Gestern, am 1. Mai, vor 40 Jahren eröffnete Erwin Piscator das neue Theater der Freien Volksbühne in Berlin-Wilmersdorf. Fünf Gehminuten vom Kurfürstendamm entfernt, Fasanenstraße, links um die Ecke. Postalisch: Schaperstraße 24, Bühneneingang Meierottostraße. Eine Gegend, wo arme Leute nicht wohnen. Die Volksbühnenbewegung war 1890 als Teil der Arbeiterbewegung entstanden, SPD-nah. Ihr erstes eigenes Haus eröffnete sie 1914 im Scheunenviertel in Mitte, Bülowplatz, fünf Gehminuten vom Alex. Für diesen Bau waren die verkommenen Unterkünfte weggeräumt worden, in denen das Lumpenproletariat und eingewanderte Juden aus Galizien hausten. Rund achtzig Jahre später, seit 1992, unter Frank Castorf, wurde das alte Haus, das sich in der Hinwendung zu sozialen Fragen den Anfängen der Volksbühnenbewegung verbunden weiß, Berlins erfolgreichstes Theater.Eröffnet wurde der Neubau in West-Berlin zwei Jahre nach dem Mauerbau mit einer Ansprache des Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, mit einer Schiller-Rezitation und einer für diesen Anlass komponierten "Berliner Kantate" von Matthias Braun (Text) und Herbert Baumann (Musik), die der Rias-Kammerchor und der Domchor aufführten. Einzelne Titel der Kantate lesen sich heute emphatisch, als wären sie für die Stalinallee verfasst worden: "Ob der Friede allgemein erwünscht sei", "Der Machthaber spricht", "Soldatenlied", "Der gute Tod im Frieden", "Der Machthaber gebraucht das Gleichnis von Gog im Tale Magog", "Die Häuser-Erbauer". "Ruinen schaffen ohne Waffen", formulierte sarkastisch Ende der neunziger Jahre, als das verkommene Theater entweder zum Multiplexkino oder zum Outlet-Supermarkt umgebaut werden sollte, der nun fast neunzigjährige Haus-Erbauer Fritz Bornemann. Das zum Park sich öffnende, helle, lichte, transparente Zweckgebäude, in dessen hohem Glas sich die alten Bäume spiegeln, wo nur der Theatersaal fensterlos ist, ist ein Entwurf des Architekten Bornemann, der die Deutsche Oper, die Amerika-Gedenkbibliothek und manches andere schöne Gebäude in West-Berlin baute. Sein Theater wäre heute das schönste und schönst gelegene; weil es so viel lichtes Foyer und Nebengelass hat, auch das vielseitigste Berlins. Aber ein Ensemble beherbergt das Haus seit 1992 nicht mehr, seit der Freien Volksbühne, ein Jahr vor der Schließung des Schiller-Theaters, über Nacht das ganze Geld gesperrt wurde, weil jetzt alles in den Osten gehen sollte. Das war nur die halbe Wahrheit. Die Theaterschließung geschah ohne öffentlichen Protest. Der letzte Intendant, Hermann Treusch, war froh gewesen, wenn fünf Reihen verkauft waren. Seinem Vorgänger Hans Neuenfels, dem heutigen Oberspielleiter des Deutschen Theaters, erging es nicht anders. Neuenfels war zudem in den Ruf geraten, Rechnungen eigensinnig zu lesen. Er wurde plötzlich abgelöst. In den neunziger Jahren vermietete die Besucherorganisation Freie Volksbühne ihr Theater auf zehn Jahre an die Musicalfritzen, und erlitt nach zwei Jahren finanziell so furchtbar Schiffbruch, dass sie das Gebäude 1997 an einen norddeutschen Investor verscherbelte. Der Senat von Berlin tat, was er immer tut, er sah zu. Und trotz heutiger Anmietung durch den Bund als Spielstätte der Berliner Festspiele bleibt das Haus künstlerisch unter seinen Möglichkeiten, weil die unerwartet schläfrige, ideenlose neue Leitung der Festspiele, vielleicht unter dem Eindruck der idealischen Stimmung des Parkes, durch den sie täglich spaziert, nicht wahrnimmt, dass sie den Prenzlauer Berg und anverwandte Gegenden, Bochum und Cottbus, Wolfsburg und Eisenhüttenstadt mitdenken müsste, um zu wirken. Allein vom alten West-Berlin kann man doch nicht leben.Erwin Piscator hatte zur Eröffnung der Freien Volksbühne 1963 "Robespierre" von Romain Rolland inszeniert, Liberté, Egalité, Fraternité. Das Programmheft druckte eine Rede von Rolland, betitelt "Das Theater des Volkes". Zwei Jahre nach dem Mauerbau setzte West-Berlin mit dem Neubau ein kulturpolitisches Zeichen: Zuschauer der Welt, schaut auf dieses Haus! Ein Schaufenster der freien Kunst und der sozialen Marktwirtschaft sollte das neue Theater werden, das an der Stelle errichtet wurde, wo lange Zeit Scharouns Philharmonie gebaut werden sollte. Den reüssierenden Ost-Berliner Bühnen etwas entgegenhalten zu können, war dringlich geworden, die Schaubühne gab es noch nicht. Das Berliner Ensemble im Ostteil war durch Gastspiele in Paris, London, Warschau, Moskau und vielen anderen Städten auf dem Höhepunkt seines Ruhms, Brechts Spielweise in aller Munde, die Weigel galt in ganz Europa als Berlins beste Schauspielerin. 1963 sieben Jahre tot war Brecht in West-Berlin doch bloß ein böser Kommunist. Ost-Berlin hatte das Deutsche Theater. Unter Wolfgang Langhoff, später unter Wolfgang Heinz, verwirklichte es den Anspruch, deutsches Nationaltheater zu sein. "Faust" von Dresen fiel in diese Zeit, Besson feierte seine Erfolge.Erwin Piscator war genau der richtige Mann für das neue Haus in West-Berlin, ein sozialistischer, der Sowjetunion verbunden gewesener, doch pazifistisch gewordener, großer deutscher Regisseur. Er hatte von 1924 bis 1927 schon das erste Haus der Volksbühnenbewegung am Bülowplatz geleitet. Bildung für Arbeiter, Kunstgenuss durch Arbeiter betrachtete Piscator als Voraussetzung ihrer Freiheit. Die Volksbühnenbewegung hatte vor den Nazis 290 Ortsvereinigungen mit 350 000 Mitgliedern. Wenige Jahre nach Piscators Weggang stand das Haus über Nacht am Horst-Wessel-Platz, die Volksbühnenbewegung wurde aufgelöst, das Theatergebäude enteignet. Die DDR baute das Gebäude stalinistisch adaptiert wieder auf. Die Volksbühne am Luxemburgplatz war ein "Magistratstheater", von der Stadt unterhalten. Piscator tat im Westen seine Wirkung. Hochhuts "Stellvertreter", im Februar 1963 noch in der Interimsspielstätte am Kurfürstendamm, den heutigen lustigen Wölffer-Bühnen, uraufgeführt, machte das Haus international bekannt. Peter Zadek inszenierte 1984 Joshua Sobols "Ghetto", das singende Lager, das Tabus brach. Zadek ist dem Haus noch so verbunden, dass er in diesen Tagen hier Brechts Stück "Mutter Courage und ihre Kinder" probte, das demnächst im Deutschen Theater herauskommt.Heute wird in dem Bornemanngebäude das 40. Theatertreffen eröffnet, eine Veranstaltung, die der Bund bezahlt, und wir Berliner dürfen dadurch wieder sehen, was leichtfertig aus der Stadt vertrieben wurde. Zur Eröffnung gibt es "Emilia Galotti" aus Wien, inszeniert von Andrea Breth, der letzten bedeutenden Spielleiterin der alten Schaubühne. Berlin hat sie nicht aufgehalten, als sie das Handtuch warf. Berlin, dieser Käfig voller Narren, entdeckte nach den Theaterschließungen die "New Economy": flotte Unterhaltung durch flotte Reiseregisseure serviert. Das Gastspiel aus Wien, wo man das Theater ganz altmodisch noch immer für ein Lebensmittel hält, könnte eine Produktion aus Berlin sein, wäre Berlin eine Theaterstadt."Ist es sinnvoll, da der Geist von Tag zu Tag unbehauster wird, ein solches Haus zu bauen?" Erwin Piscator, 1963.ARCHIV FREIE VOLKSBÜHNE/HEINZ KÖSTER Eröffnung 1963: die Piscator-Inszenierung "Robespierre" von Romain Rolland.
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