Fußball-Bundesliga

„Bitte lauft mal einen Meter“: Hertha BSC ist im Endspurt auf andere angewiesen

Wie Trainer Pal Dardai und Spieler wie Kevin-Prince Boateng, Dodi Lukebakio oder Marco Richter das vielleicht letzte Bundesliga-Heimspiel gegen Bochum erleben.

Karin Bühler
Karin Bühler
5 Min
Herthas Trainer Pal Dardai fragt sich vor dem vielleicht für lange Zeit letzten Bundesliga-Heimspiel gegen Bochum, ob sein Team jahrelang etwas Falsches gehört hat.

Herthas Trainer Pal Dardai fragt sich vor dem vielleicht für lange Zeit letzten Bundesliga-Heimspiel gegen Bochum, ob sein Team jahrelang etwas Falsches gehört hat.

© Gladys Chai von der Laage/imago

Wie ist das in einem Team wie Hertha BSC am Tag vor dem letzten regulären Heimspiel der Saison? Was passiert in den Stunden vor einem Spiel, das den Abstieg besiegeln kann? Wer sagt was in der Kabine, bevor es hinausgeht ins Berliner Olympiastadion, wo mehr als 60.000 Zuschauer warten, von denen 10.000 für den Gegner, den VfL Bochum, brüllen? Was geht in den Köpfen der Spieler, in dem von Trainer Pal Dardai oder Präsident Kay Bernstein vor, die wissen, dass Herthas Abstieg bei Unentschieden oder Niederlage vollzogen ist?

Was macht Kevin-Prince Boateng, wenn er vor Herthas Spiel gegen Bochum (Sonnabend, 15.30 Uhr, Sky) kurz davor ist, dort zu sein, wo er nie sein wollte? Wie uncool wäre es für ihn, dem Profifußball als Absteiger Ciao zu sagen. Und Lucas Tousart oder Dodi Lukebakio? Beide sollen für Herthas Klassenerhalt Tore schießen, wissen aber, dass sie aufgrund der schlimmen Finanzlage die Ersten sind, die weiterverkauft werden müssen. Lukebakios Berater, heißt es, biete den belgischen Flügelspieler aggressiv auf dem Markt an.

Pal Dardai fordert von Hertha: „Wir müssen gewinnen – für die Fans“

Der 25 Jahre alte Angreifer postet oft Bibelverse im sozialen Netzwerk. Der Glaube an Gott gibt Lukebakio Kraft. „Hoffnung für alle“ ist das Motto, unter dem Herthas erfolgreichster Torschütze der Saison ein Zitat des Propheten Jeremia ins Netz gestellt hat: „Denn ich allein weiß, was ich mit euch vorhabe: Ich, der Herr, habe Frieden für euch im Sinn und will euch aus dem Leid befreien. Ich gebe euch wieder Zukunft und Hoffnung“, heißt es da. Zu lesen ist bei Lukebakio auch ein Zitat aus dem Kolosserbrief: „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen.“

Unkontrollierbarkeitserleben, sagt die Sportpsychologie, führt zu Frustration oder Denkblockaden. Das könnte eine Erklärung dafür sein, weshalb sich zuletzt beim 2:5 in Köln etliche Hertha-Profis in den Schlussminuten noch Gelbe Karten abholten. Unter anderem Jessic Ngankam. Es war seine fünfte, weshalb der Stürmer gegen Bochum fehlt – ebenso wie Filip Uremovic wegen seiner Gehirnerschütterung. 

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Trainer Dardai hat an Himmelfahrt allerdings noch mal betont, für wen sich Herthas Profis gegen Bochum ins Zeug legen sollen: „Wir müssen gewinnen – für die Fans. Es ist ein Muss. Diese letzte Partie hat eine besondere Bedeutung. Egal, was anschließend passiert. Die Aufgabe jedes einzelnen Spielers ist es deswegen, Respekt zu zeigen und richtig hart zu arbeiten.“ 

Das Unheilvolle an Herthas Tabellensituation als Letzter, dem fünf Punkte auf Relegationsrang 16 fehlen, ist jedoch, dass selbst harte Arbeit nicht automatisch zum Klassenerhalt führt. Der Klub hat sich in einen Zustand manövriert, in dem er auf Niederlagen direkter Konkurrenten wie Stuttgart (spielt am Sonntag, 15.30 Uhr, in Mainz) oder Schalke (spielt am Sonnabend parallel gegen Frankfurt) angewiesen ist. Und dazu noch auf die Erteilung einer Lizenz durch die DFL.

Das hilft Leistungsabfall unter Druck, in der Sportpsychologie Choking genannt

Dardai sagt, die ehrliche Analyse nach dem Debakel habe den Spielern so wehgetan wie ihm das, was er beim 2:5 ansehen musste. Er habe noch nie mit einer Mannschaft gearbeitet, wo der Siegeswille, die Arbeit gegen den Ball, die Basics auf dem Weg irgendwohin verschwinden, zumal all das im Heimspiel gegen Stuttgart eine Woche zuvor ja vorhanden war. „Es ist nicht schön, am Ende der Saison den eigenen Spielern zu sagen: Bitte lauft mal einen Meter. Das müssen sie komplett umstellen. Vielleicht haben sie jahrelang etwas Falsches gehört, aber so geht es nicht. Das macht keiner, nur Hertha BSC. Deswegen stehen wir, wo wir stehen.“

Hertha steht vor der Partie gegen den Tabellen-15. Bochum, der gern mit langen Pässen vom Torwart bis in die Spitze auf Philipp Hofmann agiert, unter Druck. Um einen Leistungsabfall unter Druck, in der Sportpsychologie Choking genannt, zu vermeiden, hilft es mitunter, sich klarzumachen, welche Bedeutung Niederlagen in der Gesamtheit des Lebens haben. Vor allem Marco Richter scheint hier eine Menge gelernt zu haben. Der Rechtsaußen stellte zuletzt ein Foto von sich aus dem Juli 2022 bei Instagram an Position eins, auf dem er mit geschlossenen Augen auf einer Parkbank in der Sonne sitzt.

Der 25-Jährige hatte da gerade erfahren, dass sein bösartiger Tumor erfolgreich entfernt worden war, er keine Chemotherapie benötigte. Sein Dank galt den Ärzten, der Familie, Freunden, der Unterstützung durch den ganzen Verein – von den Mitspielern bis hin zu Präsident Bernstein. Die Botschaft dieses Fotos geht über Richters Genesung hinaus. Sie sollte alle allzu Aufgeregten im Saisonendspurt beruhigen. Denn sie lautet: Ein Verein, der zusammenhält, Sicherheit und Zugehörigkeit vermittelt, ist die Grundlage für ein erfolgreiches Comeback. Ganz egal, in welcher Liga.

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