Mobilität

Berlin braucht eine neue Verkehrspolitik: „Wir haben verschlafen“

Privatautos stehen fast nur herum. Eine neue Studie zeigt, wie viel effizienter Fahrdienste sind. Forscher Andreas Knie fordert vom neuen Senat einen Kurswechsel.

6 Min
Wohnstraße in Berlin: Private Autos stehen die meiste Zeit herum.

Wohnstraße in Berlin: Private Autos stehen die meiste Zeit herum.

© Reto Klar/imago

Mehr Mut. Aus dem verkehrspolitischen Tiefschlaf aufwachen. Noch ist nicht absehbar, welche Partei im neuen Senat die nächste Verkehrssenatorin oder den nächsten Verkehrssenator stellen wird. Doch der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) hat schon mal eine Wunschliste vorbereitet. Eine Studie, die jetzt vorgestellt wurde, unterstreicht eine seiner Hauptforderungen.

Von wegen Fahrzeuge: Autos sind Stehzeuge. Im Schnitt stehen sie pro Tag mehr als 23 Stunden ungenutzt herum. Das wussten Anke Schmidt vom WZB und Benno Bock von der Beratungsfirma Catchment bereits. Aber dass Mietwagen, die man per App buchen und gegen Geld nutzen kann, so viel effizienter sind als Privat-Pkw, fanden sie eindrucksvoll.

Das Besondere an der Untersuchung, die am Dienstag im WZB präsentiert wurde: Erstmals konnte eine Forschergruppe interne Daten nutzen, die ein großer Fahrtenvermittler zur Verfügung gestellt hatte.

Mobilitätsstudie des WZB: Das sind die Ergebnisse

Bolt, in Estland beheimatet und in mehr als 50 Ländern aktiv, lieferte umfangreiche Datensätze. Mit der Bolt-App kann man auch in Berlin Fahrten buchen – in Mietwagen oder in Taxis von Partnerfirmen. Ridehailing: So lautet das Fachwort für diese Art des Verkehrs. Das US-Unternehmen Uber ist ein anderes Unternehmen auf diesem Markt.

„Die Zahlen zeigen, dass Bolt-Fahrzeuge Effizienzmaschinen sind“, fassten die Wissenschaftler zusammen. So werden sie im Schnitt pro Tag 11,9 Mal länger genutzt als private Autos. „Das ist ein sehr hoher Wert, der uns überrascht hat. Er kommt dadurch zustande, dass diese Fahrzeuge meist mehrere Schichten am Tag fahren und zwischen den Buchungen kaum Leerlauf aufweisen“, erklärte Benno Bock.

Geht es nach der Zahl der Kilometer, die alle Fahrgäste pro Tag zurücklegen, sieht die Bilanz für Bolt-Fahrzeuge sogar noch besser aus: Hier liegt der Faktor bei 23,2. „Das sind sehr positive Leistungszahlen, mit Mietwagen und Taxis kommen tatsächlich viele Menschen voran.“

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Bei Anruf Auto: Auch in Berlin kann man mit der Bolt-App Fahrten buchen. Der Fahrtenvermittler hat dem Wissenschaftszentrum Daten zur Verfügung gestellt.

Bei Anruf Auto: Auch in Berlin kann man mit der Bolt-App Fahrten buchen. Der Fahrtenvermittler hat dem Wissenschaftszentrum Daten zur Verfügung gestellt.

© Bolt

Der größte Vorsprung ergibt sich, wenn man die Zahl der beförderten Menschen betrachtet: Mit einem Bolt-Fahrzeug werden pro Tag im Schnitt 46,4 Mal mehr Fahrgäste bewegt als mit einem Privatauto. „Ein Bolt-Fahrzeug bedient am Tag ein Vielfaches mehr Fahrten als ein privater Pkw“, fasste der Berliner Verkehrsingenieur zusammen.

Anke Schmidt, Benno Bock und ihre Mitstreiter haben Daten aus 30 deutschen Städten ausgewertet. Die Zahlen, die sie jetzt vorstellten, sind bundesweite Durchschnittswerte. Daten für einzelne Städte werden demnächst verfügbar sein, wenn die Studie veröffentlicht wird. Doch eines konnten die Wissenschaftler bereits am Dienstag verraten: Weil hier sehr viele Ridehailing-Fahrten stattfinden, ist Berlin der Treiber.

„Für Berlin kann man sagen, dass es bei den Effizienzkennzahlen zu den Top-Performern gehört und den Deutschlandschnitt nach oben zieht“, so Bock. „Die Werte liegen in Berlin fast durchweg darüber.“ Nur bei der Wartezeit seien sie in der Hauptstadt etwas ungünstiger. Verglichen mit regulären Angeboten des öffentlichen Verkehrs verkürzt Bolt die Wartezeit im Schnitt um 1,4 Minuten, ergab die Untersuchung.

Forderung: Mehr Mietwagenkonzessionen für Berlin

Bahnen und Busse seien das „Rückgrat urbaner Mobilität“, sagte Christoph Hahn, Deutschland-Chef von Bolt. Der öffentliche Verkehr könne aber nicht alle Bedürfnisse abdecken. Auch in Berlin werde Ridehailing immer häufiger genutzt. „Die Nachfrage entwickelt sich dynamisch. Aber ihr steht eine starre Regulatorik gegenüber.“

Dass das Personenbeförderungsgesetz aus den 1960er-Jahren stammt, als von Internet und Smartphones noch nicht die Rede war, ist das eine. Dass es nach Einschätzung der Branche in Berlin restriktiv angewandt wird, ist das andere. Nachdem das Taxigewerbe strengere Prüfungen verlangt hat, sind Mietwagen-Konzessionen beim Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten nur noch schwer zu bekommen.

Als Reaktion weichen Mietwagenbetreiber ins umliegende Brandenburg aus, zum Beispiel in den Landkreis Teltow-Fläming. Doch das Ziel müsse es sein, auch in Berlin „mehr Angebot zuzulassen“, so Christoph Hahn.

„Er hat gesagt: Berlin hat die Lizenz, Bedeutendes zu tun“

Schützenhilfe bekam er von Andreas Knie, der mit ihm am Dienstag im Wissenschaftszentrum auf dem Podium saß. Das Grünen-Mitglied zitierte den CDU-Politiker Volker Hassemer, der in Berlin zweimal Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz war. „Er hat gesagt: Berlin hat die Lizenz, Bedeutendes zu tun“, erinnerte Knie. Diesen Anspruch müsse die neue Berliner Stadtregierung endlich einlösen.

„Berlin hat einen öffentlichen Verkehr, den in dieser Qualität keine andere Stadt in der westlichen Welt hat“, stellte der Mobilitätsforscher fest. „Doch trotzdem ist hier alles voller Autos. Sie stehen herum, verstopfen die Stadt und machen die Verkehrswege unsicherer.“ Offensichtlich gebe es da noch Potenzial, das Berlin nutzen sollte.

Ridehailing sei ein wichtiger Teil der Problemlösung, sagte Knie. Regulatorische Grenzen und Hürden müssten verschwinden. Er  bekräftigte seine Forderung, ein einheitliches Angebot mit Taxis und Mietwagen zu formen. Wer auf der Straße ein Taxi heranwinkt, soll weiter zu festen Fahrpreisen befördert werden. Ansonsten sollten Tarife freigegeben, die Zahl der Taxis in Berlin nicht mehr begrenzt werden.

Taxis warten in Berlin auf Fahrgäste. Viele Taxibetreiber arbeiten mit Plattformbetreibern wie Bolt zusammen.

Taxis warten in Berlin auf Fahrgäste. Viele Taxibetreiber arbeiten mit Plattformbetreibern wie Bolt zusammen.

© Ponizak_Paulus/Berliner Zeitung

Der Mobilitätsforscher nutzte die Gelegenheit, weitere Forderungen an den Mann zu bringen. „Niemand will Autos verbieten. Aber der öffentliche Raum muss neu organisiert und bepreist werden. Wer ein privates Auto braucht und es nicht auf privatem Grund abstellt, muss mehr zahlen“, verlangte der Politikwissenschaftler.

Die Verwaltungsgebühr für die Parkvignette sollte von 10,20 auf 365 Euro im Jahr steigen. Für gewerbliche Fahrzeuge sollte sie 150 Euro kosten, ebenfalls pro Jahr. Dafür soll die Parkberechtigung künftig in ganz Berlin gelten.

Forscher: Robotaxi-Betreiber Waymo wollte nach Berlin

Knie bekräftigte auch die Forderung, in Berlin eine City-Maut zu testen. In Berlin gebe es Forschungseinrichtungen und junge Unternehmen, die dieses bundesweit einmalige Pilotprojekt betreuen könnten.

Doch in den vergangenen Jahren habe die Stadt ihr Potenzial nicht ausgeschöpft. „Wir haben verschlafen und in den letzten zehn Jahren die Möglichkeit verloren, Akzente zu setzen“ – eine Spitze gegen die Verkehrspolitik im Senat und der bisherigen CDU/SPD-Koalition.

Dass Berlin eine Reform benötigt, habe sich auch im Ausland herumgesprochen. Waymo habe hier angeklopft, berichtete Knie. „Wegen der doppelten Zuständigkeit von Land und Bezirken ist das US-Unternehmen aber wieder gegangen. Wir sind in unserer Verwaltungsstruktur derzeit nicht handlungsfähig. So kann es nicht weitergehen.“ Waymo baue nun in London einen Robotaxi-Betrieb auf.

Chinesische Firmen: Lieber zum Oktoberfest

„Wir haben auch mit chinesischen Playern gesprochen“, erinnert  sich  Knie. Doch sie hätten sich zuletzt nur für das Oktoberfest in München interessiert. „Das zeigt den Niedergang der Autoindustrie“, sagte er.

„Wir brauchen in Berlin einen Ruck. Wir könnten die erste große Stadt in Deutschland sein, in der man wirklich kein eigenes Auto mehr braucht, ohne auf Lebensqualität zu verzichten“, so der WZB-Forscher, der sich seit Jahrzehnten für einen Kurswechsel einsetzt.

„Wir versuchen, bei der Regierungsbildung im Land Berlin den Akzent zu setzen, dass Mobilität wieder als zentrales Handlungsfeld erkannt wird, und zwar mutig.“ Mal sehen, ob es diesmal klappt.

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