Bei den Ideen von einer linken Mehrheit wird das Wichtigste vergessen: Die Mitte

Träume von Rosarotgrün

Mathias Zschaler
3 Min

Es war Willy Brandt, der in den achtziger Jahren die "Mehrheit links von der Union" sah. Das wurde von einigen mißverstanden. Seit der SPD-Vorsitzende Lafontaine heißt, geistert jetzt die Idee einer linken Mehrheit durch die deutschen Debatten. Was gemeint ist, scheint klar: SPD, Bündnisgrüne und irgendwie auch die PDS sollen sich zusammentun, um ein alternatives Machtzentrum zu bilden. Damit soll einerseits dem schwächer werdenden christlich-liberalen Projekt Paroli geboten und andererseits vermieden werden, daß die SPD bei entsprechenden Wahlausgängen stets mehr oder minder zwangsläufig im Lager einer Großen Koalition landet.Das ist zunächst ein Rechenexempel, hergeleitet aus dem Anblick einschlägiger Tortengrafiken. Der Faktor Lafontaine, so das neue Kalkül, macht mehr möglich als das, was unter dem zaudernden, letztlich eher sozialliberalen als rotgrünen Scharping machbar war. Das bisher leicht degoutante Magdeburger Modell - als Notlösung konstruiert - wirkt plötzlich geadelt; das könnte sich fortentwickeln lassen, meinen nun manche. Und jenseits der formalen strategischen Macht-Überlegungen wird der Versuch unternommen, die denkbaren Konstellationen sozusagen weltanschaulich zu unterfüttern - eben mit dem Begriff einer vereinigten neuen Linken.Das mutet aber bestenfalls eher rührend als realistisch und schlimmerenfalls sogar irreführend an: Als herrschte zwischen den in Rede stehenden Parteien tatsächlich so etwas wie eine noch unentdeckte, linke Gemeinsamkeit, die nur aktiviert zu werden brauchte! Es gibt sie nicht einmal in ihrem Innern. Wer sich ihre Binnen-Zustände vor Augen führt, entdeckt vielmehr je ein breites Spektrum an Anschauungen, in dem das Linke höchstens die Hälfte umspannt, aber keineswegs die Mehrheit beschreibt.Dabei mutet, was Links heute meint und will, ohnedies vage an. Einfacher ist schon zu definieren, was der Linke im Zweifel nicht will: keine restriktives Asylrecht, keine Abschaffung des Sozialstaats, keinen hemmungslosen militärischen Interventionismus. Was daraus an Noch-Wollen folgt, klingt altbekannt: Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität, Frieden.Aber wer will das nicht? Legt man dies Muster auf die Mitte an, so zeigt sich: Sie ist nicht nur der propagandistisch beschworene Tummelplatz der Mehrheitsstrategen, sondern der tatsächliche Austragungsort der politischen Orientierungen. Das Verhalten der Wähler richtet sich längst nicht mehr nahtlos an den Verbindlichkeiten der Parteien-Milieus aus. Es gibt Bürger, die gegen Sozialabbau und für Auslandseinsätze sind und SPD wählen. Es gibt ökologisch gestimmte Unionswähler, die gegen Interventionismus und für eine sehr liberale Marktwirtschaft sind. Es gibt christlich-wertkonservative Sozialdemokraten, unchristliche CDU-Wähler, desgleichen Fortschritts-Skeptiker - etwa mit Blick auf Atom- oder Gentechnik - in allen Parteien. Und ebenso durchgängig Befürworter von mehr Basisbeteiligung bis hinein in die als ganz konservativ geltende CSU. In der Mitte trifft und mischt sich alles, was die Vorratslager der Konzepte und Ideen derzeit an Versatzstücken bieten.Wenn je zutraf, daß hierzulande keine Mehrheiten ohne die Mitte zu gewinnen sind - und es traf nach Grundstimmung und innerer Verfassung der Bundesdeutschen fast stets zu -, so ist dieser Befund gerade heute unabweisbar. Von daher verbietet sich jedes Hantieren mit der Vorstellung einer explizit linken Mehrheit, soweit diese sich programmatisch definieren wollte. Da hat Joschka Fischer, der im übrigen erkennbar gereizt auf den Oppositionsführer-Rivalen Lafontaine reagiert, mit seinen Warnungen recht.Auch Brandt hat seinerzeit die Mitte eben nicht ausgeklammert, sondern sie zum Ausgangsort einer Öffnung nach links gemacht. Doch in den Disputen, die sein Wort auslöste, wurde dies bald zum Phantom einer "Mehrheit links von der Mitte" verfremdet. Das war genauso falsch wie jenes rosarotgrüne Träumen von einer linken Mehrheit, dem jetzt einige nachhängen. +++

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