Theater

Opfer pflastern ihren Weg: „Blood Moon Blues“ am Gorki

Weil es zu wenig Stücke mit Frauenrollen über 50 gibt, schreiben die Theaterregisseurin Yael Ronen und ihre Protagonistin Orit Nahmias sie selbst.

5 Min
Orit Nachmias und Aysima Ergün (v. l.) heulen mit einem Wolf den Mond an.

Orit Nachmias und Aysima Ergün (v. l.) heulen mit einem Wolf den Mond an.

© Ute Langkafel

Ja, heulen, das könnte helfen. Nackt ausziehen, sich mit Schlamm einschmieren und auf den Blutmond warten – das muss vielleicht nicht sein, auch wegen eventuell anwesender Nachbarn. Aber heulen, ja. So heulen, wie es Luna (Aysima Ergün) von ihrer Mutter Elinor (Orit Nahmias) gelernt hat. Und das tut sie dann auch im Gorki-Theater, am Schmerz- und Höhepunkt von „Blood Moon Blues“, dem neuen Stück von Yael Ronen, das die Theaterregisseurin zusammen mit ihrer Leib- und Magenprotagonistin Orit Nahmias geschrieben hat, vermutlich auch deshalb, weil es zu wenige Stücke gibt, in denen Frauen über 25 eine tragende Rolle spielen, keine Opferrolle und nicht als sexuelles Objekt, sondern eine Rolle, deren Weg Opfer und sexuelle Objekte pflastern.

Ihr größtes Opfer ist die einzige Tochter Luna, die da den Mond anheult, auf einem Felsen hockend, sodass die Vögel in Schwärmen auffliegen und über dem prachtvollen Farbenspiel des Nachthimmels die weißen, fein gestrichelten, animierten Konturen eines jungen Wolfes zum Leben erwachen. Das Tier setzt vorsichtig seine Pfoten in den Wüstensand, scheint mit der Nase in den Karmafetzen zu lesen, die sich die Menschenkinder in ihrem Spiel von Liebe und Hass von der Seele gerissen haben, sucht mit geweiteten schwarzen Augen, die nichts verstehen und alles, nach der Gefahr. Die Bilder, der Sound, der jaulende kleine Mensch – ja, kitschig, effektsicher, ein bisschen manipulativ ist das schon, aber egal, es fehlt nur ein bisschen und man möchte sich die letzte Schamschicht vom Herzen krempeln und mitheulen.

Elinor ist eine kluge, kreative, offenherzige, lebenshungrige, liebenswerte Frau, wenn sie nicht gerade in einer suizidal-depressiven Krise festsitzt oder in einer manischen Phase Polizeieinsätze auslöst. Sie ist eine unberühmte Schriftstellerin um die Fünfzig, lebt seit zwei Jahren in einer Beziehung mit ihrer Therapeutin Gabriella (Vidina Popov) in Berlin. Diese lässt Elinor den nötigen Raum, um sich schriftstellerisch zu verwirklichen, in einem israelischen Yoga-Aschram am Toten Meer, nicht weit von der jordanischen Grenze – und in Gesellschaft eines zwanzigjährigen rede- und auch in allen anderen Belangen freudigen Hübschlings Greg (Doğa Gürer), mit dem sie Sex hat, wenn sie nicht gerade in ihrer Wüstenhöhle schreibt. Sie spendiert ihm den Aufenthalt im Aschram und kauft ihm aus dem Überschwang eines Augenblicks zwei Kamele, die er später gegen ein Auto eintauscht. Schlägt hier schon das bipolare Pendel aus? Vielleicht. Auf jeden Fall ist Greg in seinem Kimono, der ihm exakt bis zum Anus reicht, der Beweis dafür, dass auch Männer als zwar nicht besonders intelligente, aber doch herzensgute und hinreißende Sexobjekte im Theaterkanon ihren Platz verdient haben.  

Zwischen Wahn, Lüge und Offenbarung

Elinor ruft alle drei zu sich in die Wüste, um ihre Krebsdiagnose zu verkünden und vor ihrem baldigen Tod reinen Tisch zu machen. Es beginnt ein kultisches Fest der Ich-Sucht und der passiven Aggressionen, deren dramatischer Schwung in der Weltdramatik noch lange nicht ausgeschöpft ist. Elinor funkelt und flunkert, schmeichelt und kommandiert rum, lässt die Übergänge zwischen Wahn, Lüge und Offenbarung ausfransen. In jedem Satz ist mindestens ein Gefühlsausbruch und in jedem Gefühlsausbruch ist mindestens eine Grenzüberschreitung untergebracht – manchmal abgebunden mit einer Entschuldigung oder, noch schöner, einem vorausgeschickten Verzeihen. 

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Yael Ronen weiß, was sie tut. Sie spannt eine Grundsituation auf, entwickelt in diesem Fall zwölf knappe Szenen, mit denen sie, an den Leitplanken des neurotischen Boulevards entlangschrammend, angstlustig und dynamisch in den Abgrund der menschlichen Tragödie steuert. Das erinnert an die unerschrockenen Seelengrabungen von Strindberg – nur mit einem sichereren Gespür für den Trost von Klischees und Ironie, mit denen sie das Gleichgewicht zwischen Zugewandtheit und Distanz zu den Figuren hält. Die Screwball-Pointen sitzen, aber umso besser knallen auch die Absturzmomente der Rührung, die von den vier Schauspielern aus dem Stand gesprungen werden. Der Einsatz ist groß, aber alles bleibt unter Kontrolle. Sogar das Heulen.

Trauerprozession zum Toten Meer

Ronen weiß auch, mit wem sie sich zusammentun muss, damit das Ganze als anspruchsvoller Theaterabend kenntlich und nicht mit einer Beziehungskomödie von der Stange verwechselt wird. Der subtile, Levante-inspirierte Soundtrack von Yaniv Fridel und Ofer Shabi schiebt den Wortwechseln summende Nuancen von Bedrohlichkeit oder Sehnsucht unter. Die abstrakte Felsenbühne von Wolfgang Menardi wird mit der Nachtlichtlampen-Videokunst von Stefano di Buduo zum Leben erweckt.

Und sicherheitshalber verpasst sie dem Stück auch einen Rahmen, der zwar ziemlich weit ins Allgemeine ausgreift, aber dennoch die poetische Ader beim Zuschauer anschwellen lässt: die Geschichte von einem Blutmond-Ritual, bei dem Frauen eine rote Rose aussäen, gießen und, kaum dass ihre grünen Triebe sichtbar werden, verwelken lassen. Beim nächsten Blutmond graben sie das Pflänzchen aus und tragen es in einer Prozession ans Tote Meer, wobei sie „schmerzerfüllt anheulten und alles Leben beklagten, das vor seiner Zeit verstarb. Alles, das verwelkte, bevor es jemals blühte. Sie betrauerten ungelebte Leben, unausgedrückte Ideen, unerfülltes Potential“. Dieser Abend jedenfalls lässt nichts unerfüllt.

Blood Moon Blues 27. Nov. (18 Uhr), 27. Dez. (19.30 Uhr) im Gorki, Karten unter Tel.: 20221115 oder unter gorki.de

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

weltbune Banner