Besucher sprechen über Grundgesetz und Politik

"Das Volk wird nicht gefragt"

Birgitt Eltzel
3 Min

Albrecht Seifert (73) und Hildburg Neubert (74) aus Karlshorst haben die Taschen voller Infomaterial - über die Politik der Bundesregierung, über die Länder und die Europäische Union. Politik interessiere sie eben, sagt der ehemalige im Osten aufgewachsene Kraftwerksingnieur und fügt hinzu: "Das Regierungssystem in der DDR war ja eine Diktatur." An Presse-und Meinungsfreiheit wie heute sei damals nicht einmal zu denken gewesen, auch nicht an Versammlungsfreiheit. Beide würdigen, dass das im Grundgesetz festgeschrieben ist: "Und dass wir diese Rechte seit dem Fall der Mauer auch genießen können", sagt Hildburg Neubert."Die Würde des Menschen ist unantastbar." Den Satz aus Artikel 1 kann der 14-jährige Patrick aus Britz auswendig. Mit seinen Geschwistern Justin (13) und Laura (10) sowie den Eltern Dirk (45) und Ayse (38) Müller ist er zur Feier von 60 Jahre Grundgesetz gekommen. Dirk Müller, Lehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde in Neukölln, sagt, dass er gern in Deutschland wohnt: "Es ist ein freiheitliches Land." Das Grundgesetz räume jedem zur Entfaltung seiner Persönlichkeit viele Möglichkeiten ein, sagt er: "Die Angebote müssen nur wahrgenommen werden." Leider wüssten viele Schüler viel zu wenig darüber, was in Europa, in Deutschland und selbst im eigenen Bezirk passiert. Aus dem Elternhaus erführen manche Kinder gar nichts, und in der Schule sei am Politik- und Gesellschaftskundeunterricht drastisch gekürzt worden, bedauert er.Daniel Fliegauf (33), kaufmännischer Angestellter aus Karlshorst, sagt, dass es im Grundgesetz vor allem um "die allgemeinen Menschenrechte" gehe. Das findet er "in Ordnung", aber die Praxis sehe doch manchmal ganz anders aus: "Das Engagement des Staates für die Jugend ist zu gering", kritisiert er. Für die Rettung von Banken oder großer Aktiengesellschaften seien Milliarden Euro da. Viel zu wenig dagegen werde für die Bildung oder den Sport eingesetzt. Thorben Porde (18), der gemeinsam mit Freunden aus Goslar im Harz zum Bürgerfest gekommen ist, sieht das Recht auf freie Meinungsäußerung persönlich als sehr wichtig an: "Ich könnte mir nicht vorstellen, mit aufgezwungenen Auffassungen zu leben."Udo Kemper (66) aus Rudow kennt das Grundgesetz "nicht so ganz genau", gibt er zu. Der frühere Dachdecker ist vor 25 Jahren erblindet. Nun ist er zum Brandenburger Tor gekommen, "um Politiker zu treffen". Und ihnen die Meinung zu sagen. Darüber, dass für Blinde noch zu wenig gemacht wird. Die Euro-Scheine seien beispielsweise schwer zu identifizieren, weil sie keine Aufdrucke in Blindenschrift haben, sagt er.Marcus Thirschmann (40) aus Charlottenburg, Trockenbauer und Harley-Fan, meint das Grundgesetz sollte auch Volksabstimmungen auf Bundesebene vorschreiben: "Zu den meisten Dingen beschließen doch bloß noch die Politiker, das Volk wird nicht gefragt", kritisiert er. Er nennt die Einführung des Euro oder die Zustimmung Deutschlands zur EU-Verfassung. Oder die Abwrackprämie, die "völlig nach hinten" losgehe.------------------------------Foto: Marcus Thirschmann will, dass das Volk mehr gefragt wird.------------------------------Foto: Familie Müller aus Britz. Die Eltern Ayse und Dirk sind Arzthelferin und Lehrer. Patrick (l.) geht in die 8. Klasse, Bruder Justin in die 7. Laura ist Fünftklässlerin. Zuhause wird häufig über Politik gesprochen.

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