Vor sechs Jahren setzte der Schlagersänger Ben Zucker seiner langjährigen Wahlheimat ein musikalisches Denkmal. „Du bist so dreckig, wunderschön, einzigartig anzusehen. Nur bei dir fühl ich mich zu Hause“, sang Zucker 2019 in seiner Stadthymne „Mein Berlin“.
Seither ist einiges an Zeit vergangen. Der 42-Jährige ist nicht nur aus Berlin weggezogen, er blickt heute auch um einiges ambivalenter auf die Hauptstadt, wie man aus unserem Fragebogen heraushören kann.
Dennoch: Ben Zucker, dessen neues Album „Kämpferherz“ am 2. Oktober erscheint, bleibt Berlin eng verbunden. Er sagt, dass er der Stadt für immer dankbar sein wird – und hat eigens für die Berliner Zeitung sogar einen neuen, kleinen Berlin-Songtext verfasst. Aber lesen Sie selbst ...
1. Herr Zucker, würden Sie für uns einen schmissigen Vierzeiler zur Hauptstadt dichten, der Ihrer aktuellen Gefühlslage entspricht?
Berlin.
In dir bin ich aufgewachsen.
Du lebst Schäume und Träume.
Auch ein Clown wird mit dir erwachsen.
Du bist der schönste Wald, ohne Bäume.
2. Wunderbar, vielen Dank! Sie selbst sind zwar in Ost-Berlin aufgewachsen, wurden aber als Benjamin Fritsch in Ueckermünde in Mecklenburg-Vorpommern geboren. Wann zogen Sie von dort weg?
Als ich ein Jahr alt wurde, ging es für mich bereits nach Berlin. Meine Mama hatte ihre Ausbildung als Krankenschwester beendet und hat in Berlin angefangen zu arbeiten.
Zur Person
3. Sie haben dann zunächst in Berlin-Mitte gelebt. Was ist Ihnen von Ihrer Ost-Berliner Kindheit besonders in Erinnerung geblieben?
Tatsächlich die nicht mehr existierende Mohrenstraße, die heutige Anton-Wilhelm-Amo-Straße. Um diese Straße herum bewegte sich alles im Kiez, der U-Bahnhof war unsere Station für fast all meine Freunde.
4. Kurz vor dem Mauerfall zog Ihre Familie nach Westdeutschland. Wann kamen Sie nach Berlin zurück?
Meine Eltern hatten Heimweh und sind 1991 wieder zurück nach Berlin gezogen. Das war die beste Entscheidung für uns alle. Wir waren wieder zu Hause.
5. Stimmt es, dass Sie zeitweise in einem besetzten Haus gelebt haben?
Kein klassisch besetztes Haus. Meine Mama hatte eine liebe Arbeitskollegin, die in der Oranienburger Straße wohnte. Nach der Wende standen unzählige Wohnungen leer. Die Arbeitskollegin kannte in ihrem Haus den zuständigen Hausmeister und gab meinen Eltern den Schlüssel für eine Wohnung, die leer stand, aber eigentlich noch vermietet war. Dort haben wir dann anderthalb Jahre gelebt.
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6. Ihre Berlin-Zeit nahm vor drei Jahren ein Ende: Sie sind aufs Land gezogen und leben nun an der Ostsee. Wurde Ihnen die Hauptstadt zu viel, oder was war der Grund?
Ich bleibe Berlin auf ewig und für immer dankbar. Nirgendwo auf der Welt kann man sich so gut durchschlagen als Künstler, wie es Berlin geboten hat. Das war zumindest vor zehn Jahren so. Am Ende hatten meine Wurzeln Durst und der Wind hat nach mir gerufen.
7. Wie oft sind Sie noch in der Hauptstadt – und was fehlt Ihnen am Leben hier besonders?
Meine Plattenfirma befindet sich in Berlin, daher bin ich häufiger für Meetings in der Stadt. Mir fehlen oft meine Familie und Freunde. Das ist manchmal emotional schon sehr herausfordernd.
8. Welcher ist Ihr Lieblingsort in Berlin?
Es gibt hinter der Friedrichswerderschen Kirche einen kleinen Platz, da bin ich sehr gern. Vor allem mit meinen Geschwistern – das war immer einer unserer Lieblingstreffpunkte.
9. Ihre persönliche No-Go-Area?
Habe ich eigentlich nicht, aber ich meide schon sehr den Alexanderplatz. Da hat sich für mein Empfinden eine unruhige Atmosphäre entwickelt.
10. Ein Abend mit Freunden: In welchem Restaurant wird reserviert?
Im Anna Koschke in der Krausnickstraße. Die Besitzerin ist eine Urberlinerin, das mag ich sehr. Es gibt leckere Hausmannskost und man fühlt einfach ein Stückchen altes Berlin-Mitte. Da war ich leider schon lange nicht mehr. Werde ich aber bald nachholen.
11. Der beste Stadtteil Berlins?
Ich hab mal im Kaskelkiez in Lichtenberg gewohnt. Das war eine schöne und entspannte Zeit. Die Häuser sind sehr flach und schmal gebaut – das macht es luftiger. Es gibt viele kleine Cafés, kleine Läden, allesamt privat betrieben. Heinrich Zille hat da auch mal gewohnt … find ick sehr jut!
12. Was nervt Sie am meisten an der Stadt?
Dass die Stadt Berlin für Kunst und Musik immer kleiner wird.
13. Kommen vs. gehen: Nach Berlin ziehen oder es lieber bleiben lassen?
Wenn man anonym bleiben und die ganze Welt zusammenkommend, geballt in ihrer Vielfältigkeit, erleben möchte, dann unbedingt nach Berlin. Als Musiker möchte ich aber gern sagen, beziehungsweise den Rat geben: Wenn du Musik oder Kunst machst, bleib da, wo du bist. Du hast auch dort sämtliche Möglichkeiten. Berlin ist viel Lärm um nichts. Und ganz wichtig: Berlin ist geil, aber verschlingt dich sofort, wenn du nicht bei dir bleibst.
Dieser Text ist zuerst am 21.09.2025 erschienen.
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