Betrachtung zum Wochenende

Es liegt was in der Luft

Erich Böhme
4 Min

Unsichere Zeiten gebären unsichere Kantonisten. Und wo immer die auftreten, werden die Zeiten nicht sicherer.Immer wieder sind es die Freidemokraten, die Mehrheitsbeschaffer für bürgerlich-liberale und für links-liberale Koalitionen, die sich - vereinzelt oder in der Herde - als Mehrheitsverhinderer betätigen. Den unglücklichen Ludwig Erhard brachten sie 1966 zu Fall, just nachdem er sich über einen großen Wahlsieg hatte freuen dürfen. Sie verließen en bloc die Nach-Adenauer-Koalition eines vergleichsweise unbedeutenden Haushaltsdefizits wegen, das ausgerechnet ein freidemokratischer Finanzminister zu verantworten hatte. Der CDU/CSU lieferten sie den willkommenen Vorwand, den eigenen Erhard zu schultern und durch eine große Koalition zu ersetzen. Für die Freidemokraten brach in der Opposition dagegen eine bittere Zeit an. Kaum war man drei Jahre später bei den Sozialdemokraten des Willy Brandt unter die Decke geschlüpft, bockten ob der Ostpolitik der Regierung schon wieder ein paar Freidemokraten. Und weil die Decke beachtlich kurz war, probte Oppositionsführer Barzel im Vertrauen auf die Deserteure das Mißtrauensvotum gegen Brandt. Daß CDU-Barzel damals mit seinem "Stimmkauf" scheiterte, verdankte er einigen parlamentarischen Rückkäufen, die wiederum ihn um Stimmen brachten. Der Koalitionskitt reichte.Als er Jahre später unter Helmut Schmidt dann doch bröckelte - diesmal stimmten die Wirtschaftsdaten nicht - hockten wieder einmal die Freidemokraten auf der Leimrute. Kohl hatte sie 1982 ausgelegt, um mit Hilfe der Genscher-FDP dem Schmidt-Regime den Garaus zu machen. Die Sache verfing und hielt bis heute. Nachträglich flatterten ein paar links-liberale Freidemokraten auf und davon zur SPD, vermochten den neuen Pakt aber nicht mehr zu verhindern.Und wieder einmal - anno '96 - liegt was in der Luft. Die Wirtschaft driftet, der Haushalt leckt, die Steuern drücken, die FDP-Klientel bröckelt. Bittere Stunden der Wahrheit bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg stehen den Liberalen im März bevor. Was also lag näher, Speck zu braten und in die Mausefallen auszulegen?Nun ist das aber der linkshändigen Sozialdemokraten Sache nicht unbedingt. Im Übereifer ließen die braven Fallensteller ihre Köder zu weit hervorlugen. Den am Lauschangriff Gescheiterten, der Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und ihrem Hirsch, der vor einigem kaltgestellten Irmgard Schwätzer und dem um keinen Gag verlegenen Möllemann lobten sie ein liberales Paradies auf dem SPD-Hinterhof aus. Drei weiteren FDP-Abgeordneten, die es mit der Abschaffung des Solidarbeitrages ernst meinen, schmeichelten sie mit Steuersenkungsplänen. Und damit es auch ja kein Zurück mehr gebe, gingen die Fänger an die Verteilung der Felle, noch ehe die Fallen zugeschnappt waren. Das Wild verschwand wieder von der Lichtung. Zu laut geklappert. Mit Getöse schrecklich groß verbellte der neue FDP-Aufpasser Wolfgang Gerhard die Szene, sein Generalsekretär Westerwelle fletschte das, was von den Freidemokraten noch übriggeblieben ist. Man kann das verstehen nach all dem, was die Partei in ihrer wechselhaften Geschichte so alles mitgemacht hat.Aber Gemach, es wird nicht lange dauern, und die nächsten Vorboten nahen Unheils werden sich nähern. Wobei man eigentlich nie so recht weiß, handelt es sich nur um die ersten Möwen, die neues Land verheißen, oder um die alten Geier, die sich die Reste der einstigen Beute sichern und ins neue Lager mitschleppen möchten.Auf sie zu bauen, fest mit ihnen zu rechnen, davor seien die treuherzigen Sozialdemokraten gewarnt, die schon jetzt mit dem Abzählen anfangen. Den Kohl fängt keiner, er hätte ihn denn. Und schon gar nicht mit ein paar Überläuferstimmen. Der Kohl, wenn er denn stürzt, stürzt über die eigenen Füße, die eigenen Leute, die eigenen Wähler. Und damit hat es noch seine gute Weile.Aber eines verheißen die aufflatternden Vögel am Himmel: Am Boden ist es nicht mehr ganz so sicher. Die Zeiten der Koalition werden ungewiß, die Kantonisten packen ihre Koffer. Es liegt was in der Luft.Mehr nicht, aber auch nicht weniger. +++

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner