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Boris Pistorius auf der Getränkekiste: Der nachgeholte Widerstand

Wie die Erinnerung an 1933 zur politischen Selbstvergewisserung wird. Eine Nachbetrachtung zum Auftritt der SPD-Bundestagsfraktion auf dem Bebelplatz in Berlin.

7 Min
Boris Pistorius auf dem Bebelplatz in Berlin: Am Ende des Auftritts stimmt er die Nationalhymne an.

Boris Pistorius auf dem Bebelplatz in Berlin: Am Ende des Auftritts stimmt er die Nationalhymne an.

© Political-Moments/imago

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Ostdeutsche Allgemeine und die Berliner Zeitung geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Es war ein merkwürdiges Bild. Nach der Wahl des AfD-Politikers Tobias Rausch zum Präsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt zog die SPD-Bundestagsfraktion vom Reichstag zum Berliner Bebelplatz. Viele Abgeordnete trugen das Grundgesetz. Matthias Miersch erklärte, man habe die „verdammte Pflicht“, Flagge zu zeigen, wenn die Demokratie unter Druck stehe; Boris Pistorius stimmte am Ende die Nationalhymne an. Der Ort war bewusst gewählt. Auf dem Bebelplatz hatten Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 Bücher verbrannt.

Pistorius stand bei seiner Rede auf einer Getränkekiste. Daran ist zunächst nichts Besonderes. Und doch hatte das Bild etwas Eigentümliches. Ein Bundesminister, mitten im institutionellen Zentrum der Republik, nimmt für einen Augenblick die äußere Form des Straßenredners an. Die Kiste wird zum kleinen, aber auffälligen Requisit einer größeren Inszenierung: Staatstragende Politik stellt sich in die Pose des Widerstands. Dahinter steht eine ernstere Frage. Was geschieht, wenn die Erinnerung an 1933 nicht nur historische Gefahren markieren, sondern zugleich die politische Gegenwart moralisch ordnen soll?

Die Symbolik des historischen Vergleichs

Wer 1933 zum Maßstab einer heutigen Auseinandersetzung macht, muss zunächst sagen, worin die Vergleichbarkeit bestehen soll. Wo sind die Braunhemden und SA-Schlägertrupps? Wo werden politische Gegner ohne rechtsstaatliches Verfahren in „Schutzhaft“ genommen? Wo werden Grundrechte außer Kraft gesetzt? Wo sind Konzentrationslager, Deportationen und schließlich Vernichtungslager? Und wenn all dies als drohende Zukunft gemeint sein soll: Wo finden sich belastbare Hinweise darauf, dass solche Entwicklungen tatsächlich geplant oder vorbereitet werden?

Diese Fragen verharmlosen keine politische Gefahr. Sie erinnern daran, was 1933 tatsächlich bedeutete. Nach dem Reichstagsbrand wurden wesentliche Grundrechte außer Kraft gesetzt; politische Gegner konnten ohne Anklage und Rechtsbeistand festgenommen werden. Beim Ermächtigungsgesetz waren bereits SPD-Abgeordnete verhaftet oder geflohen, während SA und SS das Parlament einschüchterten. Die parlamentarische Demokratie wurde innerhalb weniger Wochen beseitigt.

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Wenn die realen Merkmale des historischen Geschehens fehlen, seine Symbolik aber trotzdem aufgerufen wird, stellt sich eine andere Frage: Wozu wird diese Symbolik gebraucht? Der historische Vergleich beschreibt dann nicht nur den Gegner, sondern zugleich denjenigen, der ihn verwendet. Wer den anderen in die Nähe von 1933 rückt, gibt sich selbst eine Gegenrolle. Er kann sich als einer derjenigen erleben, die diesmal rechtzeitig erkennen, was geschieht, nicht schweigen und auf der richtigen Seite stehen.

Die Achtundsechziger und die Frage an ihre Eltern

Je stärker die historische Symbolik aufgeladen wird, desto mehr kann politische Demonstration in moralische Selbstdarstellung kippen. Irgendwann wirkt nicht mehr nur die Botschaft, sondern vor allem das Bild, das die Handelnden von sich selbst entwerfen. Die Inszenierung richtet sich dann auch nach innen. Sie schafft dem Handelnden ein Bild von sich selbst als jemandem, der aus der Geschichte gelernt hat und diesmal nicht versagen wird. So kann eine politische Kultur, die einen erheblichen Teil ihres moralischen Selbstverständnisses aus der Abwehr des Nationalsozialismus gewonnen hat, ein Bedürfnis entwickeln, dieses Selbstverständnis immer wieder zu bestätigen.

Gabriele Baring beschreibt in „Die Deutschen und ihre verletzte Identität“, wie Nationalsozialismus und Krieg nach ihrer Auffassung über Familien und Generationen weiterwirken können: Sprachlosigkeit, Schuld, Scham und Verleugnung bei der Kriegsgeneration, Vorwürfe, Zorn und Unverständnis bei den Nachgeborenen. Ihr Ansatz erklärt keine heutige Parteipolitik, kann aber als psychologische Deutungsfolie dienen.

Für die Generation der Achtundsechziger war die Frage an die Eltern unmittelbar: Was habt ihr damals getan? Warum habt ihr geschwiegen? Zugleich verbanden sich mit der Studentenbewegung Autoritätskritik, Emanzipation und Misstrauen gegenüber überkommenen Hierarchien. Ihre theoretischen Bezüge reichten vom Marxismus über Psychoanalyse bis zur Kritischen Theorie; eine einheitliche „68er-Theorie“ gab es nicht (Kraushaar, „Denkmodelle der 68er-Bewegung“, 2008).

So wird das eigene Weltbild zur Staatsordnung

Aus dieser Bewegung und den gesellschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit gingen Vorstellungen hervor, die Politik, Pädagogik, Medien und kulturelle Debatten über Jahrzehnte mitprägten. Hubert Kleinert spricht von einer „Fundamentalliberalisierung“ und Demokratisierung gesellschaftlicher Lebensbereiche (Kleinert, „Mythos 1968“, 2008). Man sollte daraus keine einfache Wirkungsgeschichte konstruieren. Aber Autoritätskritik, Emanzipation und ein bestimmtes Fortschrittsverständnis gewannen erheblich an kultureller Selbstverständlichkeit.

Doch institutioneller Einfluss ist nicht dasselbe wie dauerhafte gesellschaftliche Zustimmung. Vorstellungen, die lange als Richtung gesellschaftlicher Modernisierung erschienen, werden heute wieder offener bestritten. Das bedeutet nicht, dass „die 68er“ oder „die Frankfurter Schule“ untergehen. Es bedeutet, dass ein von diesen Auseinandersetzungen mitgeprägtes Weltbild einen Teil seiner früheren Selbstverständlichkeit verliert.

Hier beginnt eine weitere Verschiebung. Was lange als gesellschaftlicher Fortschritt und politische Normalität erlebt wurde, kann mit der Ordnung des Staates selbst verwechselt werden. Das eigene Weltbild erscheint dann nicht mehr als historisch entstandene politische und kulturelle Position unter anderen, sondern als Bestandteil dessen, was Demokratie eigentlich ausmacht. Wer es bestreitet, widerspricht aus dieser Sicht scheinbar der demokratischen Ordnung selbst.

So kann das eigene Weltbild zur Staatsordnung werden – nicht rechtlich, wohl aber im politischen Selbstverständnis. Institutioneller Einfluss ist jedoch nicht dasselbe wie gesellschaftliche Zustimmung. Ein Weltbild wird nicht dadurch zur Staatsordnung, dass es lange genug in Institutionen vertreten worden ist. Was historisch entstanden ist und deshalb verändert werden kann, erhält sonst einen quasi-verfassungsmäßigen Rang.

Tobias Rausch (AfD) bei seiner Wahl zum Präsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch (AfD) bei seiner Wahl zum Präsidenten des Landtags von Sachsen-Anhalt

© Ronny Hartmann/imago

Eine entscheidende Unterscheidung

Auch die Adenauer-Republik gehörte nicht den Adenaueranern. Ihre gesellschaftlichen Vorstellungen durften kritisiert und verändert werden. Genau dieses Recht nahm die Generation von 1968 für sich in Anspruch. Dasselbe Recht gilt auch heute, solange Veränderungen innerhalb der Verfassungsordnung angestrebt werden.

Menschenwürde, Rechtsstaat, Gewaltenteilung, Grundrechte und freie Wahlen sind verbindlich. Über Migration, Familie, Geschlechterpolitik, nationale Identität und gesellschaftlichen Wandel darf dagegen gestritten werden. Genau diese Unterscheidung ist entscheidend. Demokratie schützt den Raum des politischen Streits; sie legt nicht jede Antwort fest, die innerhalb dieses Raumes gegeben werden darf.

Vielleicht bekommt der nachgeholte Widerstand gerade deshalb zusätzliche Bedeutung. Wer diesen Wandel als Gefährdung einer mühsam errungenen moralischen Ordnung erlebt, greift leichter nach der stärksten historischen Gewissheit, die Deutschland besitzt: 1933. Dort ist die Rollenverteilung eindeutig. Wer die Gegenwart in dieses Schema einfügt, stabilisiert nicht nur sein moralisches Selbstbild, sondern zugleich ein Weltbild, dessen Selbstverständlichkeit nachlässt.

Was hätte ich damals getan?

Aus der Frage an die Eltern konnte bei späteren Generationen eine andere werden: Was hätte ich damals getan? Hätten diejenigen, die sich heute öffentlich als entschlossene Verteidiger der Demokratie zeigen, 1933 denselben Mut gehabt? Niemand weiß das, auch sie selbst nicht. Wer nicht unter einer Diktatur gelebt hat, weiß nicht, ob er Widerstand geleistet, geschwiegen oder sich angepasst hätte. Diese Unsicherheit gehört zur historischen Ehrlichkeit.

Der nachgeholte Widerstand kann sie mindern. Er schafft eine Gegenwart, in der die Rollen bereits verteilt sind und in der man sich selbst auf der richtigen Seite erleben kann. Das Risiko des historischen Widerstands fehlt, seine moralische Bedeutung wird aber symbolisch übernommen.

Vielleicht liegt hier der Unterschied zwischen Erinnerung und nachgeholtem Widerstand. Erinnerung nimmt 1933 ernst, weil sie weiß, was damals tatsächlich geschah. Der nachgeholte Widerstand braucht dagegen immer wieder eine Gegenwart, in der 1933 noch einmal beginnen könnte, weil sich an ihr die eigene moralische Haltung bewähren lässt. Historischer Widerstand konnte Freiheit und Leben kosten. Nachgeholter Widerstand stabilisiert vor allem das Selbstbild.

Klaus Knorr (Jahrgang 1954) war Lehrer für Latein, Geschichte und auch Philosophie. Er beschäftigt sich aus privatem Interesse seit vielen Jahren mit europäischer Geistes-, Kultur- und Bildungsgeschichte sowie deren Bedeutung für aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen. In seinen Essays verbindet er historische Erfahrungen, staatsphilosophische Fragestellungen und gegenwartsbezogene Analysen.

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