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BND-Spion und größter Bücherdieb aller Zeiten: Die Geschichte des Joachim Krüger

Er plünderte Bibliotheken, unterschlug Millionenwerte und täuschte Geheimdienste. Die Spur dieses Verbrechers führt von der NS-Zeit bis in das geteilte Deutschland.

Knud Neuhoff
8 Min
Bücherdiebe in Aktion

Bücherdiebe in Aktion

© Artokoloro/Imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Der Mann, den die zeitgenössische Presse fast schon bewundernd den „größten Bücherdieb aller Zeiten“ nennt, wird unter dem wenig spektakulären Namen Joachim Krüger am 10. Oktober 1910 in Wust in der Mark Brandenburg geboren. Über seine Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Nur so viel: Er wird aufgrund seiner kränklichen Natur lange Zeit von einem Hauslehrer unterrichtet, bevor er im Alter von neun Jahren erstmals eine Schule besucht. Als sich jedoch sein Vater mit 59 Jahren das Leben nimmt, ist die psychische Belastung für den jungen Mann zu groß, und er verlässt das Winkelmann-Gymnasium in Stendal in der Untersekunda (10. Klasse), um bei der Musikalienhandlung Heinrichshofen in Magdeburg in die Lehre zu gehen.

Hier wird er auch zum ersten Mal durch den Diebstahl zweier Bücher aus dem Bestand des Lehrherrn aktenkundig. Gleichwohl hat die Tat keine strafrechtlichen Konsequenzen für den 16-Jährigen, und er kann seine Ausbildung erfolgreich abschließen.

Hinter Schwedischen Gardinen in Magdeburg

Im Anschluss an seine Lehre findet er eine Anstellung bei der Magdeburger Stadtverwaltung. In der Zahlstelle des Wohlfahrtsamtes fälscht er Zahlungsanweisungen und unterschlägt das Geld, das eigentlich für Bedürftige gedacht ist. Doch der Betrug bleibt nicht unentdeckt, und so wird Krüger in den frühen Morgenstunden des 30. November 1933 verhaftet und ins Untersuchungsgefängnis eingeliefert. Dort verbleibt er, bis es im April 1936 endlich zum Prozess kommt.

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Die ungewöhnlich lange Untersuchungshaft begründet sich durch Krügers dortiges Verhalten, da er sich als echter „Querulant“ entpuppt. Fast täglich macht er Eingaben an die Gefängnisleitung, in denen er sich über Mithäftlinge, Vollzugsbeamte und vieles mehr beschwert. Sein aufsässiges Betragen bringt ihm unzählige Arreststrafen bei „Wasser und Brot“ ein, was seinem Gesundheitszustand abträglich ist und diverse ärztliche Untersuchungen und Krankenhausaufenthalte nach sich zieht. Schließlich wird er drei Jahre nach seiner Verhaftung wegen Betruges und schwerer Urkundenfälschung verurteilt und unter Anrechnung der Untersuchungshaft in das Strafgefangenenlager Walchum, das IV. Emslandlager, verlegt.

Bis Kriegsbeginn sind hier vor allem Menschen inhaftiert, die vom NS-Regime aus ethnischen, politischen, rassistischen, sozialen oder religiösen Gründen verfolgt werden. Hinzu kommt eine weitaus größere Gruppe von Gefangenen, die wie Krüger für kriminelle Delikte verurteilt wurden. Die Häftlinge müssen je nach Jahreszeit acht bis zwölf Stunden täglich Zwangsarbeit im Moor leisten – Entwässerung, Straßen- und Wegebau, Torfabbau – und sind hierbei schwersten Misshandlungen seitens der SA-Wachmannschaft ausgesetzt. Kein Wunder also, dass sich hier keine Eingaben bis zu seiner Entlassung am 7. Juli 1937 finden – hier hatte Widerspruch mitunter tödliche Folgen. Doch kaum entlassen, wandert Krüger Anfang 1938 wieder in den Knast. Wieder wegen Urkundenfälschung ...

Resozialisierung in Feldgrau

Doch auch die erneute Haftstrafe steht ihm nicht im Wege, als er nach dem deutschen Überfall auf Polen im Auftrag des ostpreußischen Gauleiters Erich Koch im neu geschaffenen Regierungsbezirk Zichenau (Ciechanów) Bibliotheken plündert und deren Bestände „ins Reich überführt“. Der Überfall auf die Sowjetunion erweitert Krügers Aktionsradius um den Bezirk Białystok. Doch am 3. August 1942 ist Schluss mit dem bibliophilen Raubzug, denn Krüger wird zur Wehrmacht eingezogen.

Interessanterweise ist er in den knapp zweieinhalb Jahren Kriegsteilnahme Angehöriger der Küstenjägerabteilung „Brandenburg“. Das ist insofern von Bedeutung, als es sich hierbei um den Truppenteil eines legendenumwobenen Sonderverbands der Wehrmacht handelt.

Der aus der Baulehrkompanie z.b.V. 800 hervorgegangene Spezialverband „Brandenburg“, der im Laufe des Krieges zur Division anwächst, steht unter dem Kommando von Admiral Wilhelm Canaris, dem Leiter des Amtes Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht. Zu seinen Hauptaufgaben gehören Operationen und Kommandounternehmen hinter den feindlichen Linien und die überraschende Einnahme operativ wichtiger Angriffsziele durch Handstreiche und Hinterhalte. Mit großer Wahrscheinlichkeit nimmt Krüger als Angehöriger der Küstenjägerabteilung 1943 an der Rückeroberung der von alliierten Truppen besetzten Dodekanes-Inseln Kos („Unternehmen Eisbär“) und Leros („Unternehmen Leopard“) teil.

Fahndungsfoto von Joachim Krüger

Fahndungsfoto von Joachim Krüger

© Bundeskriminalamt

Karriere als Kulturfunktionär

Nach seiner Rückkehr in das kriegszerstörte und geteilte Berlin Ende 1946 aus britischer Kriegsgefangenschaft ist er jedoch ein anderer Mensch, nämlich Dr. Joachim Krüger-Riebow. Als promovierter und vorerst stellungsloser Musikwissenschaftler veröffentlicht er einige Artikel zu Komponisten Osteuropas und knüpft somit erste Kontakte zum staatlichen Kulturbetrieb in Ost-Berlin. Dies gelingt ihm unter anderem auch dadurch, dass er sich als ehemaliger Angehöriger des Strafbataillons 999 ausgibt. Dieser Sonderverband war eine Bewährungseinheit, in welcher der Militärstrafvollzug in den Dienst der Kriegsführung gestellt wurde.

Die Mannschaften der 999er bestanden zu etwa 70 Prozent aus gewöhnlichen Kriminellen, die bislang nicht „wehrwürdig“ waren. Die übrigen waren meist Männer, die Opposition zum Nationalsozialismus geleistet hatten und deshalb von der Wehrmachtjustiz wegen „Wehrkraftzersetzung“, Fahnenflucht oder „Feigheit vor dem Feind“ verurteilt wurden. Teile der 999er wurden ebenfalls 1943 zur Sicherung der Insel nach Rhodos verlegt, wo sie – wie auch der „Brandenburger“ Krüger – am 9. Mai 1945 geschlossen in britische Kriegsgefangenschaft gingen.

Von östlicher Seite betrachtet ist die Division „Brandenburg“ durch ihre nicht kriegsvölkerrechtskonforme Vorgehensweise schlicht eine „faschistische Verbrechertruppe“, weswegen Krüger gut daran tut, seine Zugehörigkeit zu verschweigen. Andernorts wird sie ihm jedoch später hoch angerechnet werden.

Doch zunächst steigt er die Karriereleiter als Kulturfunktionär der im Entstehen begriffenen DDR hinauf: als Sekretär der Musiksektion in der 1947 gegründeten Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion (GSKS), der Vorgängerorganisation der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, als Lektor für den Kulturellen Beirat und seit Anfang 1948 als Geschäftsführer der von der polnischen Militärmission in Berlin betreuten Chopin-Gesellschaft.

„Dr. Benz“ funkt aus Ost-Berlin

Durch seine vermeintliche Nähe zum polnischen Nachrichtendienst wird Krüger wiederum für andere interessant, die sich nicht an seiner Zugehörigkeit zu einem Abwehr-Sonderverband stören. Die Organisation Gehlen (Org.) kontaktiert ihn und gewinnt ihn als Informanten. Vor allem weil er seinem Führungsoffizier weismacht, die Chopin-Gesellschaft sei eine nachrichtendienstliche Tarnorganisation und er habe im Krieg als „Brandenburger“ für Admiral Canaris persönlich „Sonderaufgaben“ erfüllt. Der im Aufbau begriffene Bundesnachrichtendienst (BND) nimmt diesen Hinweis dankbar auf und führt ihn fortan als „Spitzenquelle“ mit dem Tarnnamen V-694 „Dr. Benz“ auf der Lohnliste, obwohl Krüger den Beweis für seine Behauptungen stets schuldig bleiben wird.

Am 1. September 1950 wird er vom Minister für Volksbildung zum Leiter der Musikabteilung der Öffentlichen Wissenschaftlichen Bibliothek (ÖWB), wie die Preußische Staatsbibliothek mittlerweile heißt, ernannt. Doch offensichtlich ist das Misstrauen gegen Krüger seitens Partei und Regierungsstellen derart gewachsen, dass er aufgefordert wird, erneut einen Personalbogen mit seinem Lebenslauf auszufüllen.

Unklar ist, ob dies aus Zweifel an seiner wissenschaftlichen Reputation, seiner Linientreue oder beidem geschieht. Jedenfalls fälscht die Org. einen Nachweis, dem zufolge er 1938 an der American University in Beirut mit der Dissertation „Wechselseitige Beziehung zwischen der italienischen Kunstmusik und Volksmusik der Bewohner des Dodekanes“ angeblich zum Dr. phil. promoviert worden sei, um V-856 nicht auffliegen zu lassen. Krüger flieht am 1. Mai in den Westen, aber nicht mit leeren Händen: Er entwendet aus der ÖWB kistenweise bibliophile Kostbarkeiten u. a. Beethovens 138 Konversationshefte, unzählige Autographen, wertvolle Handschriften, Unikate und andere Rara.

Beethovens Rückkehr nach Bonn

Die Konversationshefte übergibt Krüger dem Bonner Beethoven-Archiv mit der Behauptung, er habe sie vor einem Abtransport nach Moskau „gerettet“. Dessen Leiter Joseph Schmidt-Görg nimmt das Diebesgut dankbar entgegen, ohne dessen Besitzer oder die westdeutsche Öffentlichkeit darüber zu informieren. Die Hefte finden erst zehn Jahre später ihren Weg zurück nach Ostberlin.

Auch die Org. lässt Krüger nach seiner Flucht fallen und so siedelt er sich erst in Wiesbaden an, wo er 1953 zunächst Teilhaber einer Filmproduktionsgesellschaft wird, wenig später Anteile an einer Obst- und Gemüsefirma erwirbt. Doch all die Versuche im Westen beruflich Fuß zu fassen, fruchten nicht, denn stets unterschlägt Krüger Geld. Die Ermittlungen verlaufen weitestgehend im Sande, da Krüger angibt, wahlweise für die Org. bzw. das BfV tätig zu sein.

Währenddessen tauchen auf der anderen Seite des Atlantiks wertvolle Autographen aus dem Besitz der ÖWB auf. Ein New Yorker Sammler erwirbt Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate in a-Moll (KV 310) und die Library of Congress in Washington ein Konvolut von Briefen aus der Feder Joseph Haydns. Aber Krüger reicht es nicht, seine ÖWB-Beute zu versilbern. Er stiehlt auch munter in westdeutschen Bibliotheken weiter.

Als er am 18. September 1959 beim Verlassen der Göttinger Universitätsbibliothek mit gestohlenen Büchern verhaftet wird und die Polizei in seinem Hotelzimmer 13 Bücher findet, die am Vortag noch zum Bestand der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel gehört hatten, kommt es zum Prozess. Dieser wird wegen seiner Org.-Aktivitäten teilweise unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Anhand seines Antiquariatskatalogs wird die Summe seiner Diebstähle auf 20 Millionen DM beziffert, dennoch wird er lediglich zu einer 18-monatigen Haftstrafe verurteilt. Nach seiner Entlassung 1961 verliert sich seine Spur.

Knud Neuhoff, geboren 1973 in Augsburg, aufgewachsen in Köln, studierte in Berlin und Frankfurt Geschichte, Theaterwissenschaften sowie Verlags- und Medienmanagement. Als wissenschaftlicher Lektor führte er zahlreiche Fachpublikationen zur Veröffentlichung: https://zeilenwerk.org/. Seine Forschungsschwerpunkte sind u. a. Militärgeschichte, Sicherheitspolitik und Kriminalhistorik.

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