BERLIN. Er singt nicht, er tanzt nicht, er ist kein Akrobat, kein Zauberer, kein Sportler, kein Comedian. Und doch könnte Jürgen Zöllner derzeit ganze Hallen füllen. Auf dem Schreibtisch an seinem neuen Arbeitsplatz nahe der Leipziger Straße in Berlin-Mitte stapeln sich die Einladungen. Würde er alle annehmen, wäre das Jahr ausgebucht. Er tingelt zehn, zwölf, vierzehn Stunden am Tag durch die Hauptstadt, von Veranstaltung zu Veranstaltung: Arbeitskreise seiner Partei, der SPD, Gesprächsrunden mit Lehrern, Bildungspodien, Landesschulbeirat, Wissenschaftskommission, Neujahrsempfänge, Hintergrundgespräche. Wo er hinkommt, sind stets alle Plätze besetzt und alle Blicke auf ihn gerichtet: Professor Dr. E. Jürgen Zöllner, 61 Jahre alt. Das E. steht für Emil. Seit zwei Monaten ist er Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin. Und alle erwarten eine frohe Botschaft von ihm: Dass es endlich aufwärts geht mit der Bildung.Denn der Ruf der Berliner Schulen ist schlecht. Der Ruf von Jürgen Zöllner ist dagegen hervorragend. Mehr als 15 Jahre lang war er Minister in Rheinland-Pfalz, zuvor Universitätspräsident in Mainz, Professor für Physiologische Chemie, Molekularbiologe, Gentechnologie-Experte, Krebsforscher. Erst war er als Minister nur für Wissenschaft zuständig, dann, unter dem heutigen SPD-Vorsitzenden und Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, auch für Bildung. Zöllner ist mitverantwortlich dafür, dass Deutschland an der Pisa-Studie teilnahm, mit allen Folgen für den Reformstreit in den Parteien, zwischen den Bundesländern, unter Schulexperten. Er hat die Exzellenzinitiative für die deutschen Universitäten mitentworfen, die jetzt eine Bewegung in die Hochschullandschaft bringt, die kaum jemand für möglich gehalten hatte.Als Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, Ende November vergangenen Jahres mit sichtlichem Stolz bekannt gab, wen er als neuen Bildungssenator für Berlin - als Nachfolger von Klaus Böger - gewinnen konnte, da wollte das Lob für Zöllner gar kein Ende mehr nehmen. Die Universitätspräsidenten, die Lehrergewerkschaft, die Akademie der Wissenschaft äußerten sich geradezu hymnisch über den neuen Mann für Berlin, er sei, hieß es, "das Beste, was passieren konnte". Sofort wurde er Supersenator getauft, nach all den quälenden Debatten über Unterrichtsausfall, Jugendgewalt, Lehrerfrust und Schulreformen schien endlich jemand da zu sein, der weiß, wie es geht - eine Art Bildungs-Messias, ein Heiland für die darbenden Schulen der Hauptstadt.Wenn man Jürgen Zöllner darauf anspricht, dann grinst er in sich hinein. Er zieht am abgekauten Mundstück einer seiner Pfeifen, die er im Lederbeutel mit sich herumträgt. Zöllner hat ein Gesicht, das immer zugleich ein bisschen vergnügt und verwahrlost aussieht. Er trägt einen weißgrauen Drei-Tage-Bart, der offensichtlich auch mal ein paar Tage länger ungestört bleibt. Selbst sein Nasenrücken hat sich entschlossen, einen eigenen Beitrag zum Gesichtshaar zu leisten. Seine kleinen, blauen Augen blitzen herausfordernd. Er trägt keine Krawatte, sondern Fliege. Nicht als Ausweis einer intellektuellen Elitestellung, sondern weil es praktisch ist. Nach dem dritten oder vierten Bier lässt sich eine Fliege leicht ablegen und verstauen.Eitel ist Jürgen Zöllner trotzdem, das sagt er sogar selbst. Deshalb wehrt er sich auch gar nicht gegen den Titel vom Supersenator, gegen die Ansprüche, die großen Hoffnungen, den hohen Vertrauensvorschuss, der ihm jetzt hier in Berlin entgegen gebracht wird. Er findet es vielmehr gerechtfertigt. "Der Bildungsbereich ist tatsächlich der wichtigste Bereich für die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft", sagt er lächelnd - und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich für den geeignetsten Mann für diesen wichtigsten Bereich hält, für den Bildungsmacher von Berlin. Und dass ihm das viel Spaß machen wird.Das ist sogar bei so hochformalisierten Debatten zu sehen wie im Landesparlament, im Abgeordnetenhaus von Berlin. Er, der Neue aus Mainz, scheint nicht so recht hineinzupassen in die Riege der Senatoren. Er schaut fröhlich ins Rund des Plenarsaals und lauscht den mühevollen Versuchen der Opposition, die Regierungsbank mit kritischen Fragen in Bedrängnis zu bringen. Seine Senatskollegen befinden sich wie immer in Abwehrhaltung, gucken griesgrämig, halb beleidigt oder studieren angestrengt Akten. Zöllner dagegen wippt entspannt auf seinem Stuhl; dass er sich in Berlin noch nicht besonders gut auskennt, irritiert ihn keineswegs. Es ist ihm nicht peinlich, wenn er eine Frage nicht beantworten kann, er versucht gar nicht erst auszuweichen, sondern räumt es sofort ein und sagt: "Ich verspreche Ihnen, mich darum zu kümmern."Und selbst, wenn er sich ärgert, bleibt er charmant. Da versuchen zum Beispiel die Grünen aus Oppositionssicht zu erklären, dass der jüngste Erfolg der beiden Berliner Hochschulen Humboldt- und Freie Universität in der bundesweiten Exzellenzinitiative nur trotz der schlechten Landespolitik zustande gekommen sei. Zöllner widerspricht in freundlichem, ruhigen Ton. Er erzählt, wie er als Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz immer wieder mit wehmütigem Auge nach Berlin geschaut habe - wo, bei allen Kürzungen der vergangenen Jahre, immer noch so viel mehr Geld als anderswo für die Wissenschaft ausgeben werde. "Das war jetzt eine ganz vorsichtige Bemerkung", fügt er fast pädagogisch sanft hinzu und nickt aufmunternd.Das scheint er sich für die ersten Wochen im neuen Amt vorgenommen zu haben: Er will die Aufgeregtheit aus der Berliner Debatte um die Bildung nehmen - und er nutzt dazu seinen Vorteil, im Gegensatz zu manchem Berliner Kontrahenten glaubwürdig eine Perspektive von außen einnehmen zu können.Seinem Vorgänger Böger, dessen Modernisierungen des Berliner Schulgesetzes Zöllner bei jeder Gelegenheit lobt, war das nie gelungen. Böger, der immer auch viel mehr Parteipolitiker war als sein Nachfolger, verkrachte sich am Ende mit Lehrern, Eltern und manchem Senatskollegen. Die Berliner Aufgeregtheit beim Thema Schule rührt zum Teil noch aus dem Wahlkampf im vorigen Jahr her, in dem die CDU unter anderem 600 000 ausgefallene Unterrichtsstunden beklagte. Die Christdemokraten polemisierten auch gegen den von der Linkspartei/PDS vorgeschlagenen Modellversuch für eine Gemeinschaftsschule, in der von Klasse eins bis zehn gemeinsam gelernt werden soll.Dieser Modellversuch, finanziert mit 22 Millionen Euro bis 2011, steht jetzt auch im rot-roten Koalitionsvertrag von SPD und Linkspartei, den Zöllner nicht selbst mit ausgehandelt hat, sondern vor seinem Amtsantritt nur zur Kenntnis nehmen konnte. Was er dazu wirklich denkt, behält er für sich. Er hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die dieses für die Linkspartei so außerordentlich wichtige Projekt vorbereitet, ansonsten bleibt er offiziell bei Formulierungen wie der, dass "der integrative Ansatz eine Menge Probleme lösen könne". Dazu müssten aber die Rahmenbedingungen stimmen, unter anderem dürfe man eine neue Schulstruktur niemals gegen den Willen der Eltern, Schüler und Lehrer durchzusetzen versuchen. "Sonst scheitert das."Allein aus solchen Bemerkungen wird klar, dass Zöllner sich das Berliner Streitobjekt Gemeinschaftsschule kaum selbst vorgenommen hätte, wäre er schon mit in die Entscheidung einbezogen gewesen. Er sieht seine Aufgabe nicht im erneuten Umbau des Schulsystems, in dem ohnehin erst einmal Bögers ehrgeizige Reformen von der Hortverlagerung bis hin zu flexiblen Eingangsklassen und Qualitätstests verarbeitet werden müssen. Es geht Zöllner um die Verbesserung von Strukturen, die in Berlin in den vergangenen Jahren zu immer mehr Frustration geführt haben. Lehrer sind überfordert, Eltern beklagen den Unterrichtsausfall. Alle fordern mehr Lehrer. "Es wäre ein Fehler, den Eindruck zu erwecken, die Gemeinschaftsschule sei die Lösung aller Probleme", sagt Zöllner. Das klingt nach: Ich mach euch das, aber es gibt wirklich Wichtigeres.Worin dieses Wichtigere besteht, lässt sich bisher nur aus mancher Andeutung, mancher Maßnahme herauslesen. So hat Zöllner einen Staatssekretär eingestellt, den 58-jährigen Eckart Schlemm aus der Mainzer Staatskanzlei, der vom Thema Bildung so gut wie keine, vom Thema Verwaltungsreform aber sehr viel Ahnung hat. Kombiniert mit Ankündigungen Zöllners - "Ich werde mich auch darum kümmern, wie die Schulaufsicht arbeitet" - wird klar, dass der Senator sich künftig die Organisation in seinem Haus und in den Bezirken vornehmen wird. Das grenzt in Berlin an einen Tabubruch, besonders was die parteipolitisch organisierten Bezirke angeht."Ich finde es zum Beispiel erstaunlich, wie viele Verordnungen aus der Senatsverwaltung an die Schulen gehen", sagt er, "im Durchschnitt an jedem Schultag eine." In Rheinland-Pfalz sei das nicht so gewesen. Er plädiert dafür, künftig immer mehr Selbstverantwortung zuzulassen. Als eine der ersten Maßnahmen dieser Art sollen die Schulen über einen kleinen Teil, nämlich drei Prozent, ihres Personalbudgets autonom verfügen können, um bei Bedarf unabhängig von der Schulbehörde für Vertretungslehrer zu sorgen.Damit ist auch klar: Einfach mehr Lehrer in ein System zu stecken, das schon jetzt im Ländervergleich gut ausgestattet ist und trotzdem Unzufriedenheit auf allen Seiten produziert, wird mit Jürgen Zöllner nicht zu machen sein. Er ist zu sehr Naturwissenschaftler, um diese Ausstattungsvergleiche, die Berlin eine gute Lehrer-Schüler-Relation bescheinigen, nicht ernst zu nehmen. Warum trotzdem so viel Unterricht ausfällt, warum trotzdem die Lehrer so unterschiedlich auf die Schulen verteilt sind, warum es trotzdem so viel Unmut gibt, das will er jetzt prüfen. Auch dafür gibt es Arbeitsgruppen. Mit den Ergebnissen kann es noch ein bisschen dauern, sagt er lächelnd. Und das Lächeln sagt: Dann werdet ihr euch vielleicht wundern.------------------------------"Lernen gehört zu den Dingen, die man nicht erzwingen kann. Das müssen die Beteiligten schon selbst wollen."Jürgen Zöllner------------------------------"Zöllner ist ein erfahrener Mann, der für durchdachte Reformen steht. Ihn hierher zu holen, ist ein ganz großer Coup."Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität------------------------------Foto: Jürgen Zöllner sagt, dass Berlin nicht zu wenig Lehrer hat. Das vorhandene Personal müsse nur richtig eingesetzt werden.
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