Sachsens Infrastrukturministerin Regina Kraushaar (CDU) hat am Dienstag im Rahmen ihrer Sommertour den Garagencampus in Chemnitz und die Firma Hörmann Vehicle Engineering besucht. Dort ging es um autonome Shuttles, Straßenbahnen ohne Fahrer – und um die Frage, wie abgelegene Ortsteile künftig besser an den ÖPNV angebunden werden können.
Sie besuchte mit dem Garagencampus einen Ort mit langer Vergangenheit. Wo einst Straßenbahnen und Busse ihren Dienst antraten, wurde diesmal über Fahrzeuge gesprochen, die ohne Fahrer unterwegs sein sollen. „Dieser Ort hat über viele Jahrzehnte als wichtiger Mobilitätsstandort für Chemnitz gedient. Nun hat er eine neue Funktion“, erläuterte Jens Meiwald, der Chef der Chemnitzer Verkehrsbetriebe.
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Kulturhauptstadt gab dem Garagencampus einen Schub
Aus dem einstigen Betriebshof wurde zunächst ein Straßenbahnmuseum. Später entstand der Gedanke eines Garagencampus – als Ort für Begegnung, Vereine und Kultur. „Als sich Chemnitz um den Titel Kulturhauptstadt beworben hat, wollten wir diesen Standort nachhaltig sichern“, erklärte Meiwald. Die Mitarbeiter der CVAG hätten sich mit großem Einsatz eingebracht. Doch die dauerhafte Betreibung eines solchen Areals sei nicht Kernaufgabe eines Verkehrsunternehmens. Deshalb sollen künftig andere Betreiber stärker Verantwortung übernehmen.
Dass der Campus zugleich ein Schaufenster für neue Mobilität werden kann, zeigte ein autonomes Shuttle, an dem Chemnitzer Entwickler arbeiten. Technisch sei das Fahrzeug im Grunde fertig, hieß es bei der Vorstellung. Denkbar seien verschiedene Einsätze: als kleiner Bus für die sogenannte letzte Meile, als Verbindung zu abgelegenen Ortsteilen – oder sogar als fahrender Laden. In Japan werde ein ähnlicher „Roboshop“ bereits an der Technischen Universität Tokio eingesetzt, erklärte Sydygaly Sagynbaev, Produktmanager bei der Chemnitzer Firma staff-eye.
Das Chemnitzer Fahrzeug erreicht nach Angaben der Entwickler eine Reichweite von rund 130 Kilometern und fährt maximal 40 Stundenkilometer. Es solle nicht als Konkurrenz zu Straßenbahn und Bus verstanden werden. „Das ist eine klare Ergänzung zum ÖPNV, keine Konkurrenz“, sagte Firmenchef Alexander Kovalenko. Der Ingenieur lebt seit rund zehn Jahren in Chemnitz und hat Erfahrungen mit Teststrecken unter anderem in Südkorea, Kirgisistan und der Ukraine gesammelt. Dort sei autonome Technik zuletzt allerdings vor allem für den Zivilschutz interessant.
Noch stehen viele Fragen vor dem autonomen Fahren
Kovalenko beobachtet, dass sich das Verständnis von Mobilität gerade bei jungen Menschen verändere. „Mobilität wird mehr und mehr zur Leihgabe statt zum Besitz“, sagte er. Gerade dort, wo ein eigener Pkw bisher fast unverzichtbar sei, könne ein flexibles Angebot helfen. Das gelte für Randlagen von Städten ebenso wie für Dörfer. Auch der angespannte Wohnungsmarkt könne davon profitieren, wenn Menschen nicht mehr zwingend direkt am Arbeitsplatz wohnen müssten, sondern zuverlässig in die Stadt kämen, stimmte ihm Regina Kraushaar zu.
Die Ministerin hakte an dieser Stelle nach. Wie werde eine ältere Dame wohl ein System akzeptieren, das per App funktioniere? Wie gut funktioniert Verkehr auf Abruf tatsächlich? „Das kann ein Gamechanger für die Anbindung des ländlichen Raums sein“, ist sich Kraushaar sicher. Zugleich ließ sie keinen Zweifel daran, dass der Weg dorthin noch weit ist. Aber: Gerade in den Abendstunden brauche es bessere Angebote außerhalb der großen Städte. „Chemnitz ist gut vernetzt. Aber das muss auch so bleiben – und für die Menschen im Umland besser werden.“
Der Produktmanager von staff-eye erläuterte, dass die Technik nun für Deutschland angepasst werde. Das betreffe keineswegs nur Sprache und Kartenmaterial. „Die Ampelerkennung funktioniert in Deutschland anders als in China oder Japan“, sagte er. Aber die Software müsse nun weiterentwickelt werden. Auch Vladislav Kozlovsky, Softwareingenieur und seit drei Jahren in Chemnitz zu Hause, arbeitet mit seinem Team an genau diesen Fragen.
Landtagsmitglied Peter Patt (CDU) aus Chemnitz (l.) im Gespräch mit Sydygaly Sagynbaev, Produktmanager bei staff-eye.
© Ingo Eckardt
Zulassung der Fahrzeuge und Serienreife noch offen
Im April war das Shuttle bereits mit dem Bürgermeister und dem damaligen Wirtschaftsminister im öffentlichen Verkehr unterwegs. Doch aus einer Demonstrationsfahrt wird nicht automatisch ein Linienangebot. Das größte Hindernis sei gegenwärtig die Zulassung. Für ein Pilotprojekt wird deshalb das Jahr 2027 genannt. Testmöglichkeiten gibt es etwa im Gewerbepark an der A4. Dort könnten Fahrzeuge und Infrastruktur unter kontrollierten Bedingungen erprobt werden.
Für die Kommunikation reiche in der Stadt meist 4G aus, hieß es. Zugleich sei der Breitbandausbau ein entscheidender Faktor. Rund 80 Prozent seien so abgedeckt, sagte Regina Kraushaar auf Nachfrage dieser Zeitung. Doch auch für die verbleibenden „grauen Flecken“, in denen das Netz nicht ausreichend gut ist, brauche es schnelle Lösungen, woran insbesondere das sächsische Digitalministerium bereits intensiv arbeite.
Der Freistaat wolle gemeinsam mit weiteren Akteuren bis 2030 beim autonomen Verkehr im öffentlichen Nahverkehr deutlich vorankommen. Eine entsprechende Absichtserklärung sei unterzeichnet und ein gutes Signal, sagte die Ministerin. „Ich bin begeistert, mit wie viel Wissen und Begeisterung hier gearbeitet wird.“ Entscheidend sei aber die praktische Wirksamkeit. Fahrzeug, Infrastruktur und digitale Netze müssten zusammenpassen. Und die Regulierung spiele auf Bundes- und EU-Ebene eine zentrale Rolle.
Ergebnisoffen: Bis vor die Haustür oder feste Haltestelle?
Das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (LaSuV) könne bereits heute Gebiete für Erprobungen festlegen. Doch die Rahmenbedingungen würden weiterhin in Berlin und Brüssel verhandelt. „Wir sprechen dort über Fahrgastabsicherung und rechtliche Rahmen“, sagte Kraushaar. Außerdem müsse die Wirtschaft Fahrzeuge in Serie liefern können. Daran entscheide sich, ob aus einzelnen Prototypen tatsächlich ein Angebot für viele Fahrgäste werde.
Mit Volkmar Vogel von Hörmann Vehicle Engineering tauschte sich die CDU-Politikerin über die Ideen zur besseren Anbindung entlegener Ortsteile und Gedanken zu autonom fahrenden Straßenbahnen aus.
© Ingo Eckardt
Auch die Straßenbahn soll in Chemnitz künftig autonomer werden. Der technische Leiter des Projekts bei Hörmann Vehicle Engineering, Volkmar Vogel, verwies auf eine bereits umgebaute Tatra-Bahn. Noch könne das Fahrzeug nur mit menschlicher Begleitung fahren. Ziel sei jedoch, in Sachsen einen Prototypen für eine autonome Straßenbahn in der sogenannten Automatisierungsstufe vier zu entwickeln. Parallel solle auch das entwickelte IAV-Shuttle weiter gepusht werden. In etwa drei Jahren könnten die Fahrzeuge auf einer Teststrecke in Chemnitz fahren.
Wo genau diese Strecke verlaufen soll, müsse die Stadt entscheiden. Der Wunsch der Entwickler ist klar: Es sollte eine reguläre Strecke sein, keine abgeschottete Versuchsanlage. „Die Zulassung dauert in Deutschland eben ihre Zeit“, stellte der technische Leiter nüchtern fest. Anders als staff-eye gehe man nicht von einem reinen On-Demand-System aus. Sowohl Shuttle als auch Straßenbahn sollten an regulären Haltestellen die Fahrgäste aufnehmen. Das sei für die Fahrgäste verständlicher – und für den Einstieg in die neue Technik realistisch.
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