Theater

Das FIND-Festival an der Schaubühne: Gute Versuche und ein großes Vergnügen

Das Festival für internationale Dramatik FIND in der Schaubühne sucht in seinen Gastspielen dieses Jahr nach dem richtigen Weg der Erinnerung.

Doris Meierhenrich
Doris Meierhenrich
4 Min
Der Beitrag „(ist)“ spielt in einer iranischen Mädchenschule, Regie führte Parnia Shamps.

Der Beitrag „(ist)“ spielt in einer iranischen Mädchenschule, Regie führte Parnia Shamps.

© Navid Fayaz

Sich richtig erinnern? Hört sich schon falsch an, weil es bekanntlich kein Wahrheitsmessgerät dafür gibt und Erinnerungen scheue Geschöpfe sind.

Die meiste Zeit verkriechen sie sich in unwegsame Höhlen und sind nur durch spezielle Lockmittel ans Licht zu befördern. Immer spielt Angst dabei mit, persönlicher Schmerz und vor allem Schuld, weshalb es statt direkter Zugänge geschickter Umwege bedarf, damit der sensible Suchvorgang kein machtpolitischer Dressurakt wird. Richtig erinnern heißt also, die unbequemen, verborgenen Wege zu suchen.

Solche waren beim Festival für internationale Dramatik der Schaubühne (FIND) in den vergangenen Tagen mehrfach Gegenstand der Gastspiele, die vom installativen Aufwand her in durchaus bemerkenswerte Zonen führten. Die gesellschaftspolitische Schärfe und ästhetische Kraft der meisten aber blieb doch weit hinter den vergangenen Jahren zurück.

Als Meisterin der Erinnerungskunst, die immer zuerst eine Befragung der eigenen Mittel und Wahrnehmung ist, setzte die New Yorker Wooster Group gleich zu Beginn den formalen Maßstab hoch. Erstaunlich, wie frisch die spielerische Intensität und technischen Raffinesse ihrer collagehaften Mixgenres aus Recherche, Videoverfremdung und fiktivem Spiel auch fast 50 Jahre nach ihrer Gründung noch sind.

Dabei ist ihre Produktion „A Pink Chair“ von 2018 kein wirklich stoffstarkes Stück, das sich in die Gegenwart einschriebe. Doch kann man diese Hommage an den polnischen Theatermagier Tadeusz Kantor als geradezu zeitloses Werk über die Suche nach Erinnerung begreifen, das zugleich tief ins Herz der flüchtigen Theaterkunst selbst leuchtet, wo Verschwinden und Wiedergänger zu Hause sind.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Die schrille Splatter-Groteske „Burnt Toast“ des norwegischen Kollektivs Susie Wang

Die schrille Splatter-Groteske „Burnt Toast“ des norwegischen Kollektivs Susie Wang

© Simen Ulvestad

In den 1960er- bis 80er-Jahren arbeitete Kantor mit seinem Krakauer Cricot-2-Ensemble in damals ungekannter Radikalität an genau diesem Thema des Todes, indem er die Schauspieler als absurd steife Puppen über die Bühne geistern ließ, während er selbst sie wie ein beschwörender Dirigent umwirbelte. Die Woosters nun tun nichts anderes, als sein vorletzten Stück „I shall Never Return“ von 1988 in Szenenschnipseln nachzustellen. Auf mehreren Videoscreens aber schieben sie Aufnahmen des Originals sowie aktuelle Einblicke in ihre Werkstatt bei der Stückentstehung so geschickt davor, dazwischen und dahinter, dass man immer durch mehrere Perspektiven und Zeitfenster hindurch in die Geschichte blickt. Alles wird ungeheuer transparent, dynamisch und greifbar und bleibt doch in je eigener Ferne. Kantors Theater war wie das der Wooster Group kein aufklärerisches, sondern ein charismatisches, ständig sich selbst korrigierendes.

Trance im Afrikanischen Viertel

Ganz anders die dokumentarische Lecture Performance „Vielleicht“ des ivorisch-französischen Künstlers Cédric Djedje, die dem immer noch viel zu verborgenen deutschen Kolonialismus auf der Spur ist. Mit der Kamera und vielen Fragen ausgerüstet streifte Djedje zwischen 2018 und 2022 durch das sogenannte Afrikanische Viertel in Berlin-Wedding und ließ sich von der kolonialen Namensgeschichte der Straßen dort überraschen. Aber auch von der bis heute skandalös zähen Umbenennungspolitik der Stadt. „Vielleicht“ ist so eine collagehafte Reiseerinnerung geworden, die persönliches Berlin-Feeling, kolonialhistorische Fakten und postkolonialen Aktivismus vereint. Dafür steht Djedje zusammen mit der Performerin Noémi Michel selbst auf der Bühne, erzählt, lässt auf weißen Papierdrachen Aktivisten von Berlin Postkolonial sprechen und tanzt sich zwischendurch in Trance.

Performativ wie dramaturgisch ist das eher holprig, thematisch aber knipst er ein Thema an, das alle Aufmerksamkeit verdient. Ebenso wie das Studentenstück der Iranerin Parnia Shams, das unter dem kryptischen Titel „(ist)“ knappe zwei Stunden lang das Leben einer Teheraner Mädchenklasse fokussiert. Wir sehen sie an ihren Pulten sitzen, Suren lernen, herumalbern, antworten, doch die Autoritäten selbst bleiben unsichtbar. Das ist gut gedacht, wie auch die beiläufige Art, in der diese Klasse zeigt, wie die religiöse Macht sich hier eine Generation egoistischer Denunziantinnen aufzieht. Dennoch bleibt dieses leise Mimesistheater ganz an sein Land gebunden.

Die eigentliche Entdeckung des Festivals ist das norwegische Kollektiv Susie Wang, das mit seiner schrillen Splatter-Groteske „Burnt Toast“ eine wirklich neue, bös-naive Bildsprache auf die Bühne bringt, die B-Movie-Schablonen, politische Tiefenpsychologie und Zen-Atmosphäre surreal verdichtet. Alles beginnt ganz langsam, im netten Business-Sprech in einer quietschroten Hotellobby: Ein Mann bandelt mit einer Frau an, die ein Kind säugt. Am Ende findet sich nicht nur der Mann, sondern die ganze Welt in diese Monstermutter eingesogen. Böses Vergnügen!

Festival für internationale neue Dramatik (FIND) noch bis 30.4., Info: schaubuehne.de

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

weltbune Banner