Sven Zimmerschied leitet die Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg, eine Europa-Schule mit den Sprachen Deutsch und Spanisch. Die Schule gehört mit 1100 Schülern zu den größten zehn Schulen Berlins. Wir wollten wissen, ob das Gendern an seiner Schule ein Thema ist und im Alltag für Konflikte sorgt.
Herr Zimmerschied, hier die neue Gretchenfrage: Wie halten Sie's mit dem Gendern?
Als Mitarbeiter der öffentlichen Berliner Verwaltung bin ich ja gehalten, gendergerecht zu formulieren. Und das tue ich auch. Als Schulleiter habe ich mir angewöhnt, in der mündlichen Sprache meist Doppelnennungen zu machen – zum Beispiel: Liebe Schülerinnen und Schüler – und in der schriftlichen Sprache den Doppelpunkt zu benutzen, weil ich den von allen Varianten am praktischsten finde. Die Doppelnennung ist mir lieber als diese kleinen Sprechpausen mitten im Wort, die mir immer noch widerstreben.
Wie hält es Ihr Kollegium?
Unsere Haltung lässt sich am besten so beschreiben: Es gibt Menschen, denen das Gendern wichtig ist, also machen wir es. Die meisten Kollegen machen es inzwischen mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, ein paar machen es nicht. Aber da renne ich als Schulleiter nicht hinterher und kontrolliere. Wenn wir in der Schule ein gemeinsames Konzept verfassen, dann verwenden wir den Doppelpunkt – und da sträubt sich dann auch niemand.
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Sind Sie verwundert, dass die Diskussion über das Gendern in der Schule gerade jetzt aufflammt?
Ja, denn in meinen Augen ist diese Diskussion mit dem Genderstern längst durch. Jetzt steht die Frage im Raum, ob wir wirklich anfangen müssen, geschlechtsneutral zu formulieren. Ich habe zum Beispiel einen Kollegen, der sich nicht angesprochen fühlt, wenn ich „Herr Wagner“ sage, das Wort „Herr“ stört ihn.
Gibt es transidente Lehrkräfte an Ihrer Schule?
Ja, vor einigen Jahren hat eine Referendarin bei uns angefangen, die sich kurz vor Schulanfang geoutet hat. Als Schulleiter hat man ja ziemlich viel um die Ohren und im ersten Moment habe ich kurz gedacht: Das nicht auch noch! Aber das Motto unserer Schule ist ja: „Vielfalt ist für uns ein Gewinn!“ Also habe ich mich sozusagen selbst in die Pflicht genommen – und im Nachhinein kann ich sagen: Die Zusammenarbeit mit der neuen Kollegin war und ist überhaupt kein Problem.
Also das Thema Transidentität ist in Ihrer Schule schon angekommen?
Vor ein paar Jahren gab es in der Oberstufe einzelne Schüler, die ihr Geschlecht wechseln wollten. Inzwischen gibt es schon in der achten Klasse etliche Schüler, die das wollen. Am Anfang war ich schockiert, dass das schon so früh passiert. Deshalb habe ich Rat bei Psychologen gesucht und gehört: Wenn der Geschlechtswechsel später kommt, dann wird es oft noch schwieriger für die einzelnen. Es ist ja ohnehin nicht leicht, die Reaktionen der Mitschüler zu ertragen, Fragen wie: Warum rennst du denn jetzt mit den Frauenkleidern herum?
Bringt das neue Konflikte in den Schulalltag?
Ja, zum Beispiel die Frage: Wird die transidente Person im Sportunterricht jetzt wie ein Junge oder wie ein Mädchen bewertet? Denn bei Jungs wird ja eine andere Leistungsfähigkeit vorausgesetzt.
Wie handhaben Sie das?
Wir machen es so, wie es im Pass steht. Wenn eine Person als Junge geboren wurde und jetzt als Mädchen im Pass ausgewiesen ist, wird sie als Mädchen bewertet. Auch dann, wenn Mitschüler ankommen und das ungerecht finden.
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Gibt es umoperierte Schüler?
Nein. Aber die meisten wollen mit einem anderen Namen angesprochen werden. Für mich ist das kein Problem, und ich sage meinem Kollegen immer: Wir machen es einfach so, wie die Schüler das wollen. Und wenn eine Lehrkraft mal auf dem alten Vornamen beharrt und weiter Mario sagt statt Maria, dann wird das in der Regel moniert. Und überhaupt: Was geht, das machen wir! Wir haben auf Wunsch der Schüler auch schon eine „Toilette für alle“ eingerichtet.
Mit oder ohne Pissoir?
Ohne. Die Toilette sieht aus wie eine voll ausgestattete Behindertentoilette. Und inzwischen gibt es auch Überlegungen, ob wir in der Sporthalle noch eine dritte Umkleidekabine ausweisen.
Gibt es Eltern oder Schüler, die sich bei Ihnen beschweren, weil im Unterricht zu viel oder zu wenig gegendert wird?
Nein, im Alltag gibt es dieses Problem nicht. Wie gesagt: Die Gesellschaft ist weiter als wir denken – und als die Berliner Medien das gerade abbilden.
Zur Person
Und Ihre Schüler? Gendern die schon beim Sprechen und beim Schreiben?
In der Oberstufe schon, in der Mittelstufe noch nicht so. Da gibt es ja viele Schüler, die sich mit dem Schreiben insgesamt ziemlich schwer tun. Und da sind wir dann schon froh, wenn die das Wort „Schüler“ richtig schreiben.
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Was sagt der Rahmenlehrplan zum Thema Gendern?
Dort steht nur, dass die Deutschlehrer in der Mittelstufe ein Bewusstsein schaffen sollen für gendergerechte und diskriminierungsfreie Sprache. Und das finde ich auch gut so. An unserer Schule, an der es etliche dunkelhäutige Schüler gibt, ist das Thema „Rasse“ explosiver als das Thema „Geschlecht“. Das N-Wort darf in unserem Unterricht überhaupt nicht vorkommen. Neulich hatte ein Lehrer mal das Wort in den Mund genommen – durchaus kritisch und in einem historischen Kontext, in dem das Wort Sinn machte. Aber es gab Schüler, die das ungeheuer gestört hat und die gesagt haben: Dieses Wort hat uns Jahrhunderte lang geknechtet, und wir wollen das nicht mehr hören. Also, das sind die Stellen, wo wir genau sein und gut aufpassen müssen.
Finden Sie, dass der nächste Rahmenlehrplan vorgeben sollte, ob und wie an Berliner Schulen in Zukunft gegendert werden soll?
Nein, das sollte man nicht so genau vorgeben. Das führt nur zu sinnlosen Diskussionen. Warum sollte man als Landesbehörde so stark in den Unterricht hineinregieren? Und wieso in diesem Punkt auf Vereinheitlichung dringen, wenn man sonst überall auf Vielfalt setzt und auf die Individualisierung des Lernens? Das passt nicht zusammen.
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