Am 31. Januar 1943 kapitulierte die Südgruppe der deutschen Wehrmacht in Stalingrad, am 2. Februar schließlich auch die Nordgruppe – die Kriegswende. Zur selben Zeit intensivierte die Waffen-SS, die militärische Elitetruppe der NSDAP, den Ausbau ihrer Verbände. Sie stand im Ruf besonderer Härte und Grausamkeit. Im Herbst 1943 begann der Aufbau eines riesigen SS-Truppenübungsplatzes um das 100 Kilometer südöstlich von Berlin gelegene Dorf Jamlitz. Errichten sollten ihn jüdische Häftlinge, untergebracht in einem KZ, das unter dem Namen Lieberose lief und als Außenlager von Sachsenhausen funktionierte.
Eigentlich war die „Entjudung“ des Reichsgebietes zu dieser Zeit abgeschlossen, doch es fehlten allenthalben Arbeitskräfte. In einem „Schnellbrief“ des Reichssicherheitshauptamtes an das Auswärtige Amt vom 24. April 1944, Betreff: „Arbeitseinsatz von Juden aus Ungarn im Reich“, wird einer „Übernahme in Arbeitslager“ zugestimmt. Hitler erlaubte am 6./7. April 1944 die Deportation von etwa 100.000 sogenannten Arbeitsjuden ins Reichsgebiet. Sie sollten dem Vernichtungsprogramm an den ungarischen Juden „entnommen“ werden.
Mit Gleisanschluss nach Auschwitz
Die ersten Arbeiten am SS-Truppenübungsplatz „Kurmark“ übernahmen Häftlinge verschiedener Herkunft. Am 5. Juni 1944 traf in Jamlitz auf dem dortigen „Staatsbahnhof Lieberose“ der erste Transport mit 2400 ungarischen jüdischen Häftlingen direkt aus Auschwitz ein, darunter Jugendliche im Alter von 14 und 16 Jahren. Das Konzept: Vernichtung durch Arbeit. So wurde Jamlitz ein Ort der Shoah. Von den insgesamt mindestens 6600 Häftlingen waren rund 90 Prozent Juden. Sie stammten vor allem aus Polen und Ungarn, insgesamt aus zwölf europäischen Staaten, darunter auch aus Deutschland.
Das SS-Wachbataillon bestand vor allem aus Volksdeutschen aus dem jugoslawischen Banat, auch 260 Ukrainer sollen zeitweise dazugehört haben.
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Wer nicht mehr arbeiten konnte, kam zurück nach Auschwitz zur unmittelbaren Ermordung in der Gaskammer. Dieses Schicksal traf etwa 1000 Juden. Der letzte Rücktransport ging am 6. Oktober 1944 ab. Nur 400 der Jamlitzer Häftlinge überlebten das Lager. Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das größte deutsche Vernichtungslager. Am 31. Januar 1945 befahl SS-Standartenführer Anton Kaindl, Kommandant des KZ-Systems Sachsenhausen, die Evakuierung des Außenlagers Jamlitz.
Am 23. Juni 1945, sechs Wochen nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands, erschien in der Berliner Zeitung unter dem Titel „Judenmörderlager Lieberose“ ein Bericht des ehemaligen Häftlings Alfred Ehling, geboren 1902 in Berlin-Neukölln, über den Todesmarsch von Jamlitz nach Sachsenhausen, den er selbst durchlitten hatte. Die Berliner Zeitung war am 20. Mai als erste in Deutschland nach der Kapitulation erschienen, hergestellt mit aus Trümmern zusammengesuchten Maschinen. Im Satz fanden sich noch vorgefertigte SS-Runen (siehe Faksimile). Hier der Wortlaut:
Augenzeuge Ehling: „Für Juden das Schlechteste“
„Am 11. Dezember 1939 vom Kriegsgericht der 93. Infanteriedivision zu ,Ein Jahr Militärstrafkompanielager Esterwegen‘ verurteilt, kam ich im Sommer 1944 strafweise in das Judenlager Lieberose. Obwohl ich nun schon allerhand aus Esbergen und Sachsenhausen gewöhnt war, so manches an Vollstreckungen von Todesurteilen, Erschießungen, Erhängungen, Erschlaffungen usw. gesehen hatte, sträubten sich aber doch meine Haare über das, was man mit den Juden machte.
Berüchtigt war das Arbeitskommando Ullersdorf. Fünf Kilometer Waldweg hin und zurück, die unmenschlichste Behandlung seitens der SS, schlechtes Schuhzeug sowie Keidung, die grausame Behandlung der SS-Baumeister und mangelhafte Ernährung brachten es mit sich, daß täglich mehrere Tote hinterher geschleift wurden.
Die Sterblichkeit in dem Lager war so groß, daß zum Transport der Leichen nicht einmal genügend Särge vorhanden waren, obwohl schon zwei bis drei Leichen übereinander in einen Sarg gelegt wurden.
Augenzeugenbericht in der Berliner Zeitung vom 23. Juni 1945 – auffällig im Text die SS-Runen. Die Zeitungsmacher arbeiteten mit aus Trümmern geborgenen Maschinen aus der NS-Zeit.
© Berliner Zeitung
„40–50 Leichen übereinander“
So war es schließlich nicht selten, daß Leichentransporte so vonstatten gingen, daß 40–50 Leichen übereinander unbekleidet auf den Anhänger verladen wurden. Derartige Leichentransporte waren im Winter 1944/45 zwei- bis dreimal in der Woche nötig. An den lebenden Juden wurden noch bis Februar öffentliche Prügelstrafen der geringsten Kleinigkeit wegen vollzogen.
Der Höhepunkt aller Unmenschlichkeit geschah anläßlich der Evakuierung des Lagers nach Oranienburg im Februar 1945. Trotz schlechtester Witterung mussten 140 Kilometer zu Fuß gemacht werden. Auf dem Marsch erklärte man sofort, daß jeder Schwache, der nicht mehr mitkäme, erschossen würde. Bereits anderthalb Stunden nach Verlassen des Lagers wurden die ersten zwei Leute in Gegenwart der Dorfbewohner erschossen und notdürftig im Chausseegraben verscharrt.
Auf jeder Tagesstation wurden dann früh und abends die Kranken und Schwachen herausgesucht, kurzerhand erschossen und von einem besonderen Totengräberkommando notdürftig eingescharrt. Selbst als wir in dem Verwaltungshof der Landes-Irrenanstalt Teupitz eine Nacht kampierten, machten diese Unmenschen von SS-Mördern keine Anstalten, wenigstens die Kranken in den Krankenstationen von Teupitz unterzubringen, sondern auch dort wurden vier Juden erschossen.
Auch Jugendliche von 11 bis 16 Jahren
Der Henkersknecht, der die Erschießungen vornahm, war ausschließlich der SS-Scharführer Schemel, ein 22jähriger Bengel. Mehr als einmal habe ich gesehen, wie Frauen, die diesen Leidenszug sahen, geweint haben. In diesem Trauerzug von etwa 1400 Mann waren allein 1000 Juden, davon 250 Jugendliche von 11 bis 16 Jahren. Der Rest bestand aus Polen, Norwegern und Deutschen. Wenn die Bevölkerung die SS-Posten fragte, was das für Leute seien, erhielten sie zur Antwort, ,das wären alles Staatsverbrecher und Judengesindel‘.
Zwangsarbeit im Kiez – Zum Wohle des deutschen Volkes
Als wir späterhin Potsdam passierten und viele Juden vor Entkräftung nicht mehr weiter konnten, sah ich, daß die Wehrmacht sich wegen der unmenschlichen Behandlung empörte und den SS-Begleitmannschaften den Gruß nicht erwiderte.
Die letzte Etappe ,Falkensee–Oranienburg‘ wurde dann mit der S-Bahn zurückgelegt, weil es nun selbst der SS etwas zuviel war, was man von seiten der Bevölkerung über diesen Viehtransport äußerte.
Bei dem Abmarsch aus Lieberose mussten etwa 500 Leichtkranke (tatsächlich waren es mehr als 1300, Anm. d. Red.) zurückbleiben, denen man Bahntransporte versprochen hatte. Aber noch bevor wir das Lager verlassen hatten, ertönten schon die Schüsse der Massenmörder. Ich hatte in meiner Stube 45 Jugendliche, die mich ständig auf dem Transport mit den Fragen bestürmten, ,was denn nun geschehen werde‘. Da ich aber niemals glauben konnte, daß man sich an den Kindern vergreifen würde, versprach ich ihnen hoch und heilig, daß ihnen in Sachsenhausen nichts geschehen wird. Doch zwei Tage nach unserem Eintreffen in Sachsenhausen lebten selbst die Kinder und andere Juden nicht mehr. Das Krematorium Oranienburg arbeitete während dieser Zeit Tag und Nacht.
Uns Deutsche hatte man eine Stunde nach dem Eintreffen im Lager nach dem Mörderlager Klinkenwerk gebracht, um zu vermeiden, daß wir mit den Juden noch in Berührung kamen.
Für die gesamten Grausamkeiten, welche besonders im Arbeitslager Lieberose begangen wurden, sind in erster Linie verantwortlich: SS-Oberscharführer Kersten, wohnhaft Berlin im Bezirk Prenzlauer Berg, die Bluthunde Rapportführer Gendrick und Unterscharführer Schemel, Unterscharführer Felgenbauer, Unterscharführer Lehmann aus Wildau.
Alfred Ehling
Häftling 35819“
In den erhaltenen Unterlagen des KZ Sachsenhausen ist Alfred Ehling in der Kategorie „Berufsverbrecher“ verzeichnet. Wofür genau er verurteilt und warum er später ins KZ eingeliefert wurde, geht aus den Akten nicht hervor. Er lebte nach dem Krieg wieder in Neukölln.
Andreas Weigelt hat erforscht, was sich im Lager Jamlitz in den Tagen der Auflösung im Januar und den ersten Februartagen 1945 ereignete. Demnach wurden die sogenannten Schonungsblocks, wo die Marschunfähigen untergebracht waren, mit Stacheldraht vom übrigen Lager abgetrennt und separat bewacht. Zwei Tage vor dem Beginn des Todesmarsches schickte die SS am 31. Januar 1945 etwa 700 Jugendliche und Leichtkranke per Zug nach Sachsenhausen, wo sie ermordet wurden.
Die Evakuierung der marschfähigen etwa 1500 Häftlinge begann am Morgen des 2. Februar. Bewacht von einem Teil des Wachbataillons erreichten noch etwa 1200 Häftlinge über Teupitz, Zossen, Ludwigsfelde, Potsdam und Falkensee am 8. und 9. Februar das Hauptlager. Mindestens 36 erschöpfte Häftlinge sind unterwegs durch den Blockführer Erich Schemel erschossen worden.
„Bei dem Abmarsch haben wir uns geküsst. Aber keiner von uns hatte Auf Wiedersehen gesagt. Ich ging am Ende der Kolonne. Als ich durch das Lagertor ging, habe ich den ersten Schuss gehört. Ich höre es noch heute.“
© Volkmar Otto
Karl Schneider, Angehöriger des SS-Wachbataillons in Jamlitz, sagte 1969 vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth zum Ablauf des Massakers an den Zurückgebliebenen – ausgemergelte, überwiegend ungarische und polnische Juden – aus: Ein Kamerad habe ihm gesagt: „Komm, geh mit. Wir gehn zum Judenerschießen, dafür kriegen wir Schnaps.“ Ein anderer Zeuge berichtet, SS-Männer hätten ihm gesagt, „dass immer fünf Häftlinge aus der Baracke gebracht und erschossen wurden. Diese mussten sich vorher nackt ausziehen“. In den kommenden Tagen wurden 1342 Häftlinge mit Maschinengewehren und per Genickschuss in der Nähe der Schonungsblocks ermordet.
1342 Leichen sind in mindestens zwei Massengräbern vergraben worden. 577 wurden 1971 in der Kiesgrube von Staakow, wenige Kilometer östlich von Jamlitz gefunden. Zwölf waren bereits 1959 entdeckt worden. Ein zweites Massengrab mit mutmaßlich 753 Opfern wurde auf dem Lagergelände vermutet. Doch fand sich dort bei Grabungen 2009 kein Hinweis.
Neue Aufseherinnen waren ruckzuck auf dem Gewaltpegel
Den von Häftling Alfred Ehling genannten Lagerführer Wilhelm Kersten internierten die Briten 1946 in Neuengamme. 1948 wurde er in Hamburg wegen seiner SS-Mitgliedschaft zu einem Jahr und neun Monaten Gefängnis verurteilt, abgegolten durch die Internierungszeit. 1954 wurde er wegen Häftlingsmisshandlung zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. 1965 stand er endlich wegen Mordes an mindestes 35 Häftlingen in Fulda vor Gericht.
Am 27. September trat zum wiederholten Male Dr. Hans Globke als Entlastungszeuge auf. Der Jurist Globke, bis 1963 Chef des Bundeskanzleramtes unter Kanzler Konrad Adenauer, der in der NS-Zeit als Kommentator der Nürnberger Rassegesetze hervorgetreten war und von einem DDR-Gericht zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt war, stellte in dem Prozess „die faschistischen Mordpläne an der jüdischen Bevölkerung als rechtmäßiges Gesetz hin“, wie die Berliner Zeitung am 28. September vom Prozess berichtete. Kersten wurde freigesprochen und starb 1970, kurz bevor in Nürnberg gegen ihn Anklage wegen seiner Beteiligung an den sogenannten Endphasenverbrechen erhoben wurde.
Jahrzehntelang lag der Tatort des Holocaust vor den Toren Berlins im toten Winkel der Gedenkkultur. Warum? An die abgründige deutsche Nachkriegsgeschichte erinnert ein weiterer Text am 27. Januar.
Unser Nationalsozialismus. Buchpremiere, Autor Götz Aly im Gespräch mit Jens Bisky, Donnerstag, 2. Februar, 20 Uhr, Pfefferberg-Theater
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