Die SPD nennt es Ausländer-, die GAL Migrationspolitik. Die SPD spricht von Kernkraft, die GAL vom Atom. Nicht nur die Wortwahl unterscheidet die künftigen Hamburger Koalitionspartner. Sie mußten sich auch eine Reihe von Brücken bauen, die über soziale Milieus, gegensätzliche Parteikulturen und nicht zuletzt über mehr als 15 Jahre Konfrontation im Hamburger Rathaus hinwegführten. Der umfangreiche Koalitionsvertrag, der im Moment noch redigiert und am Donnerstag unterzeichnet werden soll, wird der schriftliche Beleg einer erstaunlichen Annäherung sein. Der SPD-Doppelspitze Ortwin Runde und Jörg Kuhbier ist es gelungen, ihre bei der Bürgerschaftswahl vor sechs Wochen geschlagene Partei selbstbewußt und geschlossen in das Bündnis mit der GAL geführt zu haben. Unter Bürgermeister Henning Voscherau galt das noch als Kapitulation. Aber jetzt: Keine Querschüsse vom Arbeiterflügel, nach kurzem Aufheulen kaum noch ein böses Wort aus der Wirtschaft der Stadt. Für die GAL haben Krista Sager, Antje Radcke und Willfried Maier ein ähnliches Kunststück vollbracht. Ihre Klientel aus Lehrern, Lebenskünstlern und Larmoyanten stöhnt zwar noch über den Verlust an Utopie, wird aber vom Gewinn an Macht getröstet und das Verhandlungsergebnis am Ende wohl akzeptieren. Zwar mußte die GAL ökologische Zugeständnisse machen, als sie die Elbvertiefung, den Vertragszwang zur Müllverbrennung oder die Flughafenerweiterung akzeptierte. Aber daß zukünftig Menschenrechtsorganisationen mitreden können, bevor Asylbewerber abgeschoben werden, daß die Ausländerbehörde dezentralisierte wird und daß ein Polizeibeauftragter Übergriffen der Ordnungshüter nachgeht, sind deutliche Erfolge der GAL aus den letzten Verhandlungsrunden. Es kommt jetzt darauf an, so Krista Sager, daß die Reformen "das Leben für einige Menschen in der Stadt merkbar beeinflußen".Selbst aus der Wirtschaft bekam die GAL Lob für ihre Politik. Ein führender Mann von "Euro-Kai", der zu einer GAL-Wirtschafts-Veranstaltung unter dem Motto "Fürchtet Euch nicht" gekommen war, lobte die Grünen für ihre Vorschläge zur intensiveren Hafennutzung: "Das ist ganz in unserem Sinne".Auch die SPD kann mit dem Regierungsprogramm Terrain gutmachen. Der Verzicht auf Großsiedlungen auf der grünen Wiese wird ihr nicht wehtun, weil sie zum einen derzeit nicht gebraucht werden, zum anderen sozial hochbrisant sind. Die Arbeits- und Wirtschaftspolitik wird weiter von den Sozialdemokraten gemacht, 1 000 zusätzliche Ausbildungsplätze werden ihnen zum Beispiel gutgeschrieben. Zwar hätte Ortwin Runde es "sehr begrüßt" wenn sich die GAL auch im repressiven Bereich, sprich Inneres und Justiz, engagiert hätte", aber so kann die SPD die Lorbeeren ernten, wenn Erfolge in diesem Bereich zu vermelden sein sollten.
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