Die Debatte um unser überteuertes Gesundheitswesen und die entsprechenden Sparreformen hat die falsche Richtung eingeschlagen. Nicht die hohen Medikamentenpreise der Pharmaindustrie haben die Deutschen erzürnt, nicht die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze oder der Beiträge selbst, auch nicht die Masse an unrentablen Krankenhäusern und überflüssigen Operationen sorgt für Unmut und Kontroversen. Sondern die AU-Bescheinigung. Das Attest. Der gelbe Schein.
Der Vorwurf, ab und an mal krankzufeiern und somit zu betrügen, nagt schwer am sensiblen Gewissen des deutschen Arbeitnehmers. Er fühlt sich angegriffen, beleidigt – oder ertappt? SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas wittert hier nun eine Chance, den deutschen Angestellten das Gewissen zu erleichtern. Bas schlägt sich also instinktsicher auf die Arbeitnehmerseite und kippt eben mal die von der Koalition geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag: „Ich bin koalitionstreu, aber wir sollten uns schon noch mal fragen, ob das sinnvoll ist“, sagte Bas in den Medien.
Offensichtlich bezweifelt Bas, dass das Krankfeiern in Deutschland ein Problem sei. Ist die vereinbarte sofortige Attestpflicht also nur eine Schikane der Union?
Sind Deutsche psychisch labiler als Franzosen, Frau Bas?
Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) zeigte jüngst die über Jahre stetig steigenden Kosten von Lohnfortzahlung und Sozialversicherungsbeiträgen auf. Der im Vergleich zu den Lohnerhöhungen überproportionale Anstieg ist laut IW mit den gestiegenen Krankmeldungen zu erklären. Die Statistiken der Krankenkassen und des Bundes belegen dies durch eine rapide Zunahme der Krankschreibungen in den letzten Jahren. Vor allem psychische Erkrankungen seien derzeit die Treiber beim hohen Krankenstand, berichten die Krankenkassen.
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Auch im internationalen Vergleich liegt Deutschland bei Krankheitstagen pro Arbeitnehmer an der Spitze. So meldete die DAK für letztes Jahr 19,5 Krankheitstage pro Beschäftigtem, die AOK sogar 23,3. In Frankreich sind es laut der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) im Schnitt nur 14. Derselbe krasse Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ergibt sich laut OECD-Berechnung auch, wenn man nur den tatsächlichen Verlust an wöchentlicher Arbeitszeit berechnet – also etwa ohne arbeitsfreie Wochenenden.
Sind die Deutschen gesundheitlich anfälliger als die Franzosen? Und psychisch labiler? Wohl kaum. Oder ist Deutschland so viel älter und gebrechlicher? Das könnte einer der Gründe sein, aber erklärt laut DAK-Studie nicht den sprunghaft gestiegenen Krankenstand der letzten Jahre. Einen Hinweis gibt AOK-Wissenschaftler Helmut Schröder, der einen „sprunghaften Anstieg von AU-Meldungen wegen kurzzeitiger Erkrankungen“ entdeckt hat.
Ein Drittel hat 2025 mindestens einmal blaugemacht
Tatsächlich ist Blaumachen deutscher Volkssport. Zahlreiche Websites und YouTube-Videos geben detaillierte Anleitungen, wie man am besten zur Arbeitsunfähigkeit kommt. Seit Corona geht es mit der elektronischen Krankschreibung und der Videosprechstunde beim Arzt noch wesentlich unkomplizierter. Ob man sich nun für den medizinischen Code R53.0V (akutes allgemeines Unwohlsein auf Verdacht) oder J98.0V (Husten und Schnupfen) entscheidet oder mit F43.0V auf plötzliche Psycho-Macke (Anpassungsstörung) macht: Der Arzt zeichnet auf Verdacht ab; der Arbeitgeber muss den Lohn fortzahlen; die Allgemeinheit trägt über ihre Kassenbeiträge die Kosten; und die Kollegen dürfen mal schön allein weiterarbeiten.
Laut einer Studie der Universität Heidelberg hat etwa ein Drittel der Arbeitnehmer im vergangenen Jahr mindestens einmal blaugemacht. Eine Umfrage des Instituts für Weiterbildung Pinktum von 2024 ergab, dass 39 Prozent der Deutschen Blaumachen „okay“ finden – vor allem männliche Führungskräfte. Und eine Umfrage der Krankenkasse Pronova BKK vom Januar zeigt: 60 Prozent der befragten Versicherten melden sich zumindest gelegentlich krank, obwohl sie eigentlich arbeitsfähig wären.
Die Gründe fürs Blaumachen sind laut Studien vielfältig: Demotivation durch lahme Kollegen oder planlose Vorgesetzte, akute Unlust, am Vorabend zu viel gefeiert oder private Erledigungen.
Bärbel Bas gibt sich solidarisch mit den Simulanten
Nun hatten Krankenkassen, Unternehmer und Wirtschaftsforscher das Problem seit Jahren an die Politik adressiert; auch die Gesundheitsökonomen der Expertenkommission für die Reform der Krankenkassen hatten im Frühjahr die damalige Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) noch vor der Zunahme des hohen Krankenstands gewarnt. So einigten sich SPD und Union Anfang Juli darauf, die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) künftig schon ab dem ersten Tag der Erkrankung per Gesetz vorzuschreiben. Bislang ist eine ärztliche Bescheinigung ab dem vierten Tag gesetzlich Pflicht.
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Ob diese Regelung sinnvoll und wirksam ist? Lassen sich Arbeitnehmer so vom Krankfeiern abhalten? Wie kann man die Ärzte, also die Mittäter, zur Rechenschaft ziehen? Und wie steht es mit den Beamten? Über all das könnte man trefflich diskutieren. Allerdings will Bärbel Bas keine Diskussion. Sie will lediglich für die SPD-Wahlkämpfer im Osten einige Pluspunkte sammeln – wie beim Thema Rente mit 63.
Hat Bärbel Bas das Problem überhaupt erkannt? Auch, dass Blaumachen höchst unsolidarisch gegenüber den Kollegen ist? Dass es dem Allgemeinwohl schadet? Wohl nicht. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, gibt sich Bärbel Bas solidarisch mit allen Krankgeschriebenen – auch mit den Simulanten. Das kommt beim Wähler besser an, denkt sie.
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