Dass die Berlinale-Bären an einem Mittwoch verliehen werden, und die Festspiele danach noch vier Tage weitergehen, das gab es noch nie. Aber die Pandemie hat vieles bewirkt, was man nicht für möglich gehalten hätte. Und so trat an diesem Abend der Präsident der Internationalen Jury, der Regisseur M. Night Shymalan, auf die Bühne im Berlinale-Palast, um den Gewinner des Goldenen Bären zu nennen, und niemand wusste, was er sagen würde. Denn den einen großen Berlinale-Favoriten gab es nicht. Als er dann aber das wunderbare Zusammenwirken von Laienschauspielern aus verschiedenen Generationen pries und eine Kamera, die an der Erde haftet, war klar: Der verdiente Siegerfilm der 72. Filmfestspiele heißt „Alcarràs“ von Carla Simón.
Pfirsichplantagen zu Solaranlagen: „Alcarràs“
Der Film erzählt von einer der Familie von Pfirsichbauern in Katalonien, die ihre Felder verliert. Die diesjährige Ernte ist die letzte. Das Land gehört ihnen nicht, und der Besitzer will die Bäume durch Solarpaneele ersetzen. Aber die Solaranlage ist nicht wirklich schuld. Schuld sind die niedrigen Preise, die man ihnen und den anderen Bauern dieser Region für das Obst zahlt. Das Wirtschaften lohnt sich nicht, aber dies zu akzeptieren fällt denjenigen schwer, die seit Generationen ihren Feldern die Treue halten.
Die Preisträger
Goldener Bär für den besten Film: „Alcarràs“ von Carla Simón
Großer Preis der Jury: „So-seol-ga-ui yeong-hwa“ („The Novelist's Film“) von Hong Sangsoo
Preis der Jury: „Robe of Gems“ von Natalia López Gallardo
Beste Regie: Claire Denis für „Avec amour et acharnement“ („Both Sides of the Blade“)
Beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle: Meltem Kaptan in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“
Beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle: Laura Basuki in „Nana“ („Before, Now & Then“)
Silberner Bär für das beste Drehbuch: Laila Stieler für „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“
Herausragende künstlerische Leistung: „Everything Will Be Ok“ von Rithy Panh
Special Mention der Jury: „Drii Winter“ („A Piece of Sky“) von Michael Koch
Goldener Bär für den besten Kurzfilm: „Trap“ von Anastasia Veber
Encounters:
Goldener Bär für „Mutzenbacher“ von Ruth Beckermann
Beste Regie: Cyril Schäublin für „Unrueh“
Spezialpreis der Jury: „Á vendredi, Robinson“ von Mitra Farahani
GWFF Preis Bester Erstlingsfilm: „Sonne“ von Kurdwin Ayub
Dokumentarfilmpreis: „Myanmar Diaries“ von The Myanmar Film Collective
Die 35 Jahre alte katalanische Regisseurin konnte vor Aufregung kaum sprechen, als sie auf die Bühne trat. „Meine Familie baut Pfirsiche in Alcarràs an“, sagte sie. Es ist also ihre eigene Geschichte, die sie ihn ihrem Film erzählt, die Geschichte einer untergehenden Welt. Nicht nur die intime Kenntnis dieser Welt kommt dem Film zugute, zu seiner Authentizität trägt bei, dass Carla Simón keine Schauspieler engagiert hat, sondern Menschen aus der Gegend. Sie hat sie zum Beispiel auf Dorffesten gefunden. Schade, dass die sich im Film so anarchisch gebärdenden Kinder nicht bei der Preisverleihung dabei waren. Statt mit Salatköpfen hätten sie sich hier mit Berlinale-Bären bewerfen können. „Ich widme den Film all jenen, die das Land bebauen“, sagte Carla Simón, bevor sie von der Bühne trat. Das sind Menschen, an die in den Städten mit ihren Festivals selten gedacht wird. Die Jury hat einen engagierten Film gewürdigt, auch wenn dessen Klage keine Botschaft enthält, sondern von Ohnmacht spricht.
Die katalanische Regisseurin Carla Simón mit dem Goldenen Bären für den besten Film: „Alcarràs“
© AFP
Von den 18 Filmen im Wettbewerb waren nur sieben von Frauen, aber bei der Preisverleihung war die Gewichtung der Geschlechter umgekehrt. Sechs Frauen wurden ausgezeichnet und drei Männer. Der deutsche Wettbewerbsbeitrag „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen über den Kampf einer Mutter um ihren in Guantanamo einsitzenden Sohn, gewinnt zwei Silberne Bären. Einen für das Beste Drehbuch, Laila Stieler nahm ihn mit den Worten der Film-Rabiye Kurnaz entgegen: „Echt jetzt? Gefällt mir.“ Sie arbeitet seit Anfang der 1990er-Jahre mit Andreas Dresen zusammen und hat etwa auch das Drehbuch für seinen Film „Gundermann“ geschrieben. Der seit 2020 genderneutrale Preis für die „Beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle“ ging an die Kölnerin Meltem Kaptan, die die Rabiye Kurnaz spielt, „eine zutiefst menschliche Darstellung“, wie die Jury befand. Meltem Kaptan dankte ihren Eltern zuerst auf Türkisch: „Mama und Papa, ihr seid vor so vielen Jahren hergekommen und habt nicht verlangt, dass eure Töchter Jura oder Medizin studieren.“ Zwei Preise für einen weiteren engagierten Film mit einem moralischen, politischen Anliegen.
Aber die Jury hat auch ganz andere Filme gewürdigt, Filme mit einer speziellen ästhetischen Sprache, wie etwa „Robe of Gems“, das Debüt der Mexikanerin Natalia López Gallardo. Und „The Novelist's Film“ mit dem sich der Südkoreaner Hong Sangsoo wieder als Meister der Reduktion erwiesen hat, der mit scheinbar unspektakulären Geschichten eine beglückende Leichtigkeit erzeugt. Und Rithy Panhs „Everything will be Ok“, der mit Hilfe von Tonfiguren einen eigenen bedrückenden Filmkosmos geschaffen hat.
Andreas Dresen, ein Politskandal und eine türkische Mutter aus Deutschland
„The Novelist’s Film“: Der erfolgreiche Schriftsteller trinkt
Rithy Panhs „Everything Will Be Ok“: Im Schraubstock der Bilder
Ein bewegender Moment war es, als der Bär für den Besten Dokumentarfilm verliehen wurde. Es ist „Myanmar Diaries“ über die Oppositionsbewegung in Myanmar, die sich nach dem Militärputsch 2021 gebildet hat, und die von den Machthabern brutal unterdrückt wird. Doch auf die Bühne kamen nicht die Filmemacher, auch wenn einer von ihnen diese Woche in Berlin gewesen ist, sondern die niederländische Produzentin Corinne van Egeraat. Denn das zehnköpfige Kollektiv muss anonym bleiben, sonst droht Verfolgung. Nicht einmal Freunde und Familienmitglieder wissen von ihrer Arbeit. Am Ende standen die Produzentin und ihr Mann mit den dem Handzeichen der Oppositionsbewegung auf der Bühne, den drei erhobenen Fingern.
„Myanmar Diaries“ über die Demokratiebewegung: Könnt ihr uns hören?
Die Preisverleihungsgala war auch ein Abend, an dem sich die Festivalleitung ein bisschen selbst auf die Schulter klopfte für ihre Standhaftigkeit, an einer Präsenzveranstaltung festgehalten zu haben, auch wenn Carlo Chatrian von Dankbarkeit sprach. Mariette Rissenbeek aber erzählte von den vielen Menschen am Roten Teppich, die sie für diese Entscheidung beglückwünscht hätten.
Nach Hause gingen die Besucher der Gala mit einem kleinen Geschenk, das dieser Berlinale eher entspricht als die rote Bauchtasche aus Kunststoff, die dieses Jahr als Berlinale-Tasche fungierte, mit der man aber kaum jemanden herumlaufen sah. Es ist das Utensil, von dem vor zwei Jahren noch kein Mensch geglaubt hätte, dass es sich in Europa durchsetzen würde. Es ist ein Ding, ohne das das Festival nicht hätte stattfinden können: eine Maske. Diese hier kam mit dem Aufdruck des Berlinale-Bären. Aber nur ein Silberner.
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