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Beastie Boy Mike D im Interview: „Cobain, Basquiat … viele Künstler zerbrechen daran“

Michael Louis Diamond, Gründungsmitglied der legendären Beastie Boys, über das Vatersein, den desaströsen Zustand der Welt und den Tod seines Kollegen Adam Yauch.

9 Min
Michael Louis Diamond, Gründungsmitglied der Beastie Boys, macht jetzt mit seinen Söhnen Musik.

Michael Louis Diamond, Gründungsmitglied der Beastie Boys, macht jetzt mit seinen Söhnen Musik.

© Tim Wegner/epd

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Kürzlich ist mit „Thank You“ das erste Soloalbum des einstigen Beastie Boys Mike D erschienen. Der hatte sich nach dem Tod seines Freundes und Bandkollegen Adam Yauch im Jahr 2012 vorwiegend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, nun nimmt er aber einen neuen Anlauf, um – zusammen mit seinen Söhnen – neue Musik in die Welt zu bringen. Wir haben ihn in Berlin zum Interview getroffen und mit ihm über das Vatersein, Trauerverarbeitung und den desaströsen Zustand der Welt gesprochen.

Als wir uns das letzte Mal 2018 getroffen haben, zur Veröffentlichung des „Beastie Boys Book“, haben Sie mir gleich zu Beginn gesagt: „Ich bin ein sehr intuitiver Mensch, sehr sexy und sehr authentisch.“ Hat sich daran in den vergangenen Jahren etwas geändert?

Nein – ich lüge immer noch genauso viel wie früher.

Im Rahmen der Albumveröffentlichung haben Sie in einem Interview gesagt: „Seien wir ehrlich: Ich bringe diese Musik in eine sehr seltsame, dunkle und machtfixierte Welt, die Kunst, Gefühle, Mitgefühl, Empathie und Gleichberechtigung wirklich entwertet.“ Wenn Sie sich diesen Zustand der Welt vor Augen führen: Was geht da in Ihnen vor – gerade auch als Vater?

Wenn ich mir den aktuellen Zustand der Welt vor Augen führe, kann ich es kaum fassen: dieses Fehlen von Verständnis für andere. Während ich auf der einen Seite immer mehr Wissen ansammle, verstehe ich gleichzeitig immer weniger. Dabei geht es in erster Linie „nur“ um Grundwerte: sich umeinander zu kümmern, nett miteinander umzugehen, ein Mindestmaß an Gleichberechtigung umzusetzen – dass es egal ist, woher du kommst, welches Geschlecht du hast oder welchem Geschlecht du dich zugehörig fühlst. Ich meine: Das sollten grundlegende Werte sein, auf die wir uns alle einigen sollten.

Zur Person

Mike D, bürgerlich Michael Louis Diamond, wurde 1965 in New York geboren und wurde als Mitglied der Beastie Boys weltbekannt. Gemeinsam mit Adam Yauch und Adam Horovitz prägte er seit den Achtzigerjahren den HipHop und verband Rap mit Punk, Rock und elektronischer Musik.

Nach dem Tod Yauchs 2012 zog sich Mike D weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. 2026 meldet er sich mit seinem ersten Soloalbum „Thank You“ zurück, das gemeinsam mit seinen Söhnen entstand. Neben der Musik ist er als DJ, Produzent und Designer tätig.
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Warum kriegen wir das als Gesellschaft nicht hin?

Weil all diese fundamentalen Dinge dafür genutzt werden, um eine große gesellschaftliche Spaltung herbeizuführen. Das hat diesen Graben stärker vertieft, als ich es vor zehn Jahren für möglich gehalten hätte. Es ist frustrierend. Ich fühle mich dahingehend ein bisschen hilflos. Und hoffnungslos. Das Schöne am Musikmachen ist, dass ich diesen Frust darüber darin rauslassen kann. Statt „Shut up and dance!“ eher ein „Speak up and dance!“ Vielleicht kann das ein ebenso großer Verstärker dafür sein, um die Menschen wieder zusammenzubringen.

Glauben Sie, dass Musik – oder Kunst im Allgemeinen – die „echte Welt“ positiv beeinflussen und zum Besseren verändern kann?

Musik hat die Kraft, unterschiedliche Menschen an einem Ort zusammenzubringen und sie einen besonderen Moment gemeinsam erleben zu lassen – das war schon immer so. Aber nun gibt es aufgrund der gesellschaftlichen Spaltung eine größere Dringlichkeit dafür als je zuvor.

Sie haben die Arbeit an diesem Album begonnen, indem Sie gemeinsam mit Ihren Söhnen Musik gemacht haben. Viele Eltern träumen davon, mit ihren Kindern zusammenzuarbeiten und auch im Erwachsenenalter eine gute Beziehung auf Augenhöhe zu pflegen. Wie ist Ihnen das gelungen?

Durch viel Herumexperimentieren. Obwohl meine Kinder erwachsen sind, lerne ich noch jeden Tag etwas übers Elternsein dazu – und das hört wohl auch nie auf. Es gibt ja leider kein Handbuch dazu. Sobald du zum ersten Mal dein Baby in Händen hältst, weißt du nicht mehr, was du tun sollst und wie du es tun sollst. Man findet alles erst nach und nach heraus – learning by doing.

Haben Sie Ihre Kinder denn aktiv dazu ermuntert, Musik zu machen?

Nein. Ich hätte es toll gefunden, wenn sie mit Klavier angefangen hätten, als sie noch klein waren, aber beide haben sofort gesagt, dass sie keine Lust dazu haben. Sie haben Musik und ihre Beziehung dazu selbst entdeckt – und das war cool, denn dadurch haben wir jeweils für uns eine Liebe zur Musik entwickelt, die wir heute teilen und über die wir uns nun austauschen können. Und klar: Ich bin natürlich superglücklich, dass ich das jetzt mit meinen Söhnen machen kann.

Adam Yauch, Wendell Fite, Mike Louis Diamond und Adam Horovitz (v.l.n.r.) posieren im Jahr 1987 während der „Together Forever“-Tour für ein Foto.

Adam Yauch, Wendell Fite, Mike Louis Diamond und Adam Horovitz (v.l.n.r.) posieren im Jahr 1987 während der „Together Forever“-Tour für ein Foto.

© Ross Marino Archive/imago

Sie, mit Ihrer Erfahrung und Ihrer Karriere als Musiker, können Ihren Söhnen sicher viel beibringen. Aber gibt es auch Dinge, die Sie von ihnen lernen?

Natürlich. Meine Söhne sehen Dinge anders als ich – allein dadurch und durch den Austausch darüber bringen wir uns gegenseitig weiter. Ich habe gedacht: Wir releasen einen Song, spielen ein paar Shows, veröffentlichen wieder was, spielen noch ein paar Shows – das war’s. Aber meine Söhne sind natürlich aus einer anderen Generation, wodurch sie beispielsweise Social Media viel stärker einbinden. Ich meine: Leute haben ihre Smartphones dabei, drehen Videos, teilen dieses Erlebnis mit ihren Freunden und tragen das Projekt dadurch weiter – das ist großartig. Diesen Aspekt hätte ich alleine wahrscheinlich nicht bedacht. Das Tolle an jeder Form kreativen Miteinanders ist, dass alle Beteiligten unfassbar viel voneinander lernen.

Irgendwo stand zu lesen, dass Sie die Freude am Musikmachen wiedergefunden hätten, die Sie zuvor also offenbar verloren hatten. Wie muss man sich das vorstellen?

Als ich angefangen habe, ernsthaft darüber nachzudenken, diese Platte zu machen, ist das vollkommen ohne Druck passiert. Wir sind lediglich Ideen gefolgt. Der Druck kam erst später dazu, und zwar in zweierlei Weise: Zum einen will ich natürlich jede Idee auf bestmögliche Weise umsetzen, aber das ist oft schwierig und hat auch für diese Platte nicht immer geklappt. Das hat mich frustriert, wenn ich Songs deswegen fürs Erste aufgeben und beiseitelegen musste. Aber das ist eine Art von Druck, die mir und dem Projekt letztlich hilft, weil sie dafür sorgt, dass die Dinge gut und besser werden. Dann gibt es aber noch die andere Art von Druck, die alle verspüren, die etwas Kreatives machen, und der einen zermürben kann. Nämlich die Frage: Was, wenn es den Leuten nicht gefällt? Wenn sie es hassen? Irgendwann steckt man selbst so tief drin, dass man sein Gespür dafür verliert, ob es anderen gefallen könnte. Alle Künstler empfinden dahingehend eine Unsicherheit – weil man immer von anderen bewertet wird. Und diese Form von Druck ist für ’n Arsch. Es gibt Künstler, die sagen, es kümmere sie nicht, was andere von ihrer Kunst halten. Aber ich bezweifle sehr stark, dass das stimmt. Und es gibt viele Künstler, die daran zerbrechen, wie sie von anderen beurteilt und wahrgenommen werden. Kurt Cobain, Jean-Michel Basquiat – und das war alles noch vor Social Media.

Im Song „What We Got“ aus Ihren Beastie-Boys-Zeiten gibt es die Zeile: „All of our actions, it’s what we’ve got.“ Ist das, wenn man es auf den Punkt bringt, Ihre Definition des Lebens?

Diese Line stammt aus meiner Beschäftigung mit dem Buddhismus. In einer der ältesten Schriften des Buddhismus, im Upajjhatthana Sutta, gibt es einige zentrale Betrachtungen, die uns helfen sollen, Vergänglichkeit zu akzeptieren. Die Grundannahmen darin sind sehr einfach: Wir sind dem Alter unterworfen. Wir werden alle mal krank werden. Wir werden alle sterben. Alles auf der Welt ist vergänglich. Das klingt alles sehr niederschmetternd und ernüchternd, aber der letzte Punkt, auf den sich diese Line bezieht, birgt den Lichtblick: Alles, was wir haben, sind die Auswirkungen unserer Handlungen. Das ist unser einziger Reichtum – das Konzept von Karma. Das Einzige, was wir steuern können. Wir haben es nicht in der Hand, wann wir krank werden, sterben, Dinge verlieren. Aber wir können jeden Tag möglichst viel Gutes vollbringen und unser Leben und das Leben anderer positiv beeinflussen.

Als 60-jähriger Mann – weit gereist, sehr erfahren, belesen und nachdenklich: Haben Sie eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens gefunden?

Ich bin immer noch auf der Suche danach. Aber je älter und „erwachsener“ man wird, desto mehr akzeptiert man, wie komplex das Leben ist. Auf der anderen Seite gibt es auch Aspekte, die ungemein simpel sind – einfache Verhaltensregeln. Warum sollte man nicht zu allen Menschen höflich sein? Warum sollte man anderen nicht Fürsorge und Mitgefühl entgegenbringen?

Im Jahr 2012 mussten Sie den Tod eines Ihrer besten Freunde, Ihres Beastie-Boys-Kollegen Adam Yauch, verarbeiten. Wie ist Ihnen das gelungen?

Als er gestorben ist, war das ein unfassbarer Verlust für mich, mit dem ich jahrelang zu kämpfen hatte. Jemand hat mir damals gesagt: Wenn sich ein Verlust dermaßen groß und gewaltig anfühlt, dann weißt du, wie groß die Liebe zu dieser Person gewesen ist. Diese Sichtweise hat mir bei der Verarbeitung der Trauer geholfen. Aber es dauert wirklich Jahre, mit so etwas fertig zu werden. Und „fertig“ bin ich damit immer noch nicht. Ich bin immer noch dabei, das Ganze zu verarbeiten und zu verstehen. Aber man wächst daran – so schmerzhaft es auch ist.

Was hat Ihnen bei der Verarbeitung am meisten geholfen?

Ich habe eine Therapie begonnen, um mit der Trauer umgehen zu lernen – das war sehr hilfreich. Ich habe dabei wahnsinnig viel über mich und meine Gefühle gelernt – und auch, mit anderen Menschen in meinem privaten Umfeld darüber zu reden. Ich habe aber auch eine Meditationspraxis in meinem Leben integriert, die mir dabei geholfen hat, geduldiger zu werden und Dinge aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Beides hat mir geholfen, wieder zu fühlen.

Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und den Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

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