Clan-Kriminalität, Vermüllung, lahme Verwaltung und viele, viele Schulden – trotz des üblichen Berliner Chaos boomt hier die Wirtschaft. Erstaunlich: Während der Bund und auch viele westdeutsche Bundesländer ökonomisch stagnieren oder schrumpfen, wächst die Wirtschaftskraft in Berlin in den letzten Jahren stetig. 2025 immerhin um 1,1 Prozent laut Statistikportal von Bund und Ländern. Wie kommt‘s?
Vor allem der innovative Mittelstand und viele Gründer finden in der chaotischen Hauptstadt anscheinend das nötige kreative Umfeld, um zu gedeihen. Und nicht nur Kunst, Kultur, Nachtleben und über 50 Hochschulen locken Gründer und Kreative nach Berlin, sondern auch: das Geld. Denn Berlin ist die Venture-Capital-Hauptstadt Deutschlands. Hier sprudeln die Geldquellen wie sonst nirgends in der Republik. Und Innovation braucht Risikokapital. Es fließt viel Geld an die Spree.
Berlin überzeugt mit „diversem und dynamischem Mix“
Tatsächlich erhalten Startups in Berlin wesentlich mehr Geld zur Finanzierung ihrer Ideen als im Rest des Landes: 2025 sammelten Berliner Startups rund 2,7 Milliarden Euro Risikokapital ein – also etwa ein Drittel der gesamten deutschen Innovationsgelder. Mit über 218 aufgezeichneten großen Finanzierungsrunden lag Berlin deutlich vor Konkurrenten wie München oder Hamburg, berichtet die Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young in ihrem „Startup-Barometer“.
Start-ups in Berlin: Warum viele Zuwanderer erfolgreiche Firmen aufbauen
Bitkom Länderindex 2026: Digitales Ranking zeigt regionale Unterschiede
Business Angels und etablierte Netzwerke spielen dabei eine wichtige Rolle: Durch die hohe Dichte an erfolgreichen „Seriengründern“ wie etwa den Samwer-Brüdern (Rocket Internet, Zalando, Delivery Hero, 1&1) gibt es eine große, aktive Gruppe von Business Angels. Dazu kommen auch sogenannte Operator-Angels aus den Berliner Unicorns, die durch Gründungen und Anteilsverkäufe von Firmen wie N26, GetYourGuide oder Auto1 sich nun anderweitig engagieren, um junge, innovative Firmen und Ideen finanziell zu fördern.
Schärfster Konkurrent Berlins ist Bayern. Thomas Prüver, Partner bei Ernst & Young: „Während der Schwerpunkt der Jungunternehmen aus Berlin nach wie vor deutlich stärker auf den aktuell etwas schwächelnden Bereichen E-Commerce und FinTech liegt, profitieren bayrische Startups von ihrem Tech- und Defense-Fokus und dem weltweiten KI-Boom.“ Abgeschrieben sei die Hauptstadt deshalb aber nicht, so Prüver: „Berlin bleibt weiterhin eine der führenden Startup-Metropolen Europas und hat sich auch über die Grenzen des Kontinents hinaus einen hervorragenden Ruf aufgebaut, auch im Bereich Tech und KI. Die Hauptstadt überzeugt mit einem besonders diversen und dynamischen Mix an jungen Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen.“
München und Hamburg holen gewaltig auf
Doch Berlin muss aufpassen, seine Spitzenposition nicht zu verlieren. Denn die Gründungswelle erfasst das ganze Land – und das in einer Phase mit gleichzeitig extrem vielen Insolvenzen: Die Zahl neuer Startups steigt in allen 16 Bundesländern, berichtet der Deutsche Startup-Verband für das erste Halbjahr 2026. Bayern führt die Rangliste der Länder mit 626 Neugründungen an – 48 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025, danach folgen Nordrhein-Westfalen (539, plus 45 Prozent) und Baden-Württemberg (377, plus 55 Prozent).
Unter den Städten führt Berlin zwar nach wie vor mit 429 Neugründungen im ersten Halbjahr, wächst aber mit 21 Prozent deutlich langsamer als der Rest der Republik – wie etwa Hamburg: Die Gründungsaktivität in der Hansestadt legte um 83 Prozent auf 212 neue Startups zu. Täglich entstehen also dutzende neue Firmen. Doch womit beschäftigen sich all die neuen Mittelständler?
Künstliche Intelligenz ist laut Startup-Verband der zentrale Treiber des Booms: 1038 der neu gegründeten Startups haben einen klaren KI-Bezug, mehr als jedes dritte und damit mehr als im gesamten Jahr 2025. Der Software-Sektor bleibt mit 844 Neugründungen die mit Abstand stärkste Branche. Doch der Boom zeigt sich auch in anderen Feldern: So zählen die Medizin (274) und der Lebensmittel-Sektor (181) zu den gründungsstärksten Feldern – KI-Anwendungen und damit verbundene Technologiesprünge sind hier ebenfalls wichtige Treiber der Entwicklung. Immerhin 128 Neugründungen lassen sich dem Industriesektor zuschreiben.
Viel Geld kommt auch von den Berliner Banken
Doch jenseits der prominenten Business Angels und Inkubatoren fließt viel Geld auch von den Berliner Finanzinstituten in den jungen, innovativen Mittelstand – auch in bereits etablierte Firmen: Allein die Berliner Volksbank bewegt hier jedes Jahr Milliarden. Die Fokusbranchen: Digital- und Kreativwirtschaft, Mobilität und Logistik, Gesundheitswirtschaft und Bildung, Bau- und Immobilienwirtschaft und Handwerk. Allein im Geschäftsfeld Immobilien und Erneuerbare Energien fließen bei der Berliner Volksbank jährlich rund drei Milliarden Euro im Darlehensneugeschäft.
Dass die Begriffe Startup und Mittelstand kein Widerspruch sind, sondern sich ergänzen, sagt etwa Caroline Toffel, Vorständin der Berliner Volksbank: „Wenn über Innovation gesprochen wird, denken viele zunächst an Startups. Tatsächlich entsteht ein großer Teil der wirtschaftlichen Entwicklung im Mittelstand.“ Innovation entsteht nicht nur durch eine Neugründung, sondern auch in bestehenden Betrieben. Toffel nennt hier etwa die Interautomation Deutschland GmbH in Berlin-Wilhelmsruh, die digitale Lösungen für Verkehrs- und Mobilitätssysteme entwickelt; oder die Geyer Umformtechnik GmbH in Berlin-Marienfelde, die laufend in moderne und nachhaltige Fertigungstechnologien investiert. Die Berliner Wirtschaft ist liquide, privates Kapital ist da – für Mittelstand und Neugründungen. Und das ist gut so.
Linke Enteignungsphantasien schaden dem Geldfluss
Frisches Geld ist für den Mittelstand, Gründer und den Berliner Startup-Boom essenziell. Doch „Geld ist zwar geil wie ein Bock, aber auch scheu wie ein Reh“, formulierte es einmal der frühere bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß (CSU). Und so sind Investoren und Banker extrem vorsichtig und sensibel, wenn die politische Stimmung umschlägt. Gefahr für den Berliner Kapitalmarkt sehen Bankmanager vor allem in den aktuellen Enteignungsdebatten: Und Linke, Grüne und SPD stehen in ihren Parteitagsbeschlüssen weiter zum Volksentscheid von 2021 für die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne.
Falls die Linke die Berlin-Wahl gewinnt: Kann sie Vonovia wirklich enteignen?
Ökonomen rechnen mit Wahlprogramm der Linken ab: Berlin würde „deutlich zurückfallen“
Carsten Jung, Chef der Berliner Volksbank: „Die Vergesellschaftung wäre ein gefährlicher Präzedenzfall. Sie würde ökonomische Verwerfungen nach sich ziehen, die weit über den Berliner Immobilienmarkt hinausgehen und das Investitionsklima in ganz Deutschland schädigen.“ So sehen es auch die Investitionsbank Berlin (IBB), die Berliner Sparkasse oder die Deutschen Kreditbank AG (DKB) in einem gemeinsamen Statement vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl. Tilo Hacke, Mitglied des DKB-Vorstands, glaubt, dass die Vergesellschaftungsdebatte nicht nur den Wohnungsmarkt weiter verengt, „sondern auch Berlin als Wirtschaftsstandort schwächen, fiskalische Spielräume einengen und am Ende vor allem die Bürgerinnen und Bürger treffen würde“.
So könnte die Enteignung von Immobilien eine Kettenreaktion auf alle anderen privaten Investoren und Branchen nach sich ziehen. Die Fragen, die sich Investoren und eben auch Gründer stellen: Wer wird als Nächstes enteignet? Ist das Geld in Berlin sicher?
Fazit: Gründer-Boom und mittelständische Innovation in Berlin finden trotz und nicht wegen der Politik statt. Wer Wirtschaftsstandort und Kapitalfluss nicht gefährden will, sollte seine Enteignungsphantasien nochmals genau überdenken.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]