Am Sonntag wird der Alexanderplatz friedlich besetzt. Man könnte entsprechend der westlichen Bürgerbewegungen der 1960er-Jahre von einem Sit-in sprechen. Kinder und Erwachsene breiten sich rund um den Brunnen der Völkerfreundschaft aus und machen auf ein schreckliches Berliner Problem aufmerksam. Jeder, der diese Sorge teilt, kann sich anschließen.
Es geht um eine fortdauernde Notlage. Nicht überlebenswichtig, aber durchaus lebenswichtig, auf jeden Fall nicht nur lesewichtig.
Vereinigt, aber geteilt: Die Berliner Zentral- und Landesbibliothek
Das ist der Anlass für die Aktion: Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin (ZLB) braucht ein neues Gebäude. Sie ist infolge der Teilung der Stadt auf zwei Standorte verteilt, die Amerika-Gedenkbibliothek am Halleschen Ufer und die Stadtbibliothek nahe dem Humboldt-Forum.
Berlin ist seit dreieinhalb Jahrzehnten vereint, die beiden Bibliotheken sind schon fast genauso lange zu einer Institution zusammengeschlossen, aber Arbeit und Nutzung im Alltag sind schwierig wegen der zwei Gebäude. Beide sind längst schon zu klein für die Besuchenden und die Medien. Der bauliche Zustand ist schlecht.
Alle Ideen scheiterten: Der Alex muss die Lösung sein
Und das ist die Vorgeschichte der Aktion: Es gab den Vorschlag des gemeinsamen Umzugs der Bibliotheken an den Flughafen Tempelhof.
Der wurde durch den Volksentscheid verworfen.
Es gab den Plan für einen Neubau. Für den wurde das Geld gestrichen. Es gab die Vision, in das Gebäude der Galeries Lafayette an die Friedrichstraße zu ziehen. Die fand keine Mehrheit im Senat.
Noch im Schwange ist die Idee, mit der ZLB in einen Teil des Galeria-Kaufhauses am Alexanderplatz zu ziehen, das für die jetzigen Nutzer zu groß geworden ist.
Lese-Flashmob auf dem Alex: Erst laut, dann leise
Am Sonntag, dem 6. September, ab 14 Uhr also lädt der Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins auf den Alexanderplatz ein. Sie nennen das Lese-Zeichen oder Lese-Flashmob. Es soll anfangs laut und bunt und wimmelig beginnen, wenn Kinder einfach aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen.
Ab 14.30 Uhr ist dann Ruhe angesagt, eine Silent Reading Party: Man befindet sich zwar gemeinsam auf dem Platz, aber jede Person liest still und allein. Ein Buch kann mitgebracht oder dort ausgeliehen werden. Liegestühle und Sitzkissen werden von den Bibliotheken bereitgestellt.
Denn vielleicht liegt ja genau hier das große Problem: Lesende sind zu wenig sichtbar für diejenigen, die Entscheidungen über Geld treffen. Sie brauchen den Platz aber. Und die Bücher auch. Am Alex gäbe es ein Gebäude dafür.
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