Überraschend deutlich hat sich Bundespräsident Johannes Rau für mehr Hilfen für Berlin ausgesprochen. Als er die Ehrenbürgerwürde entgegennahm, forderte Rau in seiner Rede Bund und Länder auf, Berlin zu unterstützen. Berlin sei nicht nur die Hauptstadt des Bundes, sondern aller Bundesländer, sagte Rau am Montag. "Nur wenn die Länder dies als Vorteil erkennen, hat Berlin eine Chance. " Für seine Rede wurde der Bundespräsident, der im Juni aus dem Amt scheidet, mit stehenden Ovationen gefeiert.Rau sprach sich im Roten Rathaus vor rund 300 Gästen nachdrücklich für eine bundesweite Debatte über Berlins Rolle als Hauptstadt aus. Dabei dürfe es nicht nur um finanzielle Dinge gehen. Es sei bekannt, dass Berlin einige "Schwierigkeiten hat, die hausgemacht sind", sagte Rau. Aber auch aus historischen Gründen - wie beispielsweise bei den Kultureinrichtungen, die vom Staat Preußen übernommen wurden - habe Berlin enorme Belastungen zu tragen. "Berlin steht vor einer bangen Zukunft", sagte der Bundespräsident. Deshalb sei die Hilfe aller Länder erforderlich. Rau sprach sich für ein gemeinsames Bundesland Berlin-Brandenburg aus. Wenn die Hauptstadt nicht mehr eines von 16 Bundesländern sei, wäre die Bereitschaft, Berlin zu helfen, sicherlich größer.Seine Einschätzung der Entwicklung der Stadt seit 1991 honorierten die Zuhörer mit Applaus. Viele Befürchtungen von damals seien nicht eingetreten, sagte Rau, der 1991 als Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen für Bonn als Hauptstadt plädiert hatte. Bonn sei eine lebendige, internationale Stadt und habe den Strukturwandel gut bewältigt, Berlin habe nicht zu mehr Zentralismus geführt. "Der Begriff von der Berliner Republik ist aus der Debattte weitgehend verschwunden", sagte Rau. "Die föderale Struktur ist sicher vielfach gestört - aber nicht durch Berlin. " Er plädierte erneut dafür, dass sich die Föderalismuskommission mit der Hauptstadtfrage beschäftigen müsse. Auch der Vorschlag des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) und der Grünen, Berlin als Hauptstadt im Grundgesetz zu verankern, finde seine "Sympathie"."Das war eine sehr gute Rede", hieß es bei dem anschließenden Empfang immer wieder. Zu den Gästen zählten Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), die Bundesminister Peter Struck (Verteidigung) und Renate Künast (Verbraucherschutz), Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) und die ehemaligen Regierenden Bürgermeister Dietrich Stobbe (SPD), Klaus Schütz (SPD) und Eberhard Diepgen (CDU). Aber auch Egon Bahr, etliche Senatorinnen und Bundestagsabgeordnete waren gekommen - und wurden von Raus programmatischer Rede überrascht.Der Ärger ist verflogen Der Bundespräsident hatte sich zum ersten Mal im Januar 2004 offensiv in die Hauptstadt-Debatte eingeschaltet. Den Wunsch des Regierenden Bürgermeisters, eine Hauptstadt-Kommission zu berufen, hatte Rau in den Jahren zuvor ignoriert. Damals hieß es, Rau sei verärgert, weil er über Wowereits Idee nicht informiert worden war. Doch der Ärger ist offensichtlich verflogen: Als Ehrenbürger der Stadt, so versprach Rau, wolle er dazu beitragen, "dass jeder ein wenig Stolz empfindet, wenn im Ausland von Berlin gesprochen wird und Deutschland gemeint ist".EHRUNG // Die Ehrenbürgerwürde geht auf die Stein sche Städteordnung von 1808 zurück. Damit wurden Personen, die sich um die Stadt verdient gemacht hatten, in den Bürgerstand erhoben.Erster Ehrenbürger war Oberkonsistorialrat Conrad Gottlieb Ribbeck. Er wurde 1813 ausgezeichnet.Bundespräsidenten werden traditionell kurz vor dem Ausscheiden aus ihrem Amt zu Ehrenbürgern Berlins ernannt.Die Würde wurde außerdem an Politiker wie Helmut Kohl, Michail Gorbatschow, Hans-Dietrich Genscher oder George Bush verliehen. Aber auch Künstler wie Heinrich Zille, Herbert von Karajan oder Marlene Dietrich wurden zu Ehrenbürgern ernannt. 113 Ehrenbürger zählt Berlin bislang.Der 114. Ehrenbürger wird der Kunstsammler und -mäzen Heinz Berggruen. Er soll noch in diesem Jahr geehrt werden."Berlin steht vor einer bangen Zukunft. " Johannes Rau, Bundespräsident.Foto: Der 113. Ehrenbürger: Bundespräsident Johannes Rau dankt für den Applaus.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]