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Bebauungspläne fürs Tempelhofer Feld: „Kleinstadt“-Denken mit anti-moderner Agenda

In seiner Replik auf einen Artikel zur angedachten Blockrand-Bebauung des Tempelhofer Feldes geht der Autor mit den Initiatoren und Politikern hart ins Gericht.

Ben Buschfeld
10 Min
Das Tempelhofer Feld, so unser Autor, ist nicht nur klimarelevante und beliebte Naherholungsfläche, sondern nach dem großen Club- und Ateliersterben auch ein höchst wertvoller Imageträger und Anziehungspunkt.

Das Tempelhofer Feld, so unser Autor, ist nicht nur klimarelevante und beliebte Naherholungsfläche, sondern nach dem großen Club- und Ateliersterben auch ein höchst wertvoller Imageträger und Anziehungspunkt.

© Joko/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Die von der IHK und den Architekten Tobias Nöfer und Hans Kollhoff empfohlene Blockrand-Bebauung 2.0 als Lösung für den Wohnungsbau in Berlin? Die CDU unterstützt die Initiative, die SPD – in Person des forsch dem Neubau das Wort redende, dabei unglücklicherweise aber auch der Denkmalfachbehörde vorgeordneten Stadtentwicklungssenators Christian Gaebler – denkt darüber nach. Echt jetzt? Der Vorschlag, das Tempelhofer Feld an drei Seiten mit Höfen und Quartieren im Stil der Mietskasernen aus der Kaiserzeit zu umbauen und die ungenügend hinterfragten Behauptungen der Organisatoren können nicht ohne Widerspruch bleiben.

Zunächst zum Tempelhofer Feld: Hier gilt es zunächst, den demokratisch herbeigeführten Volksentscheid von 2014 zu respektieren. Er drückt aus, wofür das einstige Flugfeld heute steht, nämlich den besonderen, aber mittlerweile vielerorts bereits mit dem Rücken zur steinernen Wand gedrängten Berliner Spirit. Das Feld ist nicht nur klimarelevante und beliebte Naherholungsfläche, sondern nach dem großen Club- und Ateliersterben auch ein umso wertvollerer Imageträger und Anziehungspunkt Berlins.

Hier kumuliert vieles, was uns im Vergleich europäischer Großstädte so besonders macht: der Duktus kreativer zivilgesellschaftlicher Aneignung, der unverkrampfte Umgang mit der kontaminierten Geschichte sowie das liberal-tolerante Miteinander einer wahren, nicht provinziell gedachten oder gemachten Metropole.

Die Architekten Kollhoff und Nöfer haben aus Sicht unseres Autors dunkle Pläne für das Tempelhofer Feld.

Die Architekten Kollhoff und Nöfer haben aus Sicht unseres Autors dunkle Pläne für das Tempelhofer Feld.

© Kollhoff/Nöfer/Astigmatic

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Die hinter dem Vorstoß steckenden Architekten und Immobilienentwickler verfolgen mit ihren Entwürfen eine ganz andere Agenda, nämlich die einer rückwärtsgewandten, bei Investoren beliebten Architektursprache mit allerlei neoklassizistischem Zierrat und Hang zur eklektizistisch historisierenden Architektur. Dabei bewegen sie sich in der Tradition Hans Stimmanns und seiner ab 1991 ausgegebenen Doktrin der kritischen Rekonstruktion, die uns einen Haufen langweiliger Architektur beschert hat – und auch im Rahmen der ästhetischen Vorlieben seiner derzeit amtierenden Nachfolgerin, Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt.

Nöfer verfolgt sogar eine zutiefst antimoderne Agenda, was sich zuletzt etwa in seinem – ähnlich um Aufmerksamkeit heischenden – Vorschlag zur geschlossenen Umbauung des Hansaplatzes zeigte, die heute vom Netz genommen ist. Für alle Nicht-Baukundigen: Der Hansaplatz im Tiergarten mit den umliegenden Punkt- und Scheibenhochhäusern internationaler Baumeister wie Alvar Aalto, Walter Gropius, Pierre Vago oder Oscar Niemeyer war das bauliche Zentrum der IBA 1957. Er gilt damit als architektonische Top-Sehenswürdigkeit sowie als Paradebeispiel einer bewusst offen und mit viel Grün gestalteten Stadtlandschaft im Stil des International Style der Nachkriegsmoderne.

War da was, liebe SPD?

Bis heute scheint diese Antithese zur Blockrand-Bebauung wohl zu modern für manche: In den Kreisen der Initiatoren des Tempelhof-Vorstoßes schwärmt man gerne von dem Charme italienischer Gassen und Stadtplätze und preist auch die Dichte der gründerzeitlich gewucherten Quartiere, auf welche dann in den 1920er-Jahren der Siedlungsbau des Neuen Bauens reagierte. Letzterer genießt heute zu Recht den Status eines Unesco-Welterbes. Übrigens sind auch viele Bauten und Ensembles der Ostmoderne nicht sicher vor lobbyistisch gut organisierten Gruppen, die einer historisierenden Architektursprache das Wort reden – aber um SEZ, Ahornblatt, den Palast der Republik oder das Umfeld des Alexanderplatzes soll es hier gar nicht gehen.

Allerdings ist zu konstatieren, dass Nöfer und Kollhoff wohl gute Beziehungen zu einigen Granden in SPD und CDU wie etwa Finanzsenator Stefan Evers pflegen. Weiter beschreibt der Artikel „Mega-Projekt Randbebauung: Fällt das absolute Bauverbot auf dem Tempelhofer Feld?“, wie der auch bei der Initiative mitwirkende Immobilienunternehmer Hamid Djadda vor Verhältnissen und sozialer Verdrängung wie in Paris warnt.

Das ist durchaus berechtigt, aber zur korrekten Einordnung helfen ein paar Informationen, die stutzig machen, dabei aber kaum im öffentlichen Diskurs auftauchen: Richtig ist, dass die Immobilienpreise in Paris schon vor 20 Jahren ähnlich hoch waren wie in Berlin heute und dies dem kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Innenstadtbezirke nicht gerade gutgetan hat. Wer aber über Wohnungsnot und Gentrifizierung klagt, sollte zunächst einen Blick in die jüngere deutsche und Berliner Geschichte werfen. Das Elend nahm seinen Lauf mit der Abschaffung der Wohnungsgemeinnützigkeit des städtischen Wohnungsbaus im Jahre 1990.

Wenig später, ab 1998, wurden unter den Senatoren Peter Strieder und Annette Fugmann-Heesing (beide SPD) die überwiegend kommunalen Berliner Wohnungsbaugesellschaften GEHAG und GSW in einem für das Land angeblich vorteilhaften Bieterverfahren privatisiert. Erst kam der Verkauf des Berliner Tafelsilbers an die Rinteln-Stadthagener Eisenbahngesellschaft und deren RSE Grundbesitz- und Beteiligungs-AG. Kurz darauf folgte deren Börsenübernahme durch die WCM Immobilien-Holding. Es folgten Blackstone und Oaktree Capital als Mehrheitseigner der einstigen GEHAG-Bestände. Nach einer Reihe von Transfers am Börsenmarkt bilden diese beiden „Portfolios“ aus GEHAG und GSW heute den Berliner Grundstock der Deutschen Wohnen, einer 1998 gegründeten Tochter der Deutschen Bank, die 2021 mit der deutschlandweit noch größeren Vonovia zusammenging.

Hier ist zwar festzuhalten, dass die Deutsche Wohnen seitdem sicher viel Profit gemacht, sich dabei jedoch auch durchaus gut um die Erhaltung und Instandsetzung der einstigen GEHAG-Bestände gekümmert hat – abzusehen war diese Entwicklung aber 1998 nicht. Das überwiegend aus hochkarätigen Denkmalen bestehende, maßgeblich von Bruno Taut gestaltete Portfolio wurde vielmehr sehenden Auges in eine ungewisse Zukunft entlassen. Und wie man diese Privatisierungspolitik sozial- und wohnungsmarktpolitisch heute einzuschätzen hat, dürfte eh klar sein. War da was, liebe SPD?

Die nächsten Generationen tragen die Folgen

Auch hier fehlt in dem Vorschlag nicht der leger eingestreute Hinweis, dass man Teile des Feldes ja privatisieren könnte. Ist das wirklich nur gedankenlos? Wer verstehen will, wie die Logiken des Finanzmarktes und innerstädtische Gentrifizierung zusammenhängen und welchen Flurschaden diese unselige Politik der späten Neunzigerjahre hinterließ, dem empfehle ich die Videos der EU-Initiative HouseEurope.eu, wo diese komplexen Sachverhalte durch Expertinnen wie etwa die Ökonomin Ann Pettifor oder die Architektur-Professorin Charlotte Malterre-Barthes sehr gut und anschaulich erklärt werden. Wer dann richtig schlechte Laune kriegen möchte, schaut außerdem noch die sehr empfehlenswerte fünfteilige Dokumentation „Capital B – Wem gehört Berlin?“, die sich etwa in der ARD-Mediathek abrufen lässt.

Es kann einen nur wundern, wie weit die Fehleranalyse zwischen den etwas progressiver und ganzheitlicher denkenden Fachkreisen und der gängigen politischen Rhetorik „Hier brauchen wir jetzt Neubau“ bisweilen auseinanderklafft. Eine breite Allianz von Fachleuten verschiedener Disziplinen betont, dass die Wohnungsnot zwar auch Neubau erfordert, aber die Wohnungskrise in den Städten bei weitem nicht nur so gelöst werden kann und sollte.

Hier sind die Hochschulen, zahlreiche NGOs – wie etwa Architects for Future – oder auch die berufsständige Vertretung in der Architektenkammer Berlin schon viel weiter als das, was uns Politik und Immobilienlobby immer wieder, hier jetzt auch in Tempelhof, als „alternativlos“ verkaufen wollen – und was in dem Artikel in der Berliner Zeitung leider auch unwidersprochen bleibt.

Was wären nachhaltigere, klima- und generationengerechtere Alternativen? Die Experten von der „Anti-Abriss-Allianz für Umbaukultur“ etwa fordern, dass der Kreislauf von klimaschädlichem und die Gentrifizierung der Innenstädte treibendem Abriss und Neubau durchbrochen werden muss. Bei jedem Abriss werden nicht nur für den Bau bereits aufgewendete Energie und Ressourcen vernichtet, sondern auch erhebliche Emissionen freigesetzt. 50 Prozent des deutschen Abfallvolumens entfallen auf den Bausektor. Ebenso erzeugt dieser Sektor fast 40 Prozent der CO2-Emissionen – das ist weitaus mehr als etwa durch den Flugverkehr, wo der Wert „nur“ bei 3,5 Prozent liegt.

Die Profite dieser Praxis werden meist privatwirtschaftlich verbucht, die ökologischen Folgekosten aber sozialisiert und an die nächste Generation weitergegeben. Ist das gerecht? Würden soziale und ökologische Folgeschäden realistisch eingepreist, wäre Neubau wirtschaftlich immer teurer als eine meist ebenfalls mögliche Um- und Nachnutzung von Bestandsgebäuden. Das erfordert zwar etwas mehr Denkleistung bei politisch Verantwortlichen, aber so ließe sich auch der Gentrifizierung der Innenstädte wirksam begegnen.

Vorstellung der CDU-Plakatkampagne zum Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Feld Anfang April 2014 mit Kai Wegner, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Regierender Bürgermeister, sondern als Generalsekretär der CDU im Einsatz war.

Vorstellung der CDU-Plakatkampagne zum Volksentscheid über die Zukunft des Tempelhofer Feld Anfang April 2014 mit Kai Wegner, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Regierender Bürgermeister, sondern als Generalsekretär der CDU im Einsatz war.

© Berlinfoto/Imago

Verantwortungslose Politik

Die Schlagworte in progressiveren Fachkreisen lauten etwa: Bauen im Bestand, „adaptive reuse“ von nicht benötigten Büro- und Gewerbeflächen, Wohnflächensuffizienz durch Fokus auf neue Wohnmodelle mit mehr „shared spaces“ sowie mehr „tiny appartements“ und „micro appartments“, Aufstockungen innerstädtischer Bau- und Supermärkte, Leerstandsmobilisierung und Zweckentfremdungsprävention, Erhalt von „grauer“ und „goldener Energie“, Besteuerung von CO2-Emissionen, Denkmalpflege als Impulsgeber kontextsensitiver Nachnutzung, Förderung von Genossenschaften und Wohnungstauschbörsen und, und, und.

Dazu ein Beispiel, bei dem Zahl gegen Zahl steht: Es heißt immer, Berlin braucht rund 30.000 Wohnungen pro Jahr. Okay, aber ungefähr genauso viele Wohnungen ließen sich laut Hochrechnungen auch durch Umnutzung nicht benötigter Büroflächen gewinnen. Und dass Menschen in Deutschland durchschnittlich 49 Quadratmeter pro Person zur Verfügung haben und man sich in Städten an seinen alten Mietvertrag quasi klammern muss, da auch der Umzug in eine kleinere Wohnung fast immer eine massive Verteuerung bedeuten würde, ist aberwitzig. Dieses gemeinhin als Lock-in-Effekt beschriebene Phänomen und die daraus resultierende Stagnation auf dem Wohnungsmarkt sind viel eher das Problem als zu wenig Wohnfläche in Gänze.

Natürlich kommt man um Neubau manchmal nicht herum. Aber es ist wichtig festzuhalten, dass auf Umschichtung, kreative Um- und Nachnutzung zielende Ansätze ökologisch und sozial viel nachhaltiger wären als ein Neubau, noch mehr versiegelte Fläche und der damit oft einhergehende Verlust kulturell und gesellschaftlich bedeutender Freiräume.

Aber natürlich ist es leichter, hemdsärmelig auf Neubau zu pochen und angesichts einer größeren Freifläche ein paar Zahlen, Vorschläge und Renderings in den Raum zu werfen, die vermeintlich einfach umzusetzen sind und bei den Wählern statistisch Punkte bringen können. Umso mehr gilt es, solche „Projektvorschläge“ in der Berichterstattung zu hinterfragen und festzuhalten, wie sie ebenso gut auch gelesen werden können: etwa als geschmacklich historisierende Agenda, gezielte Lobbyarbeit, populäre Stimmungsmache und zusätzlicher Gentrifizierungsimpuls.

Auch ließe sich mutmaßen, dass es sich auch um persönliche Projektakquise handeln mag, aber das will und kann ich nicht unterstellen. Bestimmt aber verfolgt der Vorschlag eine gezielte und von Teilen der Politik begrüßte Strategie der kalkulierten Diskursverschiebung.

Eine solche Politik des „Immer-mehr“ im Bausektor ist aber nicht alternativ-, sondern eher ideen- und langfristig verantwortungslos.

Ben Buschfeld ist selbstständiger Grafik-Designer, der parallel als Autor, Aktivist, Publizist und Kurator im Bereich der Denkmalvermittlung aktiv ist. Zusammen mit seiner Frau, Katrin Lesser, betreibt er in der Hufeisensiedlung ein mietbares Museum zur Architektur der 1920er-Jahre. Er ist Gestalter, Mitgründer und Co-Organisator des Festivals Triennale der Moderne sowie Mitglied in verschiedenen Netzwerken und Berufsverbänden – wie etwa dem Deutschen Werkbund Berlin, Docomomo Germany, IconicHouses.org, der Anti-Abriss-Allianz und dem KulturerbeNetz.Berlin.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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