So entspannt konnte Matthias Platzeck schon lange nicht mehr seine SPD-Fraktion verlassen. Die Personalie, die der Ministerpräsident gestern seinen Genossen verkündete, sorgte für allgemeines Aufatmen: Ulrike Poppe soll Brandenburgs erste Stasi-Beauftragte werden, informierte er die SPD-Fraktion. Eine über Parteigrenzen anerkannte Bürgerrechtlerin der ersten Stunde soll nun den von der CDU so apostrophierten Stasi-Sumpf trockenlegen? Auf diese Frage reagiert Ulrike Poppe, 56, irritiert. Solche Zuspitzungen liegen ihr nicht. "Ich sehe es als große Herausforderung, in einem Bundesland, in dem so wenig Aufarbeitung stattgefunden hat, Versäumtes nachzuholen", sagt sie dezent. Sie wolle eine Atmosphäre schaffen, in der ein offener Umgang mit dem Leben in der DDR möglich werde. Gerade das Beispiel Brandenburgs zeige: "Wenn etwas unter der Decke gehalten wird, kommt es irgendwann mit Macht wieder hoch."Zu den hitzigen Debatten um die tatsächlichen und vermeintlichen Stasi-Enthüllungen bei der märkischen Linkspartei mag sie sich nicht äußern. Mit den Einzelfällen habe sie sich noch nicht genug befasst. Aber sie sagt auch Sätze, die so oder so ähnlich von Platzeck stammen könnten: "Für mich ist nicht entscheidend, was einer gemacht hat. Sondern wie er danach damit umgegangen ist."Seit den frühen 80er-Jahren gehörte Poppe zu der sich in der DDR formierenden Oppositionsbewegung, sie wurde von der Staatssicherheit mit "Zersetzungsmaßnahmen" überzogen. 1983 gemeinsam mit Bärbel Bohley wegen "landesverräterischer Nachrichtenübermittlung" festgenommen, verbrachte sie sechs Wochen in der Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen. In Wendezeiten gehörte sie zu den Erstunterzeichnern von "Demokratie Jetzt" und saß am zentralen Runden Tisch in Ost-Berlin - dem auch Platzeck angehörte. Seit 1992 ist die gebürtige Rostockerin als Studienleiterin an der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg beschäftigt. Sie sitzt im Beirat der Stasi-Unterlagen-Behörde, gilt als engste Beraterin von deren Chefin Marianne Birthler und ist in zahlreichen Gremien zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte aktiv.Auch die Potsdamer Oppositionsfraktionen von CDU, FDP und Grünen begrüßten gestern den Personalvorschlag der rot-roten Regierung. Poppes Name stand angeblich schon auf der ersten von der Union vorgelegten Vorschlagsliste für das seit diesem Frühjahr geplante Amt. Damals regierte die Union noch mit. Die Rahmenbedingungen freilich haben sich seit dem Wechsel zu Rot-Rot dramatisch geändert.Rund 14 Tage habe sie hin und her überlegt, ob sie die Aufgabe annehmen solle, sagt Ulrike Poppe. Angetragen hat sie ihr Rainer Speer, im Hauptberuf Innenminister und nebenamtlich Platzecks Emissär für schwierige Aufgaben. Jetzt hat sie Ja gesagt - und verhilft, gewollt oder ungewollt, Platzeck in der lähmenden Stasi-Debatte zu einem ersten Befreiungsschlag.Brandenburg Seite 20------------------------------Foto: Ulrike Poppe, zu DDR-Zeiten Bürgerrechtlerin, soll jetzt Stasi-Beauftragte werden.
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