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Die ganze Zeit denkt man, man wäre ein schlechter Mensch. Weil einem das Pathos der Demokratierettung so sehr auf den Geist geht, dass man gewisse Veranstaltungen, E-Mails und Zeitungsartikel meidet. Aber spätestens nach der Lektüre von Daniel Schreibers „Liebe! Ein Aufruf“ erhärtet sich der Verdacht, dass vielleicht weniger an der eigenen Haltung auszusetzen wäre als am Stil derer, die ständig „Haltung“ einklagen. Weil deren Kampf sich zu oft als Selbstgespräch geriert – eine nicht zuletzt stilistische Zumutung, denn darin wimmelt es von „gesellschaftlichen Resonanzräumen“, „Grundpfeilern“, „Werten“, dass einem ganz mulmig wird.
Nun ist Politik nicht allein eine Stilfrage – sondern auch der Liebe. Findet Bestsellerautor Schreiber. Also schreibt er ein Buch darüber und ruft sich selbst und alle Gutwilligen zu (noch mehr) „Haltung“ auf. Er tut das wenigstens nicht selbstgerecht, sondern so zahm, dass er niemandem wehtut, nicht mal den Demokratieverächtern.
Das klingt gemein? Mag sein, aber enttäuschte Liebe kann gemein sein. Schreiber verspricht zu viel und hält zu wenig. Das Ausrufezeichen im Titel entpuppt sich als ellenlange Frageliste. Dabei könnte eine Politik der Liebe Balsam sein, und Ermutigung. Was der Autor liefert, ist aber nicht viel mehr als der 115. Aufguss einfallsloser Demokratierettung, gefahrlos auf der richtigen Seite, das ganze 158 dünne Seiten langatmige Büchlein lang. Zitatweisheit reiht sich an Zitatweisheit, keine eigene Idee, nirgends. Und Praxisbezug? Fehlt. Statt zu argumentieren, wird behauptet, „das politische Potenzial der Liebe“ existiere. Wo? In den Texten anderer.
Den Mainstream nachbeten
Der Autor bezeichnet sich als „nicht religiös“, aber er missioniert tiefgläubig, nämlich mit der Demokratie, und zwar ausschließlich in deren liberaler Variante. Weil alles andere des Teufels wäre, betet er ganz lieb säkular den Mainstream nach, etwa, wenn er vom Gespräch mit einem desillusionierten US-Demokraten erzählt, der sich Sozialismus wünscht: „Nach einem kurzen Zögern wandte ich ein, dass mir durchaus klar sei, wie schwer jene kolonialistischen und rassistischen Verbrechen wögen, aber dass das Problem doch nicht die liberale Demokratie selbst sein könne.“ Auf keinen Fall!
Es wäre ketzerisch – und wenig liebevoll – das Dogma der freien Märkte und der Gleichsetzung von Wachstum mit Wohlstand anzukratzen! „Von allen Gesellschaftsordnungen der Welt scheine mir lediglich die liberale Demokratie mit ihrer Verständigung auf Gleichheit und Menschenrechte überhaupt den Versuch unternommen zu haben, an diesen Missständen etwas zu ändern.“ Genau!
Die liberale US-Demokratie hat in Vietnam für Gleichheit und Menschenrechte gekämpft wie keine zweite! Die liberalen Demokratien in der EU zerstören den Planeten. Wenn das kein Beweis für die Grundgüte der liberalen Demokratie ist! Und für die unanalytische Verblasenheit des Buches. „Nicht der Liberalismus sei das Problem, sagte ich“, zitiert Schreiber sich autofiktiv selbst, „sondern der Neoliberalismus, der seit dem Zusammenbruch des Ostblocks zur herrschenden Ideologie geworden sei und dazu geführt habe, dass westliche Demokratien sich ihres sozialen Auftrages und auch des Projekts der Rettung unseres Planeten entledigt hätten“.
Ein pseudodistanzierter Konjunktiv
Auch das ist, mal ganz abgesehen vom pseudodistanzierten, penetranten Konjunktiv der indirekten Rede, zu kurz gesprungen, hat doch die profitgetriebene Industrialisierung lange vor dem Mauerfall begonnen – und den Klima- und Umweltschutz nun wahrlich nicht oben auf der Agenda. Auch jede soziale Verbesserung musste (und muss) – gegen den vorgeblich freien Markt, dem sie vorgeblich schade – hart erkämpft werden.
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So kämpft man sich den größten Teil des Buches missmutig durch geschwätzige Schilderungen des missmutigen Zustandes unserer Demokratie – ein x-fach gesungenes Klagelied über Sorge, Ohnmacht, Klimawandel, den bösen Neoliberalismus, die noch böseren Tech-Oligarchen, den Rassismus, die Autokratie und immer wieder den Rechtsextremismus. All diesen Ismen will Schreiber mit Liebe begegnen – nicht mit der romantischen, sondern mit der weltrettenden Sorte, mit der Liebe zur Menschheit. Die soll es richten – irgendwie. Doch hier leiert sie.
Szenisch wird das gerahmt von einem Schreibworkshop an idyllischem Ort irgendwo im deutschen Mittelgebirge, samt Vogelgesang, rauschenden Baumwipfeln und Schwermut im Gepäck. Das Präteritum erschließt sich dabei nicht, denn es ist ja alles immer noch schlimm, in der Gegenwart – warum in der Vergangenheit davon berichten, als wäre es vorbei? Oder lockt am Ende des Essays die Utopie der besseren Welt mit ihrer süßen (wenn auch fiktiven) Gegenwart? Keineswegs!
An der Wand eines Restaurants in Vilnius, Litauen, ist ein Gemälde zu sehen, das Wladimir Putin und Donald Trump bei einem Kuss zeigt.
© Marla Singer/picture alliance/dpa
Begriffliche Unschärfe
Man quält sich weiter, erträgt, wie der Autor seine wiederholten Fragen stellt: „Warum fiel es mir so schwer, die Welt zu lieben?“, „Welche Haltung bleibt uns, um politisch aktiv zu werden?“, erträgt auch verschwenderische Adjektive wie „ureigene Talente“, „grundlegendste Maßgaben“, „gewisse Aufbruchstimmung“. Trägt schwer an den vielen, großen, glatten Worten, die angehäuft werden, sodass sie beliebig werden – die wahlweise „irreduzible“ oder „unverrückbare“ Menschlichkeit, die Gleichheit, die Vielfalt, ach, das ganze unangreifbar Gute an sich, das sich der Mühe klarer Analyse entledigt.
Zur stilistischen und erzählerischen gesellt sich eine begriffliche Unschärfe, die den Unterschied zwischen „Liebe“ und „Leidenschaft“ plattmacht. Da hilft auch kein ehrfurchtgebietendes Namedropping von Hannah Arendt über Erich Fromm bis Martin Luther King.
Vollends ermattet ist man, als das Ganze in beschwörenden, banalen Aufrufen – an wen eigentlich? Ach so, ja! An „uns“, klar! – mündet: „dazu, einander (…) zuzuhören“, „sich nicht hinter unseren Bildschirmen (…) zu verstecken“, „ins Kino, ins Theater, in die Oper oder ins Konzert zu gehen“. Konkreter? Wird die Politik der Liebe hier nicht. Schade. Der Geist wäre willig, doch das Buch ist schwach.
Katharina Körting, freie Autorin und Journalistin, 2025 erschien im Geest-Verlag ihr politischer Roman „Marlenes Kampf im Wahlkampfgeschäft. Wie professionelle Politwerbung die Demokratie bedroht“.
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