Maja-Karlena Liebknecht fragt, ob man ihr helfen könne, eine alte VHS-Videokassette zum Laufen zu bekommen. Das digitale Relikt der 90er-Jahre sieht etwas verrostet aus, doch der Apparat knirscht freundlich, als die Kassette hingesteckt wird. Der alte Fernseher im Hause Liebknecht flackert auf und es läuft die RBB-Sendung „Ich trage einen großen Namen“.
Zunächst fragt ein Moderator die Gäste, welchen berühmten Namen die Protagonistin trägt. Sie darf nur mit „Ja“ oder „Nein“ antworten. „Kommen Sie aus dem Malermilieu?“, fragt ein Gast. „Nein“, sagt Maja Liebknecht. „Aus den Naturwissenschaften etwa?“ Wieder „Nein“. Nach einem Tipp vom Moderator, dass es mit Politik und der Weimarer Republik zu tun hat, kommen die Gäste jedoch ganz schnell auf den Namen. Ihnen saß im Jahre 2006 eben jene Maja-Karlena Liebknecht gegenüber, die heute 90-jährige Enkelin von Karl Liebknecht.
Sie hat länger nicht mehr mit Journalisten gesprochen, ist der Berliner Zeitung aber wohlgesonnen. „Viele Jahre lang habe ich die Berliner abonniert“, sagt sie, „damals, als ich noch in Ost-Berlin lebte“. Heute wohnt die Enkelin eines der bekanntesten deutschen Revolutionäre in Hennigsdorf, nordwestlich von Berlin. Jedoch hat sie nicht nur ein Domizil, eigentlich pendelt Frau Liebknecht zwischen Moskau und Hennigsdorf, den zwei so ungleichen Städten.
Frau Liebknecht schaut gespannt auf sich selbst in der Sendung „Ich trage einen großen Namen“ aus dem Jahr 2006.
© Nicolas Butylin
Zwölf Millionen Einwohner in der einen Stadt, nur knapp über 25.000 Einwohner in der anderen. Weltmetropole und Roter Platz dort, Berliner Speckgürtel und Bahnhofsvorplatz hier. Maja Liebknecht liebt sowohl Moskau als auch Hennigsdorf, sprachlich und auch moralisch ist sie der russischen Hauptstadt jedoch näher. Es ist schließlich ihre Geburtsstadt, denn am 26. März 1932 wurde sie in Moskau geboren. Sie war das erste Kind von Wilhelm Liebknecht, dem ältesten Sohn von Karl Liebknecht.
Zurzeit kann sie jedoch nicht zurück nach Russland. „Meine gesundheitliche Verfassung, Corona und der Ukraine-Krieg sind solche Faktoren, die dafür sorgen, dass ich nicht zurückkann.“
Ihre Wohnung in Hennigsdorf ist groß. An den Wänden hängen verschiedene Kunstgemälde und Souvenirs. Auf dem Schreibtisch steht ein großes Porträt ihres Vaters, Wilhelm. Und überall in der Wohnung stehen Bücherregale, jedes einzelne Zimmer mit Ausnahme der Küche könnte eine eigene Bibliothek sein. Für das Gespräch mit der Berliner Zeitung hat Frau Liebknecht richtig aufgedeckt: Es gibt Kaffee, Tee, einen großen Kirschkuchen, etwas Gebäck und sogar Schlagsahne.
„Das kaufe ich nur, wenn ich Gäste zu Besuch habe, selber esse ich so was nicht“, sagt sie und zeigt auf die Schlagsahne. Augenblicklich spricht sie über Themen, die sie bedrücken. Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben nämlich vieles im Leben von Maja Liebknecht umgeworfen, die Sanktionspolitik gegen Russland wohl noch mehr. Sie fragt, wie sie jetzt bloß nach Moskau kommen solle, da sie im Stadtzentrum unweit der Christ-Erlöser-Kathedrale noch eine Wohnung habe. Die größte Stadt des europäischen Kontinents ist von Berlin aus zurzeit nur sehr schwer zu erreichen. „Statt eines dreistündigen Direktfluges von Schönefeld oder dem Nachtzug vom Bahnhof Lichtenberg muss man ja jetzt über Istanbul oder Belgrad fliegen“, sagt sie bedrückt. Reisestrapazen, die für die fitte 90-Jährige aber dann doch des Guten zu viel sind.
Berlin: Stilles Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
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Man könnte denken, sie lebe nach dem Motto: Früher war alles besser. Jedoch wird Maja Liebknecht konkreter. „Ich vermisse die DDR“, sagt sie, „der Individualismus ist nichts für mich.“ Vielmehr sehnt sich die Enkelin von Karl Liebknecht nach einer „kollektiven Idee, weg vom Konkurrenzdenken“. Dabei merkt man ihr während ihrer historischen Ausführungen an, dass sie aus einer ganz speziellen Familie kommt.
Ihr Opa, 1871 in Leipzig geboren, ist eine historische Persönlichkeit der deutschen Geschichte. Anfang des 20. Jahrhunderts war er noch im linken Flügel der SPD, wurde 1916 wegen seiner Ablehnung der Burgfriedenspolitik jedoch aus der Fraktion ausgeschlossen. Er war der erste und einzige Abgeordnete im Reichstag, der gegen weitere Kriegskredite stimmte. Ein weiteres wichtiges Datum war dann der 9. November 1918. Vom Berliner Schloss rief er die „freie sozialistische Republik“ aus, zwei Monate später war er Mitbegründer der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD).
Die ambivalente Haltung zu den Karl-Liebknecht-Straßen und -Plätzen
Angesprochen auf die öffentliche Wahrnehmung ihres Nachnamens hat sie eine ambivalente Haltung. Deutschlandweit tragen Hunderte von Straßen und Plätzen den Namen ihres Großvaters, in Potsdam ist das größte Fußballstadion der Stadt nach Liebknecht benannt, in Leipzig und Berlin gibt es mehrstöckige Liebknecht-Häuser. „Ich bin da unentschieden.“ Einerseits berührt sie es immer wieder, auch ihren Nachnamen so oft in der Öffentlichkeit zu sehen, andererseits beklagt sie sich über eine „unreflektierte Popularisierung der Familie Liebknecht“. Sie plädiert dafür, dass Kinder in Schulen oder Erwachsene in Museen über das Leben ihres Großvaters lernen – und nicht nur über den revolutionären Liebknecht, sondern den Privatmenschen. Das ist ihr wichtiger als ein Straßenname.
Das Leben ihres Opas beschäftigt Maja Liebknecht bis heute sehr intensiv. Zurzeit liest sie wieder vermehrt eine der unzähligen Biografien und Werke über ihn, wie „Lebt wohl, Ihr lieben Kerlchen“. Sie lerne in dem Band ihren Großvater „als Menschen kennen“ und nicht nur als Revolutionär, sagt sie. Maja-Karlenas Vater, Wilhelm Liebknecht, war dermaßen traumatisiert von der Ermordung Karl Liebknechts, dass er selten über seinen Vater sprach. Er war am 15. Januar 1919, dem Tag der Ermordung Karl Liebknechts, erst 18 Jahre alt.
Die Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde, wo Karl Liebknecht begraben ist.
© imago/snapshot-photography/K.M.Krause
Lebhafte Erinnerungen an ihren Großvater hat Maja-Karlena Liebknecht somit keine. Und doch setzt sie sich stets mit ihm auseinander, weil viele sie eben wegen ihres Nachnamens ansprechen. „Am Jahrestag der Ermordung meines Großvaters gebe ich mich nicht immer zu erkennen, da ich den Trubel um meine Person eher meiden will“, sagt sie. Trotzdem berührt es sie, wie viele Menschen Jahr für Jahr an den Berliner Zentralfriedhof nach Lichtenberg kommen, um unter anderen meines Opas zu gedenken.
Für viele Linke, wie auch für Maja Liebknecht, steht Mitte Januar ein wichtiges Datum an. Hunderte von Menschen, darunter Parteigrößen, Familienmitglieder und Demonstranten unterschiedlicher linker Gruppen, versammeln sich zu Gedenkmärschen. Auch wenn die Teilnehmerzahl der Demonstrationen seit 2000 merklich abnahm, bleibt es doch ein festes Datum im Kalender vieler linksgerichteter Menschen.
„Mein Vater hatte mit der hinterhältigen Ermordung meines Opas schwer zu kämpfen.“ Karl Liebknecht wurde gemeinsam mit Rosa Luxemburg kurz nach der Niederschlagung des Spartakusaufstandes im Januar 1919 von rechten Freikorps-Soldaten mit Billigung des damaligen Reichswehrministers Gustav Noske (SPD) ermordet. „In den Folgejahren diskriminierte man meinen Vater und er wurde in Sippenhaft genommen, ob in der Schule oder der Universität“, resümiert Maja Liebknecht, „die Emigration in die Sowjetunion Ende der 20er-Jahre war ein Glücksfall für ihn, da er von nun an für die Ideen seines Vaters weiterkämpfte.“
Die Kindheit von Maja-Karlena Liebknecht im Zentrum von Moskau war hingegen weitestgehend unbeschwert, die stalinistischen Säuberungen trafen die Liebknechts im Gegensatz zu vielen Kommunisten erster Generation nicht. Der große Einschnitt folgte für sie am 22. Juni 1941, dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion. „Wir mussten uns schnell entscheiden: Bleiben wir in Moskau, egal was geschehe, oder flüchten wir nach Zentralasien?“ Sie gingen für mehrere Jahre ins sowjetisch-usbekische Taschkent.
Maja-Karlena Liebknecht wirkt körperlich und geistig sehr fit, sie liest gerne und viel.
© Nicolas Butylin
Erst mit der sowjetischen Gegenoffensive auf Berlin kehrten die Liebknechts zurück nach Moskau. Nach dem Krieg studierte Maja-Karlena Liebknecht Chemie, jedoch ohne den Elan, die sie für die Humanwissenschaften hatte. Als deutsch-russische Übersetzerin ist sie dann spätestens in den 1960er-Jahren auch beruflich aufgeblüht. Sie reiste zum ersten Mal nach Ost-Berlin und pendelte regelmäßig zwischen den Hauptstädten der DDR und der Sowjetunion. Ein Leben, das bis 2020 so weiterlief.
Allzu schlecht geht es der Enkelin von Karl Liebknecht jedoch auch im Berliner Speckgürtel nicht. „Ein Großteil meiner russischen Freunde lebt leider nicht mehr“, sagt sie. Das Durchschnittsalter von Russinnen liegt bei 77 Jahren, bei Frauen in Deutschland bei 83 Jahren. Beides übertrifft sie deutlich. Um sich herum hat sie Bekannte und Freunde, mit denen sie Weihnachten, Ostern und Geburtstage gemeinsam feiert. Die Familie ist hingegen in der ganzen Welt, von Wien über Paris bis in die USA, verteilt. Wenn man sie fragt, wo sie denn lieber wäre, sagt sie: „Ich bin in Moskau geboren, aber Hennigsdorf ist meine zweite Heimat.“
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