Die Bundeshauptstadt hat das, worum andere Städte sie beneiden: Platz, Talente, Hochschulen, internationale Strahlkraft, Kapital und eine Gründerszene, die weit über Deutschland hinaus sichtbar ist. Und doch bleibt Berlin oft hinter seinen Möglichkeiten. Warum das so ist, war die Leitfrage der „Trockland Talks“ in der Backfabrik in Prenzlauer Berg.
Unter dem Titel „Die Zukunft Berlins – Visionär:innen im Dialog“ diskutierten die Unternehmerin Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands und Co-Gründerin des FC Viktoria Berlin, Thomas Willemeit von GRAFT Architects, der Seriengründer Julian Teicke und Daniel-Jan Girl, Unternehmer und Initiator der Expo-2035-Bewerbung, über eine Stadt, die viel kann, sich aber zu häufig selbst bremst. Moderiert wurde der Abend vom Verleger der Berliner und Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, Holger Friedrich.
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Der Mitgründer des Insurtechs Wefox, Julian Teicke, erklärte, dass es heute kaum noch einen Grund gebe, eine Idee nicht zumindest auszuprobieren: Mit neuen Technologien ließen sich Produkte innerhalb weniger Stunden testen. Trotzdem fehle vielen jungen Menschen der Impuls, selbst etwas aufzubauen.
„I want Germany to be a start-up nation“
Der Vergleich mit dem Ausland zeigt, was alles möglich ist: Frankreich habe sich unter Emmanuel Macron zur Start-up-Nation erklärt und diesen Anspruch politisch unterfüttert. In Paris lasse sich ein Unternehmen samt Genehmigungen in kürzester Zeit gründen. Bei Risikokapital, Start-up-Dichte und hoch bewerteten Jungunternehmen liege Frankreich inzwischen vor Deutschland. In Deutschland dagegen fehle ein vergleichbares Signal. „Wir haben in diesem Land niemanden, der sagt: I want Germany to be a start-up nation“, sagte Teicke.
Stattdessen setze das Kanzleramt mit Zukunftsgipfeln zu Stahl und Auto andere Prioritäten. Europa werde gleichzeitig von zwei Seiten unter Druck gesetzt: von den USA und von China. Allein OpenAI und Anthropic seien zusammen so viel wert wie der gesamte DAX, sagte Teicke. Dabei fehle es nicht am Geld. In Europa lägen rund 33 Billionen Euro in Spareinlagen, Pensionskassen verwalteten weitere drei Billionen Euro. Doch nur 0,12 Prozent davon flössen in Technologie und Risikokapital. In den USA seien es zwei Prozent. „Wir haben das Kapital. Wir können das unblocken“, betonte Teicke.
Berlin ist dabei längst kein Start-up-Niemandsland. Mit rund 4300 Start-ups ist die Hauptstadt Deutschlands wichtigste Gründerstadt, zuletzt mit einem Wachstum von mehr als 24 Prozent. Teickes Urteil fiel dennoch hart aus: Berlin sei „erfolgreich nicht wegen der Politik, sondern trotz der Politik“. Zu schwach sei die Verzahnung von Forschung und Gründerszene, zu hoch seien bürokratische Hürden. Für eine Gründung müsse man in Berlin noch immer zu sieben Ämtern.
Emmanuel Macron setzt auf die französische Start-up-Szene: Beim Empfang anlässlich der Messe VivaTech im Élysée-Palast zeigte sich der Präsident mit Gründervertretern.
© Stéphane Lemouton/Pool/Bestimage/IMAGO
Thomas Willemeit betonte, Berlin habe Platz, Bedarf und Kapital. Am Tempelhofer Feld, in Tegel und am BER gebe es enorme Potenziale. Für Tempelhof kursierten Schätzungen von 20.000 bis 25.000 möglichen Wohnungen; Willemeit hält sogar 40.000 bis 50.000 für denkbar.
Der Wohnraummangel und seine Folgen für die Offenheit der Stadt waren ein wiederkehrendes Thema. Junge Menschen, die nach Berlin kommen, finden kaum Wohnungen. Damit droht Berlin genau jene Leichtigkeit zu verlieren, die die Stadt nach dem Mauerfall groß gemacht hat. Willemeit warb für neue Modelle studentischen Wohnens im Eigentum, finanziert über günstige Förderkredite. Studierende könnten so nicht nur wohnen, sondern während des Studiums Vermögen aufbauen. Pausder betonte, Berlin müsse gezielt jünger werden und die besten Talente aus Deutschland, Europa und der Welt an seine Hochschulen holen.
Unternehmergeist beginnt in der Schule
Auch die Frage nach einem Kulturwandel kam aus dem Publikum. Viele Jugendliche seien durch Pandemie, Krisen und Unsicherheit stärker auf Sicherheit gepolt, hieß es – eher Beamtenstelle als Gründung. Wie könne man jungen Menschen wie in China, Israel oder den USA wieder Lust auf Unternehmertum machen?
Pausder verwies auf Initiativen, die genau dort ansetzen: etwa Startup Teens, einen Businessplan-Wettbewerb für Schüler zwischen 14 und 19 Jahren, dessen Bundesfinale am 25. Juni 2026 in Berlin stattfindet. Zudem nannte sie LifeTeachUs, ein Programm, bei dem Praktiker, Unternehmer und andere Ehrenamtliche Ausfallstunden übernehmen und Schülern praxisnahes Wissen vermitteln. Nach ihren Angaben wurden so bereits mehr als eine Million Schulstunden mit ehrenamtlichen Mentoren ersetzt.
Nicht nur kritisieren, sondern mitmachen
Die Mitgründerin des Berliner Frauenfußball-Zweitligisten FC Viktoria Berlin warnte zugleich davor, die Verantwortung allein bei der Politik abzuladen. Man könne nicht pauschal Politiker „bashen“, während viele selbst nicht bereit seien, in die Politik zu gehen. Veränderung brauche nicht nur Kritik, sondern Beteiligung. Einen „Mindset-Shift“ könne man ohnehin nicht herbeireden. Man müsse Momente schaffen, in denen eine Stadt merke: Wir können mehr, als wir dachten. Als Beispiele nannte sie den Aufstieg des Frauenfußballs in Berlin und neben der Expo eine mögliche Olympiabewerbung.
Dazu passte ihr Vorschlag eines privat gemanagten „Berlin-Fonds“. Private Geldgeber könnten darin investieren, um Berliner Wachstumsunternehmen zu finanzieren und die Bevölkerung stärker am wirtschaftlichen Erfolg der Stadt zu beteiligen. Berlin, so Pausders Botschaft, müsse nicht auf München oder andere Standorte schauen, sondern eigene Instrumente entwickeln.
Expo 2035 als „größere Erzählung“ für Berlin
Daniel-Jan Girl warb mit seiner Initiative Expo 2035 ebenfalls für eine größere Erzählung. Die Idee: Nicht eine klassische Weltausstellung auf einem Messegelände, sondern ganz Berlin als Transformationsraum. Die Stadt solle zeigen, was Zukunft konkret bedeuten kann – in Mobilität, Wohnen, Energie, Verwaltung und öffentlichem Raum.
Am Ende ging es auch um Medien und Öffentlichkeit. Mehrere Teilnehmer erläuterten, dass Initiativen in Berlin oft schneller zerredet als ermöglicht würden. Wer etwas anstoße, gerate rasch unter Verdacht. In diesem Zusammenhang fiel auch der Begriff einer deutschen „Neidkultur“: Ein Immobilienunternehmer aus dem Publikum beklagte, dass Erfolg, Investitionen und Unternehmertum in Berlin zu häufig mit Misstrauen betrachtet würden. Dabei bräuchte die Stadt, so der Tenor des Abends, eher das Gegenteil: mehr Zutrauen, mehr Geschwindigkeit und mehr Freude an Erfolg.
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Am Checkpoint Charlie, einem der wichtigsten historischen Orte der Stadt, zeigt sich, erklärte Willemeit, wie gut es für Berlin wäre, große Geschichte auch in große Räume zu übersetzen.
Die Trockland Talks endeten nicht mit einem fertigen Programm für Berlin, aber mit einer klaren Richtung: weniger Misstrauen, mehr Kapital, schnellere Verwaltung, mutigere Politik, produktiverer Streit. Berlin muss nicht neu erfunden werden. Deutschlands größte Stadt müsste sich nur wieder mehr zutrauen.
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