Die Merz-Regierung bereitet offenbar einen härteren Wirtschaftskurs gegenüber China vor. Nach Informationen von Bloomberg prüfen die Ministerien ein Paket zum Schutz strategischer Industrien. Dieses beinhalte neben schärferen Investitions- und Exportkontrollen auch neue EU-Zölle auf in China produzierte Plug-in-Hybride (PHEV). Das Kabinett soll möglichst am 14. Oktober zustimmen. Anschließend will Berlin gemeinsam mit Paris weitere EU-Staaten gewinnen, heißt es.
Der politische Druck wächst: Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die chinesischen PHEV-Importe in die EU nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWE) um 165 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Doch mehrere von der Berliner Zeitung befragte Autoexperten warnen vor vorschnellen Zöllen. Der geplante Schutz könnte den Wettbewerb schwächen, Autos verteuern und chinesische Gegenmaßnahmen provozieren – mit besonderen Risiken für VW, BMW und Mercedes. Ferdinand Dudenhöffer vom Center for Automotive Research warnt: „Friedrich Merz sollte nicht Donald Trump im Miniaturformat spielen.“
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Autoexperten warnen Merz vor einem Zollkrieg mit China
Dudenhöffer bezweifelt schon die industriepolitische Grundlage des Vorstoßes. Plug-in-Hybride chinesischer Hersteller seien vor allem im günstigeren Marktsegment erfolgreich. Bei BYD machten sie mehr als 60 Prozent der deutschen Verkäufe aus. Die Modelle konkurrierten jedoch eher mit Volumenmarken als mit den leistungsorientierten Plug-in-Hybriden von Audi, BMW, Porsche und Mercedes. Zudem entfalle nur etwa jeder zehnte europäische Neuwagen auf diese Antriebsart. „Also nicht das riesige Segment, das man schützen muss“, sagt Dudenhöffer.
Den Druck für neue Zölle vermutet er vor allem in Frankreich und Italien. Deutschland müsse prüfen, ob es sich „vor den Karren der Franzosen spannen“ lassen wolle oder Konflikte besser direkt mit Peking löse. Der Autoexperte warnt vor den Folgen einer Eskalation für den wesentlich größeren chinesischen Absatzmarkt. „Bei Handelskriegen gibt es keine Gewinner“, so Dudenhöffer.
Auch Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft, warnt davor, die Begründung für die bestehenden EU-Ausgleichszölle auf chinesische Elektroautos ungeprüft auf Plug-in-Hybride zu übertragen. Die zugrunde liegende Untersuchung habe sich auf batterieelektrische Fahrzeuge aus China bezogen, nicht auf Plug-in-Hybride. Deren wachsende Verkäufe belegten noch keine vergleichbare Subventionierung. Ein neuer Eingriff müsse eigenständig und belastbar begründet werden.
Reindl hält gezielte und WTO-konforme Maßnahmen bei nachgewiesenen Wettbewerbsverzerrungen grundsätzlich für legitim. Chinas Vorsprung lasse sich inzwischen jedoch nicht mehr allein mit staatlicher Förderung erklären. Große Stückzahlen, günstige Batterien, eine hohe Fertigungstiefe und kurze Entwicklungszyklen seien zu strukturellen Vorteilen geworden. „Zölle können Zeit kaufen, aber keine Wettbewerbsfähigkeit“, sagt Reindl. Senkten sie den Reformdruck, könnten sie langfristig sogar kontraproduktiv wirken.
Plug-in-Hybride von BYD gewinnen in Deutschland an Boden. Experten bezweifeln jedoch, dass neue Zölle Europas Autoindustrie dauerhaft stärken.
© BYD/dpa-tmn
Neue China-Zölle: Wer zahlt am Ende die Rechnung?
Die eigentlichen Probleme der deutschen Hersteller liegen nach Reindls Einschätzung aufseiten der Kosten, Software, Entwicklungsgeschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit der Produkte. Ähnlich argumentiert Frank Schwope, Lehrbeauftragter an der Fachhochschule des Mittelstands (FHM) in Berlin. Der Großteil des chinesischen Preisvorteils beruhe auf günstigeren Produktionsstrukturen und technologischen Vorteilen bei Batterien, sagt er.
Schwope erwartet zwar, dass neue Zölle deutschen Herstellern in Europa helfen würden. Bezahlen könnten dafür jedoch die Kunden: „Zölle haben den sehr unangenehmen Effekt, dass sie den Autokauf für die Bürger verteuern und dass die Auswahl von kostengünstigen Fahrzeugen tendenziell geringer wird.“
Matthias Schmidt von Schmidt Automotive Research widerspricht. Chinesische Hersteller verfügten in Europa noch nicht über genügend Markenstärke, um höhere Preise durchzusetzen. Sie dürften die Abgaben daher zunächst aus ihren Margen finanzieren oder die Serienausstattung reduzieren. Eine vorübergehende Verlangsamung der chinesischen Expansion könne europäischen Herstellern helfen. Dauerhaft werde der Effekt jedoch nicht sein: BYD und andere Anbieter verlagerten ihre Produktion bereits nach Europa.
Darin sieht Schmidt eine Chance: Lokale Produktion verringere den chinesischen Kostenvorteil und bringe zusätzliche Wertschöpfung nach Europa. Ob auch PHEV von vergleichbaren Subventionen wie batterieelektrische Autos profitierten, müsse jedoch eine eigene EU-Untersuchung klären.
Zollkrieg mit China würde VW und Co. besonders bedrohen
Besonders weit gehen die Warnungen von Wulf Schlachter, Gründer des Ladeinfrastruktur-Unternehmens DXBe Management. Zusätzliche Zölle könnten „mehr Schaden als Nutzen stiften“, weil die deutschen Hersteller eng mit China verflochten und von dortigen Lieferketten abhängig seien. Als „künstlicher Schutzschild“ verschafften sie eine Atempause, lösten aber weder die Kostenprobleme europäischer Werke noch Rückstände bei Batterien und Software.
China könnte mit eigenen Abgaben auf aus Europa importierte Verbrenner und Oberklassefahrzeuge reagieren. Das würde Schwope zufolge vor allem deutsche Exportmodelle treffen, während vor Ort produzierte Fahrzeuge weniger betroffen wären. Denkbar wären zudem Beschränkungen bei Batteriematerialien, Seltenen Erden oder anderen Vorprodukten.
Reindl hält das Risiko für erheblich. China sei für Volkswagen, BMW und Mercedes gleichzeitig Konkurrent, Absatzmarkt, Produktionsstandort und Lieferant. Allein Volkswagen lieferte dort 2025 rund 2,7 Millionen Fahrzeuge aus. „Deutschland kann einen Handelskonflikt mit China nicht führen, als wäre China nur Konkurrent“, warnt Reindl. Lieferkettenbeschränkungen könnten Europas Autoindustrie sogar empfindlicher treffen als chinesische Gegenzölle.
Schmidt bewertet die Gefahr weniger dramatisch. China sei weiterhin auf deutsches Know-how und deutsche Industriemaschinen angewiesen. Zudem produzierten die deutschen Hersteller einen wachsenden Anteil ihrer in China verkauften Autos direkt vor Ort. Auch er sieht in den Zöllen jedoch nur eine kurzfristige Lösung.
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VDA verlangt von der EU „eigene Hausaufgaben“
Das Bundeswirtschaftsministerium wollte auf Anfrage weder die Bloomberg-Informationen noch mögliche Regierungsabstimmungen kommentieren. Ein Sprecher bestätigte aber Gespräche mit der EU-Kommission, den Mitgliedstaaten und der Autoindustrie. Diese würden voraussichtlich beim Europäischen Rat im Oktober fortgesetzt. Die Bundesregierung strebe eine Balance zwischen offenen Märkten, fairen Wettbewerbsbedingungen, geringeren Abhängigkeiten und dem Schutz europäischer Arbeitsplätze an.
Auch der Verband der Automobilindustrie (VDA) positioniert sich zu zusätzlichen PHEV-Zöllen nicht eindeutig. China müsse Wettbewerbsverzerrungen und Exportbeschränkungen beenden, erklärte ein Sprecher. Zugleich müsse die EU „endlich die eigenen Hausaufgaben machen“. Der VDA fordert Fortschritte bei Energiepreisen, Bürokratie, Infrastruktur und weiteren Standortkosten. „Handelsschutzinstrumente können eine ambitionierte Standortpolitik nicht ersetzen.“
Reindl plädiert ebenfalls gegen eine breite Zollmauer. Europa müsse strategische Abhängigkeiten verringern, seine Standortprobleme lösen und chinesische Investitionen stärker mit lokaler Wertschöpfung verbinden. Eine vollständige Entkopplung sei weder realistisch noch im Interesse der deutschen Autoindustrie. „Europa sollte sich vor unfairer Konkurrenz schützen, aber nicht vor Konkurrenz an sich.“
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