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Liebhaber von Landschaftsgärten bekommen sofort leuchtende Augen. Vor seinem inneren Auge wandelt der gestresste Großstadt-Mensch staunend durch die Gärten Peter Joseph Lennés und vergisst dabei Raum und Zeit. Die Landschaftsgärten Lennés sind Balsam für die Augen und die Seele – und das nicht nur in Berlin und Brandenburg.
Geboren 1789 in Bonn, entstammte Peter Joseph Lenné einer Familie von Hofgärtnern, die seit Generationen im Garten des Bonner Schlosses Poppelsdorf gedient hatte. Sein Vater war der Erste, der sich zum Leiter des Hofgartens hatte emporarbeiten können, nichtsahnend, dass dem Sohn Peter Joseph in seiner Lebenszeit einmal ein fulminanter Aufstieg zum Generaldirektor aller königlich-preußischen Gärten gelingen sollte. Für Menschen, die aus dieser Familie stammten, konnte der berühmte Name von Vorteil sein, aber auch eine Last – eine gewisse Erwartungshaltung schwang immer mit. Vielleicht hörte so manch ein Lenné im frühen 20. Jahrhundert hinter seinem Rücken Getuschel à la „Der sieht aber gar nicht aus wie ein Gärtner.“ Im Fall des Korvettenkapitäns Max Lenné hatten sie sogar recht.
Was weiß man heute über dieses Mitglied der berühmten Familie Lenné? Über den Mann, dessen Urgroßvater Philipp Joseph Lenné der Bruder von Peter Joseph Lenné war. An dieser Stelle muss die gärtnerische Harmonie jedoch jäh zerstört werden, man möge es der Autorin verzeihen. Dunkle Wolken ziehen in Richtung preußische Schlösser, und alle Lenné-Gärten liegen im Schatten. Kriminalität erreicht selbst die prominentesten Familien.
Mörder und Militär: Max Lenné
© Archiv Bettina Müller
Die Mutter der Braut hat ein ungutes Gefühl
Was steckte also hinter dem Abstieg eines Offiziers der Kriegsmarine? Was ja eigentlich nicht sein durfte, vor allem nicht in der NS-Zeit. „Geheim“ prangt es daher auch gelegentlich in der im Bundesarchiv verwahrten Akte Max Lenné in fettem Rot entgegen. Die Öffentlichkeit durfte von der Berliner Tragödie nichts erfahren. Man musste schon graben, aber nicht in der Erde – so wie einst Lenné, der als „Buddelpeter“ den Landwehrkanal für die Schifffahrt ausbaute.
Max Lenné erblickt am 10. Oktober 1881 in Berlin das Licht der Welt, da ist sein Urgroßonkel Peter Joseph Lenné längst tot. Der Gartenkünstler ist am 23. Januar 1866 in Sanssouci in Potsdam einem „Gehirnschlag“ erlegen. Max' Vater war bis zum Oberstleutnant aufgestiegen. Derart geprägt, will auch Max eine Uniform tragen. Nach seiner Schulzeit – die Familie zieht oft um, unter anderem auch nach Köln, wo Max' Bruder Albert 1928 Domkapitular werden würde – tritt er am 10. April 1899 als Seekadett in die Kaiserliche Marine ein.
Viele Stationen prägen seine Laufbahn. 1918 wird er Inselkommandant von Wangerooge. Am 14. Juli 1919 verabschiedet man ihn als Korvettenkapitän. Von „durchschnittlichen Leistungen“, aber auch einer gewissen „Überheblichkeit und Empfindlichkeit“ ist in dem entsprechenden Schriftstück die Rede.
Zeitsprung ins Jahr 1924 nach Remagen am Rhein – unweit von Bad Neuenahr im Ahrtal, wo Peter Joseph Lenné sich mit dem Kurpark gärtnerisch verewigt hat und Max Lennés Großvater, August Lenné, Kurdirektor war. Es ist das Jahr, in dem Max Lennés Vater stirbt, der mit seiner Familie die Villa Am Anger 9 bewohnte. Max übernimmt daher das Obsthofgut des Vaters. Zwei Jahre später feiert er seine Hochzeit mit Hildegard Pfeiffer. Die Braut ist 24 Jahre jünger als er, und ihre Mutter hat ein ungutes Gefühl bei dem – wie sie vor Gericht aussagen wird – „verlebt“ aussehenden Mann. Doch die Tochter setzt sich durch – und wird das mit ihrem Leben bezahlen.
Grabstätte von Gartenbaumeister Peter Joseph Lenné auf dem Bornstedter Friedhof
© Jürgen Ritter/Imago
Zerfressen vor Eifersucht
15 Jahre später ist von der Liebe nichts mehr übrig, große Spannungen prägen den Alltag des Paares. Hildegard denkt über eine Scheidung nach. 15 Jahre ihres Lebens hat sie mit einem Mann verbracht, der ihr gegenüber nie ehrlich war. Der ihr jahrelang verschwiegen hatte, dass er mit seiner ehemaligen Geliebten mindestens ein, wenn nicht sogar vier uneheliche Kinder gezeugt hatte. Alles war aufgeflogen, als Ingeborg Buschmann – Max Lenné hatte nur für sie die Vaterschaft angenommen – Kontakt aufgenommen hatte, Lenné vielleicht sogar erpresst hatte.
Am 22. Juli 1941 kommt es zum Eklat. Das Paar, das längst getrennte Schlafzimmer hat, hat sich länger nicht gesehen. Am Vorabend sind beide nach Hause zurückgekehrt, Hildegard von einer Kur, Max aus dem Reservelazarett in Grünau. Schon länger haben Freunde, Nachbarn und Verwandte bei ihm eine Wesensänderung festgestellt. Die Abendstimmung ist noch harmonisch, doch Max grübelt die ganze Nacht und ist zerfressen vor Eifersucht. Der Morgen bricht an, und Max ist noch verwirrter als am Vortag: Wieso hatte Hilde zwei Blumensträuße mit dabei? Mit wem hat sie telefoniert? Ausgerechnet der Mann, der seiner Frau seine Vergangenheit verschwiegen hatte, war rasend eifersüchtig auf einen anderen Mann? Und alles wegen eines Grußes aus der Flora, die Peter Joseph Lenné doch so geliebt hatte.
Was für eine Doppelmoral des Täters und zudem ein Dilemma für die Kriegsmarine, die unter allen Umständen einen Skandal vermeiden wollte, um ihr heroisches Ansehen nicht zu beschädigen. Archaische Feldherrenattitüden, denen sich alles unterzuordnen hatte, obwohl die Monarchie längst tot war. Da war Peter Joseph Lenné doch weitaus ungefährlicher, der Mann mit dem grünen Daumen, den der Biograf Heinz Ohff 1981 als „Feldherr über Landschaft, Baum, Strauch, Blume und Gärtner“ charakterisierte.
Max stellt Hilde schließlich erbost zur Rede, die flüchtet ins Nebenzimmer und hält verzweifelt die Tür zu. Schreie ertönen und dann ein lauter Knall, als ein Fenster zuschlägt. Stille. Und eine junge Frau liegt zusammengekrümmt in ihrem eigenen Blut auf dem Küchenboden. Was für ein trauriges Ende, verblutet durch einen Stich ins Herz – ausgeführt von ihrem vor Wut rasenden Ehemann, der am 1. Februar 1939 in den Dienst der Kriegsmarine zurückgekehrt war und zuletzt im Wehrkreiskommando III Berlin als Marinesachbearbeiter gearbeitet hatte.
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Einweisung in das Sanatorium Waldhaus Nikolassee
Es ist Max Lenné selber, der schließlich das Überfallkommando alarmiert, das ihn der Kriminalinspektion Schöneberg überstellt. In der Erstvernehmung gibt Lenné die Tat sofort zu, für die er ein „Fahrtenmesser der Hitlerjugend“ benutzt hat – es gehört dem 1928 in Remagen geborenen Sohn Rudolf. Die Kriminalinspektion muss zudem das Gericht der Marinestation von dem „Vorfall“ in Kenntnis setzen. Somit wird Lenné der bürgerlichen Gesetzgebung und Gerichtsbarkeit entzogen, sein Gerichtsherr wird schließlich Vizeadmiral Warzecha. Und irgendwann wird aus dem „Fahrtenmesser der Hitlerjugend“ in der anderen Akte des Militärgerichts auf wundersame Weise ein „Seitengewehr“.
Es liegt zunächst an Prof. Dr. Müller-Heß vom Berliner Universitäts-Institut für gerichtliche und soziale Medizin, den Täter zu beurteilen. Das psychologische Gutachten vom 20. August 1941 dieser Koryphäe bescheinigt Lenné unter anderem eine „erhebliche Arteriosklerose der Hirngefäße“, die die gesamte Persönlichkeit Lennés verändert habe. Die Tötung seiner Frau sei aus der Wahnidee der ehelichen Untreue entstanden, die Anstauung von Impulsen sei durch den Streit zu einer gefährlichen Entladung gekommen. Somit erfülle Lenné wegen seiner Geisteskrankheit alle Voraussetzungen des § 51 RStrGB, der damals über die Zurechnungsfähigkeit entschied.
Am 8. September 1941 hebt das Gericht der Kriegsmarine den Haftbefehl wegen Haftunfähigkeit auf und weist Lenné in das Sanatorium Waldhaus Nikolassee ein. Die dortigen Beobachtungen bestätigen schließlich alles, was Müller-Heß bereits festgestellt hat. Und auch schon der Truppenarzt hatte ein schnelles Dahinsiechen oder sogar einen Selbstmord befürchtet.
Am 26. November 1941 wird schließlich das Ermittlungsverfahren wegen Totschlags gegen den „gemeingefährlichen“ Fregattenkapitän Lenné – die Hirnarteriosklerose dient als Schuldausschließungsgrund – vom Gericht der Kriegsmarine aufgehoben und die Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt angeordnet. „Für eine Anklageverfügung fehlt es deshalb an dem dringenden Tatverdacht“, das ist bitter, wenn man das Tatortfoto kennt. Lennés Schuld interessiert nicht mehr, jetzt geht es nur noch darum, ihn möglichst dezent aus der Öffentlichkeit zu entfernen.
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Bereits vorbestraft
Im Dezember 1941 schreibt der Kölner Domkapitular Albert Lenné an das Gericht der Kriegsmarine. Für die Geschwister Lennés sei die Tat ihres Bruders „menschlich unerklärlich“, weil der „keinem Tier etwas zuleide“ könne. Wohlweislich verschweigt er, dass Lenné 1931 bereits eine Vorstrafe wegen fahrlässiger Körperverletzung erhalten hatte. Daher würden sie es begrüßen, wenn ihr Bruder möglichst in ihrer Nähe in eine Heilstätte käme.
Und dann packt der Geistliche wenig dezent die Promikeule aus und bittet um eine wohlwollende Prüfung des Anliegens, „vielleicht auch als Entgegenkommen gegenüber einer Familie, die in vielen Generationen dem Vaterland treue Stützen und viele tüchtige Offiziere gestellt hat.“ Er scheut auch nicht davor zurück, den schwarzen Peter völlig der ehemaligen Geliebten Lennés zuzuschieben, denn die hätte ja schließlich die „furchtbaren Komplikationen“ über die Ehe seines Bruders gebracht. Mit Wirkung zum 22. Juli 1942 muss Max Lenné schließlich „wegen Unwürdigkeit“ aus dem Wehrdienst ausscheiden.
Für Max Lenné bedeutete jener Morgen gewissermaßen auch das Ende seines Lebens. Auf Fotos aus seinen letzten Lebensjahren sieht Max Lenné gebrechlich aus. Aus ihm war „ein müder Mann“ geworden, wie Ohff auch über Peter Joseph Lenné schrieb. Zwei völlig unterschiedliche Menschen aus einer Familie mit grundverschiedenen Lebensläufen, aber das gleiche Endergebnis, allerdings aus verschiedenen Gründen.
Fotos aus Privatbesitz zeigen Max Lenné Anfang der Fünfzigerjahre in sehr nachdenklicher Pose. 1956 stirbt er in Rottweil. Während dieser tragische Kriminalfall nie öffentlich gemacht wurde, pilgern Gartenfans noch heute nach Bornstedt, wo ihnen ein Hinweisschild zur Grabstätte Peter Joseph Lennés den richtigen Weg weist.
Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften vor allem über diese Themen: Historischer True Crime; Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik; Reise; Genealogie. Am 8. April ist ihr neues Buch „Die Masseuse mit der Hundepeitsche. Mordfälle aus einer unruhigen Zeit (1900-1933)“ erschienen.
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