Wenn an diesem Wochenende in Neu-Delhi elf Staats- und Regierungschefs unter dem Motto „Building for Resilience, Innovation, Cooperation and Sustainability“ (etwa: Aufbau von Widerstandsfähigkeit, Innovation, Kooperation und Nachhaltigkeit“) zusammenkommen, dann verhandeln sie über eine Gruppe, die statistisch längst gewonnen hat, aber geopolitisch noch nicht angekommen ist.
Nach Kaufkraftparität stellen die Brics rund 40 Prozent der Weltwirtschaft, die G7 nach IMF-Daten für 2026 etwa 28 Prozent. Die erweiterte Gruppe vereint knapp die Hälfte der Menschheit – 49,5 Prozent laut den Angaben rund um die indische Präsidentschaft – und rund ein Viertel des Welthandels.
Brics-Gipfel: Meilenstein zu neuer Weltordnung?
Die Frage, die über dem 18. Gipfel schwebt, lautet deshalb nicht, ob sich das Gewicht verschoben hat. Sie lautet: Ist Neu-Delhi ein weiterer Meilenstein auf dem Weg in eine neue Weltordnung – oder nur ein weiteres eindrucksvolles Familienfoto einer Gruppe, die ihre eigene Größe nicht in Struktur übersetzt bekommt?
Beginnen wir bei den Zahlen, weil sie in dieser Debatte selbst zur Waffe geworden sind. Der Satz „Brics hat die G7 überholt“ ist nur unter einer präzisen Bedingung haltbar: beim kaufkraftbereinigten Bruttoinlandsprodukt.
Weltwirtschaft: Wie haben sich die Gewichte verschoben?
Für die ursprüngliche Fünfergruppe weist eine verbreitete IMF-basierte Zeitreihe 2018 als Schnittpunkt aus; rechnet man die heutige, erweiterte Mitgliedschaft rückwirkend auf ältere Daten, verschiebt sich der Moment auf etwa 2015; russische politische Kommunikation nennt gern 2020.
BRICS-Gipfel 2026 in Neu-Delhi: Sicherheitskräfte sichern das Bharat Mandapam am Vorabend des 18. Gipfels der Staats- und Regierungschefs.
© ANI / imago
Drei Jahreszahlen, drei Methodiken – wer eine davon ohne Fußnote verwendet, betreibt bereits Politik. Nominal, zu Marktwechselkursen, dreht sich das Bild: Bei einer vom IWF für 2026 auf rund 126,3 Billionen US-Dollar geschätzten Weltwirtschaft entfallen auf die G7 etwa 55,3 Billionen; nach PPP sind es 62,3 Billionen US-Dollar im globalen Handel.
Gewinne und Verluste: Ein US-Forscher rechnet nach
Stewart Patrick vom US-Thinktank Carnegie hat die längere Linie beschrieben: Der G7-Anteil am Welt-BIP nach Kaufkraft sank seit 2000 von 43 auf 30 Prozent, der der fünf ursprünglichen Brics stieg von gut 21 auf fast 35 Prozent. Nominal führte die G7 zuletzt weiterhin mit 43 zu 27,7 Prozent – der Abstand schrumpft, aber er besteht.
Diese Differenz ist keine Buchhaltungsfrage. Kaufkraftparität misst, was im Inland produziert und konsumiert werden kann. Nominales BIP misst, was auf Weltmärkten gekauft, finanziert, verschuldet und in Reserven gehalten werden kann.
Genau dort liegt die westliche Restmacht: Kapitalmärkte, Leitwährungen, technologische und finanzielle Infrastruktur. Wer den Aufstieg der Brics mit dem westlichen Abstieg gleichsetzt, verwechselt Produktionsmasse mit Verfügungsmacht.
Verschiebung ist im Welthandel konkret
Und doch wäre es ein Fehler, die Verschiebung kleinzureden – sie ist im Handel konkret. Der Binnenhandel der Brics-Staaten stieg laut der UN-Handelsorganisation Unctad von 84 Milliarden US-Dollar im Jahr 2003 auf rund 1,17 Billionen US-Dollar im Jahr 2024. Das ist ein Wachstum fast um den Faktor 14.
Die Warenexporte der Mitglieder nahmen im selben Zeitraum von knapp einer auf rund sechs Billionen US-Dollar zu, ihr Anteil am Welthandel verdoppelte sich von etwa zwölf auf 24 Prozent. Der entscheidende Befund steht jedoch daneben: Der Handel zwischen den Mitgliedern macht weiterhin nur etwa fünf Prozent des Welthandels aus. Größe ja – Verflechtung nur bedingt.
Alle Wege führen nach Peking
Der Ökonom Manoj Pant, früher Vizekanzler des Indian Institute of Foreign Trade, formuliert den Kern nüchtern: „China is central to the world trade“ – China steht im Zentrum des Welthandels.
Ein erheblicher Teil des sogenannten Binnenhandels der Brics ist in Wahrheit Handel mit China, eingebettet in globale Lieferketten, die Peking organisiert.
Auch die Unctad bestätigt: China ist größter Exporteur wie Importeur innerhalb der Gruppe, sieben Mitglieder liefern überwiegend Primärgüter an die anderen. Das ist keine Integration, das ist eine Nabe mit Speichen.
Inter-Brics: Kaum institutionelle Verbindungen
Pant benennt die fehlende Tiefe präzise: „Zwischen den kleinen und mittleren Industrien der Brics-Staaten existieren keine institutionellen Verbindungen.“ Ohne Unternehmens-, Finanz- und Lieferkettenbeziehungen im Mittelstand bleibt Handel Transaktion, nicht Struktur. Die Frage ist also weniger, ob Brics groß ist, sondern ob die Gruppe sich selbst ökonomisch verkabeln kann.
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Die Antwort darauf entscheidet sich an Themen, die Neu-Delhi bewusst ins Zentrum rückt. Indien hat auf dem 16. Brics-Handelsministertreffen in Jaipur ein WTO-zentriertes multilaterales Handelssystem verteidigt, widerstandsfähige Wertschöpfungsketten, Internationalisierung von KMU, Handelsfinanzierung und digital erbrachte Dienstleistungen gefordert und die „Strategy for Brics Economic Partnership 2030“ vorangetrieben.
Vor allem bei Dienstleistungen stark
Das ist bemerkenswert unspektakulär – und deshalb ernst zu nehmen. Der globale Handel mit digital erbrachten Dienstleistungen übersteigt 4,5 Billionen US-Dollar und macht 54,2 Prozent des gesamten Dienstleistungshandels aus.
Hier liegen die tatsächlichen Komplementaritäten: Chinas Industriebasis und digitale Infrastruktur, Indiens IT- und Dienstleistungsexporte, Brasiliens wachsender grenzüberschreitender E-Commerce, Chinas Kapazitäten in neuen Energien, Südafrikas Bedarf an Erneuerbaren, Indiens Solar- und Infrastrukturmarkt.
Auf monetärer Seite bislang schwach
Auf der monetären Seite ist die Bilanz sehr viel bescheidener, als die Aufregung in Washington vermuten lässt. Die Kasaner Erklärung 2024 sprach von Korrespondenzbank-Netzwerken, freiwilliger Abrechnung in nationalen Währungen und einer grenzüberschreitenden Zahlungsinitiative – ausdrücklich unverbindlich.
Die Finanzminister und Zentralbankchefs vereinbarten am 10. September 2026 erneut Interoperabilität, lokale Währungen, Entwicklungsfinanzierung, mehr Mitsprache in den Finanzinstitutionen.
Immer noch keine gemeinsame Währung der Brics
Eine gemeinsame Währung existiert auch im Jahr 2026 noch nicht. Die New Development Bank, 2014 gegründet, denominierte 2024 immerhin 43,5 Prozent ihrer neu bewilligten Finanzierung in Mitgliedswährungen; gemessen an Weltbank und IMF bleibt sie klein – Carnegie verweist darauf, dass sie über ein Jahrzehnt nur ein Drittel dessen ausgezahlt hat, was die Weltbank allein 2021 global zusagte.
Der Journalist R.N. Bhaskar sieht dennoch eine Wirkung: „Immer mehr Länder seien bereit, Geschäfte in Nicht-Dollar-Währungen abzuwickeln.“ Seine weitergehende These, US-Sanktionen funktionierten wegen Brics nicht mehr, bleibt allerdings unbelegt und deutlich zu weit gegriffen.
Wie politische Differenzen die Brics schwächen
Bleibt die politische Statik – und sie ist die eigentliche Schwachstelle. Das Mai-Treffen der Außenminister in Neu-Delhi endete ohne gemeinsame Erklärung; es blieb bei einem Chair's Statement Indiens.
Das ist ein Warnsignal für einen Gipfel, der Geschlossenheit demonstrieren soll. Die Bruchlinien sind bekannt: Indien und China sind strategische Rivalen mit ungelöstem Grenzkonflikt und konkurrierendem Anspruch auf die Führung des Globalen Südens; Indien gehört gleichzeitig dem Quad an und hat im Januar 2026 die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit der EU abgeschlossen, das Kommissionspräsidentin von der Leyen als „mother of all deals“ bezeichnete – als Mutter aller Abkommen.
Iran und die Golfstaaten verfolgen gegenläufige Sicherheitsinteressen. Bei der UN-Sicherheitsratsreform, die alle fordern, blockieren China und Russland genau jene ständige Mitgliedschaft, die Indien, Brasilien und Südafrika anstreben.
Brics: Sind die Saudis jetzt dabei oder nicht?
Und Saudi-Arabiens Status ist bis heute nicht eindeutig: Indiens Präsidentschaft listet das Königreich als Mitglied, saudische Regierungsmitteilungen sprachen noch im Mai 2026 von einem eingeladenen Staat.
Also: Meilenstein oder Inszenierung? Die ehrliche Antwort liegt dazwischen, und sie ist nicht langweilig, sondern präzise. Neu-Delhi markiert keinen Bruch, sondern eine Verfestigung.
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Brics hat die westlich geprägte Ordnung nicht ersetzt, sondern sie weniger exklusiv westlich gemacht.
Die militärische Macht fehlt den Brics
Die Gruppe ist kein Militärbündnis, kein supranationaler Block, kein Binnenmarkt; sie entscheidet im Konsens und lebt von Freiwilligkeit. Ihre Stärke liegt genau darin, dass sie ihre Mitglieder zu nichts zwingt – und ihre Schwäche ebenfalls.
Der Politikwissenschaftler Titipol Phakdeewanich stellt deshalb die weiterführende Frage: ob Indien Brics zu einer Brücke zwischen Globalem Süden und Norden machen kann statt zu einem Gegenlager.
Die Verflechtung spricht dafür: Der US-Warenhandel mit China belief sich 2025 trotz scharfen Rückgangs noch auf rund 415 Milliarden US-Dollar; Brics+ ist einer Unterrichtung des Europäischen Parlaments von 2024 zufolge kollektiv der wichtigste Warenhandelspartner der EU.
Verändern könnte sich die Lage unter klaren Bedingungen: wenn aus freiwilliger Währungskooperation belastbare Zahlungsinfrastruktur wird, wenn die NDB ihre Kapitalbasis erweitert, wenn Investitionen – nicht nur Handel – zwischen den Mitgliedern wachsen, und wenn der Westen die Reformforderungen ernst nimmt, statt sie als Angriff zu lesen.
Stewart Patrick hat dafür Gramsci zitiert: „Die alte Welt stirbt, und die neue ringt darum, geboren zu werden.“
Der selten mitzitierte zweite Teil lautet: „Jetzt ist die Zeit der Monster.“
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