Luftverkehr

BER jubelt, Lufthansa tobt: Die Reaktionen auf den Emirates-Deal

Berlin feiert den Durchbruch. Die deutschen Airlines zeigen sich „entsetzt“. Verdi spricht vom Ausverkauf deutscher Arbeitsplätze. Und nun bekundet auch Etihad Interesse.

8 Min
Bald im Anflug auf Berlin? Eine Boeing von Emirates

Bald im Anflug auf Berlin? Eine Boeing von Emirates

© Mateusz Wlodarczyk

Eine gute Nachricht für den BER und Ostdeutschland: Darin sind sich die meisten Beobachter einig. Nach langen Bemühungen ist der Weg frei für eine weitere Langstrecke in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Der Durchbruch für den darbenden Airport wurde besiegelt, als VAE-Präsident Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan Berlin besuchte.

„Heute zahlt sich unser langer Einsatz aus: Der BER bekommt die internationale Anbindung, die eine Hauptstadt verdient“, sagte Sepp Müller, CDU-Politiker aus Sachsen-Anhalt und Vize der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Auch in Berlin waren viele Reaktionen positiv.

„Für den BER ist der Durchbruch doppelt wertvoll“, erklärte ein Insider am Freitag. Die Anstrengungen von Emirates hätten innerhalb der Luftfahrtbranche gezeigt, dass Berlin eine wirtschaftlich interessante Destination ist. Emirates gelte als ein Unternehmen, das „knallhart kommerziell“ agiert. Jüngst habe auch Etihad, die andere große Fluggesellschaft in den Emiraten, Interesse geäußert. Bis die neue Route in Betrieb geht, steht aber noch ein Verfahren an.

Emirates: Seit Jahren bemüht sich die Airline um Berlin

Bei dem Staatsbesuch ging es am Donnerstag um das Abkommen, das die Bundesregierung 1994 mit der obersten Luftfahrtbehörde der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) abgeschlossen hat. Die bisherige  Version ermöglicht es, von den Emiraten aus vier deutsche Flughäfen anzusteuern. Die in Berlin besiegelte Ergänzung sieht vor, dass eine Airline aus den Emiraten auch einen fünften Airport anfliegen darf.

Sieben Flüge pro Woche wären möglich. Dem Vernehmen nach wird die Zahl der Flüge zu den vier anderen Airports in Deutschland gedeckelt, mehr Verkehr wäre demnach nicht möglich. Während Berlin zumindest in den meisten Entwürfen explizit genannt wird, findet sich der Name der Fluggesellschaft Emirates in der Vereinbarung nicht wieder.

Derzeit fliegt Emirates nach Frankfurt am Main, München, Hamburg und Düsseldorf. Seit Jahren bemüht sich die Airline darum, Berlin ins Programm aufnehmen zu dürfen. Zuletzt stand auch Stuttgart auf der Wunschliste. Wie berichtet, zeichnete sich jüngst ab, dass Deutschland den Emiraten zumindest auf halber Strecke entgegenkommt.

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Nun müssen die Emirate eine Entscheidung treffen

Zwar hatte die Lufthansa kurz vor dem Staatsbesuch ihre Lobbyarbeit intensiviert. Weiterhin befürchten Hessen und Bayern, dass ihre größten Flughäfen Verkehr einbüßen. Doch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) war klar, dass er den Gast nicht mit leeren Händen empfangen kann. Mohamed bin Zayed Al Nahyan kündigte am Donnerstag an, dass die Emirate 40 Milliarden Euro in Deutschland investieren werden. Er dürfte eine Gegenleistung erwartet haben.

Eine Lufthansa-Maschine und andere Flugzeuge am Flughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld. Ganzjährig hat der BER drei Langstreckenziele, saisonal weitere fünf.

Eine Lufthansa-Maschine und andere Flugzeuge am Flughafen Berlin Brandenburg (BER) in Schönefeld. Ganzjährig hat der BER drei Langstreckenziele, saisonal weitere fünf.

© Jens Kalaene/dpa

„Wir freuen uns über jede neue Airline, die den BER anfliegt“, sagte Dennis Dobrowolski, Sprecher der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH (FBB), am Freitag. „Zusätzliche Angebote stärken die globale Erreichbarkeit der Hauptstadtregion und machen sie als Wirtschafts- und Tourismusstandort noch attraktiver.“

Dass aber auch der BER noch nicht sagen kann, wann die neue Interkontinentalverbindung zum Hauptstadt-Airport in Betrieb geht und wer sie betreibt, hat seinen Grund. Zwar ist auf deutscher Seite nun endlich alles klar. „Doch in den Vereinigten Arabischen Emiraten ist noch nicht alles in trockenen Tüchern“, erklärte ein Insider.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gibt es sechs Fluggesellschaften. Zu den größten gehören Emirates und Etihad. Das Bild zeigt eine Boeing 787 von Etihad Airways.

In den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) gibt es sechs Fluggesellschaften. Zu den größten gehören Emirates und Etihad. Das Bild zeigt eine Boeing 787 von Etihad Airways.

© Andreas Haas/imago

Bevor das Abkommen umgesetzt werden kann, stünden in den Emiraten wichtige Verfahrensschritte und Anhörungen an. „Die VAE sind, wie der Name schon sagt, eine Föderation“, erklärte der Gesprächspartner der Berliner Zeitung. Der Staat ist ein Zusammenschluss von sieben Emiraten. Die Bundesluftfahrtbehörde muss sich nun mit regionalen Luftfahrtbehörden abstimmen, und hier kommen Rivalitäten ins Spiel.

Emirates, im Emirat Dubai ansässig, ist in den VAE schließlich nicht die einzige große Fluggesellschaft. Im Emirat Abu Dhabi, wo sich auch die Hauptstadt der Föderation befindet, hat das Luftfahrtunternehmen  Etihad Airways seinen Sitz. Diese Airline steuert in Deutschland derzeit Frankfurt am Main, München und Düsseldorf an.

Nach Informationen der Berliner Zeitung zeigte Etihad jüngst ebenfalls Interesse am BER. „Dass sich Emirates so lange um Berlin bemüht haben, löste dort offensichtlich Nachdenken aus“, berichtete der Branchenkenner. Emirates gelte weltweit auch deshalb als erfolgreich, weil die Airline ihre Chancen genau kalkuliert und letztlich nur dorthin fliegt, wo es sich wirklich wirtschaftlich lohnt. Ihre Bemühungen haben den BER interessanter gemacht, lautete die Einschätzung.

Senatorin Giffey: „Beharrlichkeit zahlt sich aus“

Dem Vernehmen nach setzte sich Etihad zuletzt dafür ein, im Abkommen zu verankern, dass mehrere Airlines den fünften Airport anfliegen dürften. Angeblich lässt die nun gewählte Formulierung dies aber nicht zu. Eine offizielle Auskunft gibt es dazu nicht.

Was es gibt, sind Reaktionen. Die meisten sind positiv. „Beharrlichkeit zahlt sich aus“, sagte die Berliner Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey. Die SPD-Politikerin bemüht sich seit 2022 beharrlich darum,  dass Emirates zum BER fliegen darf. „Es geht um mehr als eine einzelne Flugverbindung“, betonte Giffey. „Es geht um die Frage, ob Ostdeutschland bei internationaler Mobilität, Wirtschaft und Tourismus die gleichen Chancen bekommt wie der Westen Deutschlands.“

„Diese Direktverbindung ist ein handfester Standortvorteil für Berlin“, sagte Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) am Freitag. Möglich seien nun bessere Verbindungen der Hauptstadtregion in „große Teile Asiens, Afrikas und Ozeaniens – Märkte, die für die Berliner Wirtschaft, den Tourismus und die Wissenschaft von hoher Bedeutung sind“.

Lufthansa äußert heftige Kritik: Kein Nutzen für Berlin

„Eine tolle Nachricht für die Hauptstadtregion“, lobte Robert Rückel, Vizepräsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. „Die Bundesregierung macht den Weg dafür frei, dass Airlines aus den VAE wie Emirates oder Etihad Berlin anfliegen dürfen.“ Jede weitere internationale Verbindung erhöhe die Wettbewerbsfähigkeit der Hauptstadtregion im globalen Standortwettbewerb.

Wie erwartet äußerte die Lufthansa heftige Kritik. Eine Sprecherin der Lufthansa Group sagte: „Die Bundesregierung hat sich offiziell die Stärkung des Luftverkehrsstandortes Deutschland auf die Fahnen geschrieben. Ihre praktische Politik steht für das Gegenteil.“

„Die vereinbarte Ausweitung von Verkehrsrechten zugunsten der Vereinigten Arabischen Emirate verlagert Wertschöpfung und Arbeitsplätze an den Golf und verstärkt die Wettbewerbsverzerrung weiter. Berlin erhält damit nur Anschluss an ein Drehkreuz am Golf, aber keine zusätzliche direkte Langstreckenverbindung“, sagte sie.

Angenehme Reise: die erste Klasse in einer Boeing 777-300ER von Emirates

Angenehme Reise: die erste Klasse in einer Boeing 777-300ER von Emirates

© Emirates

Dass die Zahl der Landepunkte in Deutschland bisher auf vier beschränkt sei, habe mit „erheblichen strukturellen Unterschieden in den Märkten“ zu tun. Auch gebe es in den VAE keine Tarifbindung, kein Streikrecht sowie keine Umweltauflagen, die mit den europäischen vergleichbar wären. Das verzerre den Wettbewerb, betonte die Lufthansa.

Ein wichtiges Detail: Die VAE-Airlines nutzen nicht nur den russischen Luftraum, sie fliegen auch Ziele dort an. Allein Emirates bietet 28 Flüge pro Woche nach Russland an, zwölf mehr als vor Kriegsbeginn, erläuterte die Lufthansa-Sprecherin.

Emirates wolle in Berlin keine neuen Langstreckenziele anbieten, hieß es. Ziel werde ausschließlich Dubai sein, wo die meisten Passagiere umsteigen. Es gebe bereits andere Verbindungen auf die Arabische Halbinsel. Eurowings, Teil der Lufthansa Group, nimmt im Oktober die Routen vom BER nach Dubai und Abu Dhabi wieder auf. Dschidda kommt im Dezember dazu. Qatar Airways fliegt ganzjährig BER–Doha.

„Ausverkauf deutscher Arbeitsplätze“: Was der BDF sagt

„Wir sind entsetzt darüber, wie wenig die Interessen der deutschen Fluggesellschaften und der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unserer Unternehmen bei dieser Entscheidung berücksichtigt wurden“, sagte Michael Engel, Chef des Bundesverbands der Deutschen Fluggesellschaften (BDF). „Das ist der Ausverkauf deutscher Arbeitsplätze und ein weiterer Schlag in die Magengrube unserer Unternehmen.“

Die Gewerkschaft Verdi lehnte die Neuerung ebenfalls ab. „Das ist keine verantwortungsvolle Luftverkehrspolitik, sondern ein fragwürdiger Deal zulasten inländischer Arbeitsplätze, Wertschöpfung und eines Teils unserer kritischen Infrastruktur. Deutsche Luftverkehrspolitik darf keine Verhandlungsmasse bei Staatsbesuchen sein“, sagte Dennis Dacke, Bundesfachgruppenleiter Luftverkehr und Maritime Wirtschaft.

Zusätzliche Emirates-Verbindungen zum Drehkreuz in Dubai verbesserten nicht automatisch die internationale Anbindung Deutschlands. Mehr deutsche Abflughäfen stärkten vor allem das Drehkreuz am Golf und könnten Passagierströme aus europäischen und deutschen Netzen sogar dorthin verlagern, erklärte Dacke.

„Vermutlich unumgänglich“: Das meinen Experten

„Auch wenn der Zugang für Emirates in Berlin nicht nur auf Widerstand bei der Lufthansa stößt, sondern auch bei Gewerkschaften etwa der Piloten, war dieser Schritt vermutlich unumgänglich“, schätzt Andreas Spaeth, ein Kenner des Luftverkehrs, ein.

„Eine Marktabschottung ist in Europa heute schwer auf Dauer durchzuhalten. Umso mehr unter den aktuellen geopolitischen Verhältnissen“, erklärte Spaeth gegenüber der Berliner Zeitung.

Der Luftfahrtexperte Heinrich Großbongardt kann die heftige Kritik nicht ganz nachvollziehen. „Ich sehe hier nicht die große Katastrophe“, erläuterte er der Berliner Zeitung. „Man muss die angekündigten wöchentlich sieben Flüge einfach mal ins Verhältnis setzen.“

Hohe Ansprüche an den Betreiber des Flughafens BER

Die drei wichtigsten Drehkreuze der Lufthansa, Frankfurt am Main, München und Zürich, seien mit knapp 250 Flügen pro Woche angebunden. Qatar Airways betreibe derzeit 17 Flüge pro Woche, alle mit Boeing 787. Turkish Airlines biete ab Deutschland 34 Flüge pro Woche nach Istanbul an, davon 14 mit Großraumflugzeugen.

„Sieben Flüge von Emirates pro Woche bringen natürlich zusätzlichen Wettbewerb, vor allem bei Flügen in Richtung Süd- und Südostasien, Indien und auch Südafrika“, schätzt Großbongardt ein. „Aber sie bedeuten keine wirklich massive Ausweitung des Angebots.“

Wenn Emirates tatsächlich nach Berlin komme, werde das die Luftverkehrsbranche in Deutschland beeinflussen, sagte ein weiterer Insider. „Konkurrenz belebt das Geschäft. Die Lufthansa weiß, dass sie besser werden muss.“

Klar sei auch, dass Emirates den Flughafen BER mit hohen Qualitätsansprüchen konfrontieren werde, was die Stabilität und Zuverlässigkeit der Prozesse anbelangt. „Es wird einiges in Bewegung kommen. Und das ist erst einmal gut.“

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