Ich glaube, eine Sache, die mich noch heute so wütend macht, ist der Fakt, dass es am Frauentag passiert ist. Wollte „Mann“ mir an diesem Tag noch einmal ganz besonders vehement zeigen, dass ich als Frau weniger beachtet und ernst genommen werde?
Es ist abends gegen 20 Uhr, als ich in meinen Hausklamotten auf die Straße gehe. Ich wohne in einem sehr internationalen Teil von Berlin, aber es ist auch gleichzeitig sehr heimelig. Man kennt einander, nimmt Pakete für die Nachbarn an. In meiner Heimat Kanada ist es vollkommen normal, am Wochenende oder Feiertag auch mal im Jogginganzug vor die Tür zu gehen. Ich weiß, dass hier in Berlin damit gleich ein Fashion-Statement gegeben wird. Aber ich habe keine Lust darauf, mich hübsch zu machen, nur weil ich schnell etwas Essen vom Imbiss abholen will. Weil es an diesem 8. März sehr kalt ist, ziehe ich meine dicke, schwarze Daunenjacke darüber.
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Ich gehe zu einem südasiatischen Restaurant in meiner Gegend, in dem nur Männer arbeiten. Eigentlich will ich nur schnell eine gebratene Gemüsepfanne abholen, aber ich muss mich in die Schlange stellen. Als ich an der Reihe bin, sagt der Mann hinter der Theke, ich solle mich kurz setzen, er werde sich gleich um mich kümmern. Vor ihm ist ein offener Heizlüfter aufgebaut, es sieht gefährlich aus. Als könne man ein Steak darauf braten! Ich bin also froh, als ich mich etwas abseits hinsetzen darf und wähle die Nummer meine Tante in Kanada.
Zehn Minuten später sitze ich dort immer noch und habe noch nicht einmal meine Bestellung aufgegeben. Ich gehe also zum Tresen und erinnere den Mann daran, dass ich gern etwas zum Mitnehmen ordern würde. Er gibt mir wortlos einen Zettel und einen Stift. Ich solle da alles aufschreiben. Ich frage ihn, warum er mir den Zettel nicht vor zehn Minuten gegeben hat, aber er ist schon beim nächsten Kunden.
Wütend beuge ich mich nach vorn und beginne aufzuschreiben, meine Tante noch immer im Ohr. Doch während ich schreibe, merke ich, wie meine Jacke plötzlich beginnt zu rauchen und zu stinken. Und dann sehe ich: Ich brenne! Meine Daunenjacke brennt! Ich renne durch den Raum und vergesse kurz mein fließendes Deutsch und rufe auf Englisch: „I'm on fire! Water! Water!“ Die Männer schauten mich verständnislos an und nichts passiert. Einer ruft mir zu, ich solle auf die Toilette gehen. „Da ist Wasser!“
Es ist ein kleiner Raum, dessen Tür ich nicht schließen kann. Dort verbarrikadiere ich mich erst einmal und lasse den Wasserhahn laufen. Ich ziehe meine Jacke aus und verbrenne mir gleich den Daumen dabei. So heiß ist alles. Ich setze mich auf die Toilette und meine verstörte Tante in Kanada am Telefon will wissen, was denn passiert sei. Ich rufe in das Telefon: „Ich sag dir, was passiert ist. Ich habe eben in Flammen gestanden und in dieser Stadt hat das niemanden interessiert!“
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Das alles erzähle ich meiner Tante, als plötzlich jemand an die Tür klopft. Es ist ein Mann, der hinter dem Tresen gearbeitet hat. Er fragt: Alles in Ordnung? Ich zeige auf meine Jacke und sage: „Vielen Dank, dass Sie kommen, ich stand gerade in Flammen und niemand half mir.“ Ich beginne zu weinen. Der Mann geht schnell weg.
Ich bin schon seit 14 Jahren in Deutschland. Ich bin normalerweise nicht besonders wehleidig, ich sehe mich als eine starke Frau, die in dieser Stadt gut klarkommt. Ich habe einen sehr anstrengenden Job, ich habe die sehr anstrengende Sprache gelernt und ich nehme auch abends die U8 – und wenn mich jemand anspricht, dann weiß ich sehr wohl, was ich sagen muss. Aber: In diesem Moment fühlte ich mich in Berlin total fremd und sehr weit weg.
Kurz darauf steht der Mann von eben wieder an der Tür und hält einen Becher Joghurt in der Hand. „Hier, das ist für deinen Daumen, das ist besser als kaltes Wasser!“ Ich muss ihn skeptisch angeschaut haben, jedenfalls nimmt er meine Hand und drückt sie in den Becher mit der weißen, weichen Pampe. Es fühlt sich nicht gut an. Ich bedanke mich höflich und ziehe die Hand aus dem Becher.
Während ich schreibe, merke ich, wie meine Jacke plötzlich beginnt zu rauchen
Ich muss an den Ashram denken, in dem ich für fünf Wochen gewohnt habe, das war erst letzten Sommer. Es war fantastisch. Das Essen, die Gerüche, die Farben im Tempel und vor allem: die Menschen. Ich habe Yoga gelernt und vielleicht war sogar diese Reise ein Grund, warum ich heute hier nach unten gegangen bin, in diesen Imbiss-Laden und jetzt meine Hand in Joghurt bade.
Ein zweiter Mann kommt in die Toilettenkabine. Ich muss da jetzt schon zehn oder 15 Minuten drin gewesen sein. Er fragt mich barsch, ob andere Kunden jetzt auch auf die Toilette dürfen? Dann bringt er mich in den Gastraum zurück, wo niemand auch nur Notiz von mir nimmt. Es ist, als hätte ich mir die Flammen nur eingebildet. Meine Tante ist noch immer am Telefon, sie fragt, was jetzt passiert. Ich sagte ihr, dass ich mich erst einmal an einen Tisch setzen werde. Der zweite Mann bringt wieder ein Hausmittel für meine Verbrennung. Dieses Mal: eine Schüssel mit Eiern. „Eier sind besser als Joghurt“, sagt er und klingt dabei sehr überzeugend. Ich sitze jetzt also immer noch in diesem Imbiss und meine Tante gibt mir am Telefon den Tipp: Mach Fotos! Von deiner Hand, von der Jacke, von allem.
Der zweite Mann setzt sich zu mir und ich sage ihm: Ich glaube, die Jacke müsst ihr mir ersetzen. Er sagt: „Wie bitte? Ich arbeite hier gar nicht!“ Erst da merke ich, dass dies wirklich nur ein Freund der Inhaber ist, der erste auch. Von den Mitarbeitern hat sich niemand um mich gekümmert. Ich frage ihn, ob der Inhaber denn hier sei. Er zeigt auf einen Tisch mit mehreren alten Männern. Ich sage meiner Tante, dass ich mich jetzt um etwas kümmern muss und laufe zu dem großen Tisch.
Der Inhaber steht sofort auf und fragt, ob er helfen könne. Ich erkläre ihm, dass der offene Heizer an der Theke viel zu gefährlich sei und dass sich dort meine Jacke entzündet habe. Seine erste Antwort: „Die Jacke war doch schon so, als Sie den Imbiss betreten haben!“ Okay, jetzt wurde mir klar: Es wird unangenehm.
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Er bietet mir etwas zu essen an. Ich lehne dankend ab, mir ist der Appetit vergangen. Ich überlege, ob es an meinem Outfit liegt, dass er mich nicht ernst nimmt? Ich frage nach einem Verbandskasten, und richtig, den habe er, sagt er. Er schickt einen seiner Mitarbeiter los, und der kommt wieder mit einer Tube DM-Bodylotion. Ich gebe auf. Ich frage ihn nach dem Namen seiner Versicherung, denn ich würde gern meine Jacke ersetzt bekommen. Erst ignoriert er mich und setzt sich wieder an seinen Tisch. Erst als ich ihm androhe, die Polizei zu rufen, bewegt er sich.
Das Ganze ist jetzt fast sechs Wochen her. Ich habe oft an diesen Tag denken müssen. Nicht, weil ich in Flammen stand, sondern vielmehr, weil ich am Frauentag noch einmal lernen musste, dass wir Frauen für normale Dinge wahrscheinlich mehr Energie aufwenden müssen. Ich habe das Geld von der Versicherung noch nicht bekommen. Das wird auch noch dauern. Neulich kam ein Brief, dass sie sich wegen der geringen Größe des Geldbetrags selbst ans Restaurant wenden werden. Ich war seitdem nicht mehr dort. Aber immer, wenn ich vorbeilief, sah ich, dass der Heizstrahler noch an der gleichen Stelle stand. Jetzt beginnt zum Glück der Frühling.
Aufgezeichnet von Sören Kittel.
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