Diese Häme! Wer am Freitag die Kommentare der Presse aus dem Westen und Süden las, dem wurde noch einmal klar: Berlin hat nicht nur im Bundesverfassungsgericht wenig Freunde. "Zack, das saß!", freute sich der Kölner Express über das Verfassungsgerichtsurteil, das Berlin mit Milliarden Euro Schulden allein lässt. Genüsslich rief der Wiesbadener Kurier dem "kesse Sprüche liebenden" Regierenden Bürgermeister von Berlin zu: "Es gibt noch Richter in Karlsruhe, und das ist auch gut so." Hassemer & Co hätten erwirkt, dass Berlins Neigung, "sich die Party von anderen ausrichten zu lassen", ein Riegel vorgeschoben worden sei. Die "Mittelbayerische Zeitung" aus Regensburg wusste zu berichten, dass "Berlin in den fast vier Jahrzehnten seiner Teilung das Sparen verlernt" hat - als gäbe es in Berlin nicht längst Sarrazin, Gehaltsverzicht und "Sparen bis es quietscht". Vor allem empört die Schreiber aus den Geberländern, dass die verarmte und angeblich überausgestattete Stadt die Kitas nun auch noch gratis anbieten will - als beabsichtige der lockere Wowi, sein "Füllhorn" über betuchten Mittelstands-Muttis auszuschütten, damit die ihre Kleinen abstellen und zum Friseur gehen können. Kein Wort davon, dass Berlins Investition in Kinder und Bildung eine verspätete Notmaßnahme ist, um an den Schulen nicht weitere Sozialhilfeempfänger zu produzieren. Das hat kaum eines der Provinzblätter, von denen etliche zur Schonung ihres schlichten Berlin-Bildes (arm, sexy, Gratiskitas, dasistgutso, drei Opern!) auf einen recherchierenden Hauptstadtkorrespondenten verzichten, erwähnt.Sei's drum. Seit Donnerstag früh um zehn kann Berlin die Meinung seiner potenziellen Geldgeber in München, Stuttgart, Wiesbaden egal sein. Nach dem ersten Schock über das Karlsruher Urteil, das für die Stadt zweifellos bittere Konsequenzen haben wird, dämmert manchen, dass Unabhängigkeit von gnädigen Geldgebern für Berlin auch Freiheit bedeutet.Den RBB deshalb wieder in Sender Freies Berlin zurückzubenennen (weil Matthias Platzeck eh keine Länderehe mehr will) wurde in den Kneipen von Mitte schon am Donnerstagabend gefordert. Auch über neue Wege, wie nun an das West-Geld zu kommen sei, wurde beraten: Die Mauer wieder aufzubauen (das Know-how sei ja noch vorhanden) und von kultur- und unterhaltungssüchtigen Schwaben und Bayern Transitgebühr oder eine Hauptstadtmaut zu nehmen, war wie oft in Berlin die zuerst geäußerte Idee. Entgeltpflichtige Großwildjagdlizenzen für den Tierpark Friedrichsfelde wurden kurz erwogen, als Einmaleinnahme aber wieder verworfen.Ein arbeitsloser Anwalt wollte prüfen, ob die Rechte am bayerischen Volksbrauchtum, das König Maximilian zwo weiland mit Hilfe protestantischer Berliner Wissenschaftler in Bayern etablierte, nicht eigentlich bei Berlin liegen, ob also quasi eine Lizenzgebühr fürs Schuhplatteln drin wäre. "Sic transit gloria Munich!", rief ein taxifahrender Geisteswissenschaftler dem unter peinlichen Umständen aus Berlin geflohenen Ministeraspiranten Edmund Stoiber hinterher; auch Bayerns Ruhm sei vergänglich. Willkommen war auch die Anregung von Harald Schmidt, den Osten Berlins wieder an die Russen abzutreten, diesmal allerdings müsste Putin mit Ölmilliarden zahlen. Die anderen Länder, so war man sich einig, treibe der Neid auf Berlin: Nicht nur auf die drei Opern, sondern auf das Künstlerpotenzial, um sofort eine vierte aufzumachen. Nicht nur auf die vier Universitäten, sondern auf ihre Sogkraft für Studenten aus der ganzen Republik, die man in der Provinz selbst braucht. Den Berlinern dämmert: "Wir können auch anders!" Deshalb kann man die Abneigung der anderen Länder gegen die Hauptstadt auch ein bisschen verstehen: Spätestens seit der Fußball-WM ahnen sie, dass Berlin ihnen den Rang abläuft. Und das schon im Zustand der Insolvenz.------------------------------Watschn für Wowereit"Berlin ist eine Stadt, die Metropole sein will, aber eine Wirtschaftskraft hat, die in etwa mit Duisburg zu vergleichen ist. Aber es gibt drei Opernhäuser, 28 bezuschusste Theaterspielstätten, drei Flughäfen, zwei Tierparks, einen riesigen Bestand kommunaler Wohnungen, ein feinmaschiges Nahverkehrssystem (.) Allein sehr schön. Aber wenn diese Errungenschaften nicht wirtschaftlich unterfüttert sind, lebt die Stadt eben einfach über ihre Verhältnisse."Kölnische Rundschau"Dieses Urteil wird Rechtsgeschichte machen. Die Entscheidung der Karlsruher Verfassungsrichter (.) ist eine saftige Watschn für den Berliner Regierenden Bürgermeister.Klaus Wowereit, der noch jüngst im Wahlkampf gut gelaunt mit dem Füllhorn umherspazierte und den Bür-gern ein Kindergartenjahr spendieren wollte, ist (.) ein hundsmiserables Zeugnis für seine Haushaltspolitik ausgestellt worden."Abendzeitung München------------------------------Foto (2): Ohne Berlin läuft selbst bayerische Folklore nicht. Berliner Professoren, die sogenannten Nordlichter, berieten Bayerns König Maximilian II., als dieser Mitte des 19. Jahrhunderts zur Stärkung seiner kleinen Nation das bayerische Brauchtum förderte.Edmund Stoiber freute sich über das Urteil gegen Berlin.
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