Brigitte Sändig

Im Bus durch finstere Schluchten

Mit meinen Mitteln versuchte ich, mich darauf vorzubereiten, las viel über algerische Geschichte, brachte auch ein kurzes Treffen mit der Studentin zuwege, die mir in der École Technique de Tadmaït als Dolmetscherin vorausgegangen war, diesem Berufsausbildungslager in der Großen Kabylei, circa 80 Kilometer von Algier entfernt in der bergigen Küstenregion gelegen. Das Wenige genügte nicht, um ein Bild dessen entstehen zu lassen, was da auf mich zukam: In vager, auch ängstlicher Vorfreude verlebte ich die Wochen vor der Abreise.

Am anberaumten Tag fand ich mich beim Zentralrat der FDJ ein, wo meine zukünftigen Gefährten, etwa 15 an der Zahl, in froher Runde beisammensaßen: fast alles Eingeweihte, die aus dem Sommerurlaub in das Lager zurückkehrten, sämtlich Männer bis auf drei „mitreisende Ehefrauen“.

Nach einigen Stunden fröhlicher Geselligkeit ging es zum Flughafen Schönefeld und, mit Zwischenlandung in Budapest, ins tief nächtliche Algier. Die wenigen im Lager Verbliebenen, die uns am Flughafen empfingen, hatten einen von der DDR-Botschaft ausrangierten Bus dabei, mit dem wir durch finstere Schluchten und Berge, mit Rast an einem wildwestartigen Ausschank, die Fahrt zum Lager zurücklegten. Das war ein früheres französisches Militärcamp, im Algerienkrieg ein Gefangenenlager, mit einer Villa für die Aufseher und Baracken für die Gefangenen, umgeben von einer Mauer, von der nun freilich Stacheldraht und Scherben entfernt waren.

In der heruntergekommenen Villa und einigen beschatteten Flachbauten wohnten wir, in den der Sonne ausgesetzten Baracken die Lehrlinge. Mir wurde ein Zimmer in der Villa zugewiesen, das einzige Einzelzimmer, bestückt mit Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und Schreibmaschine.

Einzelunterricht für die Ausbilder

Ich tat mich im Lager nach Arbeit um, von der es vorerst – noch war Urlaubszeit – nicht allzu viel gab. Einigen im Französischen wenig gewandten Ausbildern gab ich Einzelunterricht, und vor allem sollte ich die 1956 vom FLN gegründete, nun zum Regierungsorgan avancierte Tageszeitung El Moudjahid auf relevante Inhalte hin lesen und der Gruppe nahebringen.

Nichts tat ich lieber als das: Noch in Leipzig hatte ich mit großem Interesse Frantz Fanon und alles Zugängliche über den Algerienkrieg gelesen, und immer noch glühte ich nun, acht Jahre nach dem siegreichen Ende des Befreiungskampfs, für das – wie ich meinte und wie es auch die Zeitung vermittelte – neue, freie Algerien.

Houari Boumedienne war von 1965 bis zu seinem Tod 1978 <a rel="mw:WikiLink" href="https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Staatsoberh%C3%A4upter_von_Algerien">algerischer Staatschef</a>

Houari Boumedienne war von 1965 bis zu seinem Tod 1978 algerischer Staatschef

© United Archives Keystone/imago

Diese Jahre unter der Präsidentschaft von Houari Boumedienne, der freilich seinen Vorgänger Ben Bella 1965 durch Putsch ausgeschaltet hatte, waren wohl wirklich eine Zeit des Aufbruchs und der Hoffnung für das ausgeblutete Land. Eine Facharbeiterausbildung für junge Männer, meist Söhne von Opfern des Befreiungskampfs, war als Lehre bei „den Deutschen“ besonders anerkannt und verschaffte uns hohe Popularität.

Immer wieder wurde bei offiziellen Anlässen von algerischer Seite die materielle Genügsamkeit, die erstaunliche Selbstlosigkeit der Brigade-Angehörigen gelobt – lebten wir doch, jedermann sichtbar, sehr bescheiden. Als offiziellen Verdienst erhielten wir bei kostenloser Verpflegung circa 150 Dinar monatlich, was etwa der gleichen Summe in Mark entsprach. Hinzu kam freilich noch eine Zahlung vonseiten der DDR, sodass sich die monatlich verfügbare Summe auf circa 400 Dinar erhöhte.

Das war noch immer kein lukratives Geschäft, aber unser „Gewinn“ lag ja auf einer ganz anderen Ebene. Schon jedes Überschreiten der normalerweise unüberschreitbaren Grenzen des „sozialistischen Lagers“ war eine glückliche Ausnahme; diese aber nun, der Aufenthalt in einem so schönen Mittelmeerland mit wilden Gebirgen und traumhaften Wüstenstädten, war ein Geschenk einzigartigen Ausmaßes. Das konnten allerdings nur die Mitglieder der Brigade wahrnehmen und würdigen, die ein Sensorium dafür hatten; andere lebten den Lager-Alltag ungerührt als abzuleistenden politischen Auftrag.

Die Lehrlinge der École Technique de Tadmaït

Die Lehrlinge der École Technique de Tadmaït

© Brigitte Sändig

Ein ständiges Ärgernis

Für die erste Kategorie allerdings, der ich mich zugehörig fühlte, waren die geringen Bewegungsmöglichkeiten ein ständiges Ärgernis. Die Fahrzeugflotte der Brigade umfasste ein Motorrad, einen Kleintransporter Marke Barkas, den bereits erwähnten Bus, der nur durch die Könnerschaft der Brigadeleute am Laufen gehalten wurde, und einen dem Brigadeleiter zugeordneten Pkw. Keines dieser Fahrzeuge stand zur freien Verfügung; ihre Benutzung musste im Fall außerdienstlicher Vorhaben vom Brigadeleiter ausdrücklich erbeten werden; und die Brigadefahrten im Bus, an den Wochenenden, ans Meer oder in die Berge, waren zwar ein Ausgleich, doch wurde man der ständigen Gemeinsamkeit allmählich müde.

Gewiss, man konnte in der Freizeit durchs Lagertor gehen, um in den umliegenden Bergen zu wandern; man konnte mit Fahrrädern oder auch einem Floß ans Meer fahren; man konnte den Linienbus nach Algier benutzen – all das aber nur mit An- und Rückmeldung beim Brigadeleiter. Solch begrenzte Bewegungsfreiheit blieb für die Erlebnishungrigen weit hinter dem Größen- und Schönheitsangebot des Landes zurück.

Das Mitfahren per Anhalter wäre die Lösung gewesen, um in entfernte Gebiete des Landes, um in die Wüste zu gelangen, jedoch: Während vor 1970, als die DDR noch um diplomatische Anerkennung durch Algerien rang, Brigadeangehörige trampend als „Botschafter im Blauhemd“ das Land bereisen und damit vom Wirken der DDR zeugen konnten, war es damit nach der Einrichtung einer DDR-Botschaft in Algier vorbei. Unsere Klagen darüber nahmen kein Ende – und gelegentlich wurde das Verbot auch übertreten.

Albert Camus

Albert Camus

© Granger/Historical Picture Archive

Ein handfester Auftrag

Doch wir waren ja nicht als Touristen im Land, sondern hatten einen handfesten Auftrag, der die Tage ausfüllte: die dreijährige Ausbildung von circa 120 Lehrlingen zu Facharbeitern im Tischler- und Schlosserhandwerk und die Popularisierung der politischen Linie der DDR durch intensive Kontakte zu den algerischen Partnern und einer breiten Öffentlichkeit.

An dem Ausbildungsprozess, dem klar abrechenbaren Teil des Auftrags, war ich, anders als an den Polit-Veranstaltungen, meist nur mittelbar beteiligt. Beim praktischen Unterricht konnte auf meine Hilfe verzichtet werden. Das dafür notwendige Französisch sprachen die Ausbilder alle. Theoretischen Unterricht wie den im Technischen Zeichnen übersetzte ich, so gut ich es nach meinem Sachverstand vermochte.

Dabei erlebte ich die Lehrlinge als lernwillig oder auch gefügig: Sie hörten mit großer Aufmerksamkeit zu, von Mangel an Disziplin konnte keine Rede sein; wenn jedoch etwas ihr Verständnis überstieg, brachten sie das nicht zur Sprache.

Nachdem wir z.B. die Fertigung eines Schranks detailliert erklärt hatten, zeigte sich durch Zufall, dass die Lehrlinge keine Vorstellung davon hatten, was ein Schrank sei; sie kannten nur Truhen. Keiner hatte das angesprochen – der Vorgabe des fremden Lehrers nicht folgen zu können, war für sie offenbar beschämend. Doch ebenso wenig hatten wir die Spezifik algerischen Mobiliars in Rechnung gestellt – ohne uns dessen zu schämen.

Fußball als Abwechslung

Die Lebensumstände der Lehrlinge waren denkbar karg und freudlos: Nie allein, immer umgeben von vielen Gleichaltrigen, wechselten sie im Lauf des Tages von der Schlaf- in die Ess- und Unterrichtsbaracke und wieder zurück. Von der Brigade veranstaltete kleine Kulturereignisse und Fußballspiele auf den kargen Wegen und Plätzen des Schulareals waren die einzigen Abwechslungen. Wenn abends um 18 Uhr beim Fußballspiel die Nationalhymne erklang, stoppten sie das Spiel und standen stramm. Dass die Lehrlinge unter dem Eindruck ständigen Zwangs und Eingeschlossenseins lebten und sich dabei recht tapfer hielten, schien für die Zuständigen selbstverständlich zu sein – die Jahre des Befreiungskampfes waren schließlich noch härter gewesen.

Gegen Ende meines Einsatzes gingen die Unterlagen der nun erfolgten Abschlussprüfungen des dritten Lehrjahres durch meine Hände; die praktischen und theoretischen Prüfungen, die nach französischem Muster abgelegt wurden, waren nach Aussage der Ausbilder recht hart und zogen sich über mehrere Tage hin. Zwei Drittel der Lehrlinge etwa hatten, soweit ich mich erinnere, die Prüfungen bestanden; die Lehrausbildung würde ihnen, so hofften sie wie wir, einen guten Start ins Leben ermöglichen.

Ob sich das für das Gros der Jungen oder zumindest in Einzelfällen erfüllt hat – ich konnte es weder durch die wenigen persönlichen Gespräche mit Beteiligten noch durch Nachlesen in späteren gedruckten Veröffentlichungen ermitteln; womöglich haben wir damals, Anfang der Siebzigerjahre, die hoffnungs- und verheißungsvollste Zeit des vorher und später so geschundenen Landes erlebt.

Brigitte Sändig hat als Autorin und Herausgeberin und nach der Wende als Hochschullehrerin in Berlin, Potsdam und Penn State (USA) gearbeitet. Sie hat die erste und einzige Biografie Albert Camus’ verfasst, die in der DDR erschien.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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