Der Backsteinbau am Treptower Flutgraben neben der Arena galt bislang in den Gentrifizierungsaktionen und Verdrängungskämpfen der letzten Jahrzehnte als beneidenswert beruhigter Ort. Der gemeinnützige Verein konnte der gierigen Immobilienwirtschaft widerstehen; Künstlerinnen und Künstler konnten ihre Arbeit machen, die Mieten blieben moderat.
Nun aber wird in Berlin auch Atelierraum in nicht kommerziellen Institutionen zum Luxus. Flutgaben e.V. zieht vor Gericht, um einen anerkannten Künstler mit einer Räumungsklage vor die Tür zu setzen: Es geht um den Maler Frank Nitsche, einst Absolvent der Kunsthochschule Dresden, Nachmieter seines 2019 jung verstorbenen Malerkollegen Eberhard Havekost. Als Argumente, den Maler aus dem Atelierhaus zu drängen, führt die Vereinsleitung mal dies, mal jenes an: Mal sind es diffuse Ausschreibungsrichtlinien. Oder es heißt, der Arbeitsraum habe nur temporär zur Verfügung gestanden.
Frank Nitsche porträtiert von Oliver Mark, Berlin 2012
© CC BY-SA 4.0/Oliver Mark
Mag das nun so oder so sein – die Verfahrensweise ist fatal für all jene, die in Räumen gemeinnütziger Vereinen arbeiten und sich nun einer Willkür ausgesetzt sehen. Der Fall sorgt für Rumor in der so riesigen wie disparaten Kreativszene Berlins. Soeben macht eine Solidaritätserklärung als offener Brief die Runde, unterschrieben auch von Künstlerinnen und Künstlern, die teils selbst Mitglieder im Flutgraben-Verein sind und mit Frank Nitsche Tür an Tür arbeiten.
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Es gehe um eine Form von Atelier-Darwinismus, kritisieren namhafte Unterzeichner aus Kunst und Kunsthochschulen wie etwa Bernd Koberlin, Norbert Bisky, Valérie Favre, Heidi Specker, Thomas Scheibitz, John Bock sowie bekannte Kunstkritiker wie Sebastian Preuss, Christoph Tannert und Nicolaus Schafhausen. In Zeiten wie diesen müsse die Kunstszene solidarisch sein, Produktionsräume schützen und sich nicht verhalten wie Immobilienwirtschaft und Miet-Haie. „Künstlerinnen und Künstler sollten nicht ihresgleichen mit Anwälten drohen. Wir brauchen mehr Ateliers und müssen gemeinsam darum kämpfen, statt Verteilungskämpfe wie Wohnungskonzerne am Amtsgericht auszutragen.“
Die Künstlerschaft in Berlin müsse, heißt es in dem Brief weiter, „ein Gegenbeispiel sein. Berlin verliert heute seine Clubszene an den Übertourismus, seine Stadtviertel an airbnb. Immer mehr verliert es nun auch seine künstlerische Freiheit an Strukturen, in denen die eigenständige, jahrelang entwickelte künstlerische Arbeit nichts mehr zählt. Wir fordern Flutgraben e.V. auf, den Klageweg zu beenden und sich mit Frank Nitsche zu einigen.“
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