Becks Ruck-Rede

Christian Bommarius
4 Min

Die SPD hat einen Vorsitzenden, aber einen Chef hat sie nicht. Kurt Becks Versuche, einer zu werden, also seinem Wort in der Partei Gewicht und in der Bevölkerung Gehör zu verschaffen, sind allesamt gescheitert. Über die Ursachen lässt sich natürlich streiten - eine ist in Becks Unfähigkeit zu suchen, ein Thema nicht nur anzusprechen, sondern es auch dauerhaft gedanklich zu besetzen, eine andere in seiner ostentativen Distanz zu Berlin -, aber die Folgen sind ebenso eindeutig wie dramatisch. Wenn Beck so weiter macht, dann steht seine Partei bald nicht nur ohne Chef, sondern wieder einmal auch ohne Vorsitzenden da.Becks leicht vulgärer, immerhin vermutlich authentischer Auftritt vor dem SPD-Parteirat lässt sich als Bemühung verstehen, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, den noch verdeckten, aber überaus aktiven Konkurrenten um die Kanzlerkandidatur, in die Schranken zu weisen. Natürlich durfte sich auch Finanzminister und Parteivize Peer Steinbrück angesprochen fühlen, der seit längerem in der SPD einerseits Verzagtheit als bestimmendes Lebensgefühl diagnosziert und sich von lauter "Heulsusen" umstellt sieht, andererseits nicht recht verdeutlicht, wie sich nach dieser Diagnose bei den Genossen mehr "Selbstbewusstsein" einstellen soll, das er so schmerzlich vermisst. Nur Andrea Nahles, die sich offenbar vor Jahren auf einer Partei-Akademie zur sogenannten Hoffnungsträgerin hat ausbilden lassen, war von Beck bestimmt nicht angesprochen, denn das vertrüge sich nicht mit ihrem Diplom als "linkem Urgestein"."So einen Scheiß lasse ich mir nicht mehr bieten." Diese luzide Bemerkung Becks wird im Gedächtnis bleiben, nicht wegen der rhetorischen Wucht, die sich in ihr entfaltet, sondern wegen der Reaktion in der Partei. Ein Machtwort ist erfolgreich, wenn es den Gerüffelten zum Schweigen bringt, doch es ist eine klägliche Posse, wenn ihm jeder, wirklich jeder ausführlich und mit breitem Grinsen applaudiert. Mehr Beifall aber als nach diesem Auftritt hat Beck von seiner Partei seit seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden im Mai 2006 noch nicht zu hören bekommen. Zumindest darin ähnelt Becks Ausbruch der bekannten Berliner Rede des Bundespräsidenten Roman Herzog von 1997: Dessen Aufforderung, durch Deutschland müsse ein Ruck gehen, wurde allseits als richtiges Wort zur richtigen Zeit gefeiert und als Aufruf an alle Leistungsverweigerer und Sesselfurzer verstanden, verdammt noch mal endlich die geliebte Hängematte zu verlassen - der Beifall erklang selbstverständlich aus ungeräumten Hängematten.Die Verlegenheit, in der sich die SPD mit ihrem Vorsitzenden befindet, tritt in keiner Bemerkung deutlicher hervor als in dem Lob, das Johannes Kahrs, der Sprecher des konservativen Kreises der SPD, ihm zollte: " Das ist das, was wir schon immer gefordert haben: klare Ansagen, Führung." Aber Führung besteht nicht darin, die Führung zu behaupten, ohne den Geführten Ziel und Richtung anzugeben, und klare Ansagen sind auch nicht besonders hilfreich, wenn sie nur klar sind, ohne etwas anzusagen.Von Anfang an hat sich Beck an der Spitze der Partei ausschließlich als Moderator verstanden, der die Auseinandersetzungen zwischen den Fortsetzern der Agenda 2010 um Steinmeier, Steinbrück und Platzeck einerseits und deren linken Kritikern andererseits schlichtend begleitet, als neutraler Pfeifenmann, der das Spiel auf dem Feld so lange wie möglich laufen lässt, Fouls bestraft und im übrigen die geschossenen Tore zählt. Aber einem Parteivorsitzenden ist diese Rolle nur erlaubt, wenn er sich frei dafür entscheidet, wenn ihm anzuspüren ist, dass er jederzeit die Moderation mit Führung und mit klarer Ansage vertauschen kann. Nur dann ist der Parteivorsitzende auch als Moderator souverän, nur dann ist er der Chef.Dieses Rollenspiel aber ist Becks Sache nicht. Wer sich von vornherein mit der Rolle des Moderators begnügt, also mit dem formalen Führungsanspruch des Vorsitzenden, ohne ihn inhaltlich zu gestalten und zu festigen, der bleibt Moderator selbst dann, wenn der Chef gefragt ist. So hat der SPD-Parteirat und haben die Vertreter der diversen Flügel auch diesmal Kurt Beck erlebt, nicht als führenden Chef, sondern als wütenden Moderator.Man weiß nicht so recht, was man der SPD in ihrer beklagenswerten Lage wünschen soll. Aber einen Chef hätte sie in jedem Fall verdient.------------------------------Man weiß nicht so recht, was man der SPD in ihrer beklagenswerten Lage wünschen soll. Aber einen Chef hätte sie in jedem Fall verdient.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner