Das Wort „positiv“ hat in den vergangenen drei Jahren (zu Recht) eine negative Konnotation bekommen, verlangt aber nun nach einem Revival auf diversen Ebenen. Im Besonderen muss es Einzug halten in der Berichterstattung über den akuten Lehrer- und Lehrerinnenmangel in Berlin. Die Nachrichten sind voll von Geschichten über Abbruch des Lehramtsstudiums, fehlende Quereinsteigende, Überlastung im Schulalltag, rebellische Kinder, militante Eltern und unfaire, da unterschiedlichste Bezahlungen innerhalb eines Personalzimmers.
All das ist wahr. Und extrem bedenklich. Aber in all dem Schatten muss irgendwo auch ein bisschen Licht stecken. Wo sind die Stimmen derer, bei denen es gut läuft? Die angekommen sind im Traumjob? Bei denen Schulleitung und Kollegium da sind, um den Rücken zu stärken? Die zwar die Belastung spüren, aber auch Positives zu berichten haben? Wo sind die Fotos von strahlenden Klassen bei Ausflügen, von den helfenden Händen, wenn Eltern mit anpacken, von einem Handschlag, einem Schulterklopfen und einem gemalten Kinderbild mit der krakeligen Aufschrift „Bester Lehrer!“?
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Unter dem kombinierten Suchbegriff „Berlin Lehrer“ taucht auf zehn Ergebnisseiten neben Informationen zu Verbeamtung und Gehaltsprognosen vor allem eines auf: die düstere Realität. Es geht um Lehrermangel aufgrund von Pensionierungswellen, Überlastung, Burnout, unzureichender Bezahlung und einer generell mangelnden Attraktivität des Berufes.
Erweitert man die Suche um den Begriff „Quereinstieg“, häufen sich die Meldungen zu dem Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts, das im Januar 2023 plötzlich verkündete, dass der Quereinstieg in der Hauptstadt jedweder Rechtsgrundlage entbehre. Es folgen Artikel über grundständige Lehramtsabsolventinnen und -absolventen, die angeblich zu einigen Bezirken keinen Zugang finden, da dort wiederum die Quereinsteigenden bevorzugt würden. Der Rest setzt sich zusammen aus Angeboten von Online-Jobplattformen und offiziellen Ankündigungen und Erklärungen der Senatsverwaltung. Hier und da ist die Rede von einem Hürdenlauf, um ins Unterrichten zu kommen; an anderer Stelle ist von einer „einzigen Katastrophe“ die Rede.
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Wenn ich mich als Berufs- oder Quereinsteiger in der Arbeitswelt umschaue und mich beinahe täglich mit negativer Berichterstattung und trostlosen Erfahrungsberichten konfrontiert sehe, fällt mir die Entscheidung für diesen Beruf selbstverständlich ziemlich schwer. Ist hier vielleicht ein Umdenken nötig? Oder gar längst überfällig? Niemand wagt es zu bezweifeln, dass das System Schule an vielen Stellen krankt. Doch diese Sichtweise ist etabliert. Tief verankert im Bewusstsein, breit gefächert im Diskurs und omnipräsent im Nachrichtenstrom.
Umso wichtiger ist es doch aber, die Bühne zu öffnen: für die, die wissen, wo das System auch gesund ist. Denn auffallend im aktuellen Diskurs ist das komplette Fehlen positiver Gegenstimmen in den Online- und Printmedien. Diese sollen nicht etwa das oben Beschriebene beschönigen oder gar infrage stellen. Vielmehr müssten sie einfach gehört werden. Denn wenn beim Aufzeigen der Mängel im (Berliner) Schulwesen stehen geblieben wird, ohne das Bild zum positiven Rand zu erweitern, führt dies unter Umständen dazu, dass eben jenes Gesamtbild des Lehrer- bzw. Lehrerinnenberufs immer drastischer an Geschwindigkeit gewinnt bei der gefühlt bereits jetzt rasanten Talfahrt.
Das Positive kommt immer wieder
Es ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die schwer wiegt und Aufmerksamkeit benötigt: Das Schöne liegt im Detail. Oder anders gesagt: Wir finden das Große im Kleinen. Erfolgserlebnisse im Schulalltag können rar gesät sein. Es gibt Tage, die unschön beginnen, in ihrem Verlauf nicht besser werden und die man noch am Abend im Kopf mit sich herumträgt. Dann sucht man das Schöne wie die berüchtigte Nadel im Heuhaufen.
Ein Junge sitzt im Gespräch mit einem Lehrer am Schreibtisch in der Schule (Symbolfoto).
© Nina Janeckova/imago
Doch dann fällt es einem ein: das liebe „Guten Morgen“ des Kindes, dessen Namen man gar nicht kennt; das einen lächelnd begrüßt, obwohl man in der Klasse noch nie Unterricht hatte. Ein Junge dreht im Flur extra noch einmal herum, um einem die Tür aufzuhalten, aus reiner Höflichkeit. Egal ob man beide Hände voll oder eigentlich zur Verfügung hatte, um die Tür selbst zu öffnen.
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Später am Tag stellt sich ein Kind neben mich, schaut zu mir hoch und flüstert: „Ich mag dich, ich bleib hier bei dir stehen.“ Das Lehrerherz hüpft, wenn das Stundenklingeln zu früh kommt, weil die Aufgabe den Kindern Spaß gemacht hat und sie gar nicht aufhören wollen mit dem Schreiben, Knobeln oder Rechnen. Und bei der Verabschiedung ins Wochenende gibt es große Augen und die Bekundung: „Ich werde dich vermissen.“
Wer das noch nicht selbst erlebt hat, kann nur ahnen, was es mit einem macht.
Es mag stimmen, dass die Kinder heute anders sind als früher. Anders sozialisiert, schlechter vorbereitet; teils unzuverlässiger, dafür früher pubertär und manchmal ganz weit weg vom Lernort Schule. Aber wo ist mein Vergleich? Ich habe ihn nicht. Ich kenne die Kinder, die jetzt in die Schule strömen, laut, unbedarft, aber auch so emsig und voller Tatendrang.
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Ich habe das große Privileg, fantastische Kinder unterrichten zu dürfen. Ich sehe ihre Fortschritte ebenso wie ihre Misserfolge, ich sehe an einem Tag ihre Ängste und am nächsten Tag ihre Vorfreude. Ich sehe Verletzlichkeit und Souveränität, Streit und Zusammenhalt, Schimpfwörter neben Liebeserklärungen und weniger betrübte Mienen als lachende Augen.
Ich selbst habe Häme ertragen müssen, gefolgt von Respekt, den ich mir hart erarbeitet habe. Ich habe nachgedacht und hinterfragt, habe Gespräche geführt und viele Seiten mit Gedanken niedergeschrieben; habe viel gelacht, war selten wütend und habe nicht erst seit kurzem das Gefühl, im richtigen Beruf angekommen zu sein. Und ich hebe jede Kinderzeichnung auf. Einige schmücken die Wände im Arbeitszimmer, andere liegen gut verwahrt. Ich hole sie raus, wenn das Positive sich wieder einmal versteckt hält. Aber es kommt immer wieder.
Thomas Kalbitz ist seit 2019 Grundschullehrer in Berlin-Lichtenberg; er unterrichtet die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch.
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