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Dass Theodor Fontane die Bewohner jener Stadt, in der er zwei Drittel seines Lebens verbringen sollte, in den Himmel lobt, erscheint wenig verwunderlich. Er befand: „Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner.“ An Berlin scheiden sich letztlich aber die Geister. Auch die guten, von denen die Stadt glücklicherweise noch nicht ganz verlassen ist. Die einen können sich vor Begeisterung kaum einkriegen, die anderen können es nicht lassen, sich an dem abzuarbeiten, was unterdessen unter der Formel Berlin-Bashing Eingang in den öffentlichen Diskurs gefunden und sich dort als gut besuchte Adresse etabliert hat.
Da man Alteingesessenen und Zugereisten ein gewisses Maß an Befangenheit zubilligen muss, erscheint es ratsam, das eigene Urteil durch den fremden Blick zu komplettieren, zum Beispiel durch die Expertisen prominenter Schaulustiger und Durchreisender.
Den Verriss des Giuseppe Balsamo, alias Alessandro Graf von Cagliostro, „Ekelhafte Stadt! Kein Mensch glaubt einem etwas!“ darf man getrost vernachlässigen, denn natürlich ist jener Stoßseufzer, der sein Ungemach beschreibt, verständlich, wenn jemand hauptberuflich als Hochstapler unterwegs ist und der Berliner sich von ihm keinen Bären aufbinden lassen will. John F. Kennedys „Ich bin ein Berliner!“ wäre wohl eher in der Rubrik politisches Statement als unter Kompliment zu verbuchen.
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Und die Wortmeldung Johann Wolfgang von Goethes aus dem Jahr 1823 sollte man zwar zur Kenntnis nehmen, sie jedoch nicht allzu ausgiebig traktieren, da der Mann, wie in anderem Kontext auch, zumeist der Erste ist, der von autoritätshörigen Schöngeistern als Kronzeuge in Anspruch genommen wird. „Es lebt aber, wie ich an allem merke, dort ein so verwegener Menschenschlag beisammen, daß man mit der Delikatesse nicht weit reicht, sondern daß man Haare auf den Zähnen haben und mitunter etwas grob sein muß, um sich über Wasser zu halten.“
Berlin in Stein gemeißelt
Ableger des verwegenen Menschenschlages hatten den Platz der Akademie, heute wieder Gendarmenmarkt, nach dessen Generalüberholung im Jahr 1984 mit einer aufschlussreichen Zitatensammlung bestückt. Bei den Bonmots in Bodenhaltung handelte es sich um Wortmeldungen von Einheimischen und deren Gästen: Ludwig van Beethoven, Georg Forster, Adolf Glassbrenner, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Erich Honecker, Albert Lortzing, Otto Nagel und Friedrich von Schiller. Während der Generalsanierung von Oktober 2022 bis März 2025 wurden sieben der acht Tafeln entfernt, das Statement des DDR-Staatsratsvorsitzenden war bereits kurz nach der politischen Wende ins Märkische Museum transferiert worden. Damit war er ein letztes Mal seiner Zeit voraus.
Rückblickend ist nicht nur interessant zu hinterfragen, was dort einst geschrieben stand, sondern auch, welche Gedanken dem Spaziergrund der Hauptstadt vorenthalten wurden.
Schiller kam mit der Bemerkung zu Wort: „Dass ein längerer Aufenthalt in Berlin mich fähig machen würde, in meiner Kunst vorzuschreiten …, zweifle ich keinen Augenblick.“ Viel interessanter liest sich für Liebhaber der schönen Künste jener Satzteil seines Briefs an Theodor Körner, in dem der Mann aus Thüringen das kulturelle Leben reflektiert: „Es ist dort eine große persönliche Freiheit, und eine Ungezwungenheit im bürgerlichen Leben. Musik und Theater bieten mancherlei Genüsse an, obgleich beide bei weitem das nicht leisten, was sie kosten.“ Man versteht. Besagtes Attest hätte, obwohl die Eintrittspreise weiland moderat waren, nicht so gut ins Umfeld des unter dem Namen Konzerthaus wiedereröffneten Schinkel’schen Schauspielhauses gepasst.
Mehr als nur schöne Worte
Der preußische Naturforscher Georg Forster, der an der Seite von James Cook die Welt umsegelte, hatte nur ein paar Meter weiter mit einem schlichten deutschen Hauptsatz Eingang in die Kollektion gefunden: „Berlin ist gewiss eine der schönsten Städte in Europa.“ Im Original ist seine Eloge von weniger schmeichelhaften Sätzen umrahmt: „Ich hatte mich in meinen mitgebrachten Begriffen von dieser großen Stadt sehr geirrt. Ich fand das Aeußerliche viel schöner, das Innerliche viel schwärzer, als ichs mir gedacht hatte. Berlin ist gewiß eine der schönsten Städte in Europa. Aber die Einwohner!“
Unter den Linden um 1900: Das historische Zentrum Berlins zog seit Jahrhunderten Besucher aus aller Welt an – und inspirierte sie zu ebenso begeisterten wie vernichtenden Urteilen über die Hauptstadt.
© Imago
Was den Charme und den Liebreiz der Berlinerinnen und Berliner betrifft, gibt es in der Wahrnehmung Dritter kaum ein Mittelfeld. Als Kompromiss kommt bestenfalls ein Ja-aber in Betracht. Das Pro und Kontra überwiegt.
Clemens Brentano, Wortführer der Heidelberger Romantik, macht aus seiner Begeisterung keinen Hehl: „Man ist unter einer Menge kluger, gebildeter und feiner Leute lustig und oft bis zur tollen Freude kindisch und ausgelassen. Dies ist vielleicht die einzige Stadt, wo die sogenannten genialen Menschen nicht für Narren gehalten werden.“ Wobei der Teilzeit-Berliner womöglich übersehen hat, dass es sich bei jenem Gemeinwesen, das aus der Vereinigung der Spreesiedlungen Cölln und Berlin hervorging, auch um eine Stadt handelt, in der die sogenannten Narren seit Jahr und Tag ungeniert Genialität reklamieren.
Karl Gutzkow, Schriftsteller und Journalist – ein mit Spreewasser Getaufter – kontert den Romantiker knapp fünfzig Jahre später mit den Worten: „Man findet hier Menschen, die für witzig gelten, weil sie keinen Satz enden wie andere Menschen, jedes Ding mit einem andern Namen nennen, Begriffe verwechseln und das Ernsteste im Tone der Ironie sagen. Es herrscht bei ihnen ein ewiges Vermeiden der geraden Linie, die andere Menschen gehen; sie fallen, sie stolpern über sich selbst; die Berliner nennen das Alles witzig, während ein Vernünftiger es quatsch nennen muß.“
Und wieder ein halbes Jahrhundert später kommt Egon Erwin Kisch, der immer einmal wieder Quartier in der Stadt nahm, in einem Brief an seinen Bruder Paul zu der Erkenntnis: „Berlin im allgemeinen ist direkt furchtbar. Trotz der Annehmlichkeiten, welche das selbständige, ungestörte Leben bietet, wäre ich lieber in Prag. Der Berliner ist im allgemeinen ein Ekel, im besonderen zwei Ekel, die Berlinerin ein ganzes Konglomerat von Ekeln.“
Die Hauptstadt als ewiges Reizthema
Man kann sich den Shitstorm vorstellen, den der „rasende Reporter“ für derlei Schmähung heutigentags bei den ichbewussten Ortsansässigen ausgelöst hätte. Wie auch Friedrich Engels, Co-Autor des „Kommunistischen Manifests“, wohl von Glück reden kann, dass gegen ihn aufgrund seiner despektierlichen Äußerungen aus dem Jahr 1885 nicht wegen des Verdachts der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten ermittelt wurde. „Vergiften Sie alle jebildeten Berliner und zaubern Sie eine wenigstens erträgliche Umgebung dorthin, und bauen Sie das ganze Nest von oben bis unten um, dann kann vielleicht noch was Anständiges draus werden. Solange aber der Dialekt da gesprochen wird, schwerlich.“
Das Bedürfnis, die deutsche Hauptstadt nicht nur aus sich heraus und dem zu bewerten, was sie der Welt zu bieten hat, sondern einen Bezug zu benachbarten europäischen Metropolen herzustellen, zeigt sich nicht nur bei Kisch, es findet auch in den Zeugnissen verschiedener Rezensenten seinen Niederschlag.
Der Haupteingang der Humboldt-Universität zu Berlin. Albert Schweitzer bezeichnete die Universität als geistigen Mittelpunkt der Hauptstadt.
© Falk Heller/Imago
Jenes verehrend-poetisierende Etikett „Spree-Athen“, eine Periphrase, die schon im frühen 18. Jahrhundert Eingang in den deutschen Sprachschatz gefunden hat, reflektiert die Bewunderung für das antike Griechenland.
Der Literat Christian Friedrich Hebbel richtete den vergleichenden Blick nach Frankreich und Italien: „Wahr ist’s, Deutschland hat nur eine Stadt, die den Namen einer großen gleich auf den ersten Blick erobert, und diese eine Stadt ist Berlin. Was sind das für Straßen, für Plätze und Gebäude; man fühlt sich an Paris, sogar an Rom erinnert.“ Um einen Satz später das Hohelied dissonant ausklingen zu lassen: „Aber freilich, man darf nicht näher hinsehen, man darf nur blinzeln, wenn man den Eindruck nicht wieder verlieren soll.“
Zwischen Weltstadt und Provinz
Albert Schweitzer, der sich als 24-Jähriger in der Kochstraße 12, Hinterhaus, dritter Stock, eingemietet hatte, hingegen war des Lobes voll: „Von dem geistigen Leben Berlins wurde ich stärker berührt als von dem von Paris. In Paris, der Weltstadt, war das geistige Leben zersplittert.“ Was der spätere Friedensnobelpreisträger besonders zu schätzen wusste: dass „das geistige Leben Berlins einen Mittelpunkt in seiner großartig organisierten und einen lebendigen Organismus bildenden Universität“ besaß. „Zudem war es damals noch nicht Weltstadt, sondern mutete als eine in jeder Hinsicht glücklich aufstrebende größere Provinzialstadt an.“
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Letzteres hätte vermutlich besonders dem Romancier Honoré de Balzac zu denken gegeben, wäre er zu jenem Zeitpunkt, da Schweitzer seine Gedanken zu Papier brachte, nicht schon lange auf dem Cimetière du Père-Lachaise begraben gewesen.
Balzac hatte Mitte des 19. Jahrhunderts in seinem Befund Bezug auf die Schweiz genommen und sich dabei zu einer steilen These hinreißen lassen, deren Resümee man wahlweise als Für- oder Widerwort, möglichst aber nicht als Schlusswort hinnehmen sollte: „Stellen Sie sich ein Genf vor, das in einer Sandwüste verloren ist, und Sie haben eine Idee von Berlin. Es wird vielleicht eines Tages die Hauptstadt von Deutschland werden, aber immer wird es die Hauptstadt der Langeweile sein.“
Reinhard Griebner, Journalist und Autor. Arbeitete als Redakteur und Moderator für das „Kulturmagazin“ (DDR-Fernsehen), war nach 1989 an der demokratischen Erneuerung des Deutschen Fernsehfunks beteiligt. Später im Team des ORB und des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Als Autor: Film, Hörspiele, Kinderbücher, Biografien, Erzählungen – zuletzt „Am toten Punkt“.
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