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BVG-Ticket für neun Euro: Bekommen Abo-Kunden künftig Freimonate?

Verkehrsunternehmen in Berlin und Brandenburg befürchten Abo-Kündigungen. Nun wird nach Wegen gesucht, die Stammkunden zu halten. Auch sie sollen profitieren.

6 Min
Hier gibt es Tickets für BVG, S-Bahn und Co. Ein Fahrscheinautomat im Bahnhof unter dem BER.

Hier gibt es Tickets für BVG, S-Bahn und Co. Ein Fahrscheinautomat im Bahnhof unter dem BER.

© Berliner Zeitung

Gut gemeint ist nicht gut gemacht – das zeigt sich jetzt mal wieder. Der Beschluss der Ampelkoalition, 90 Tage lang Monatstickets für neun Euro anzubieten, hat auch die Nahverkehrsbranche in Berlin und Brandenburg kalt erwischt. „Wir wurden überrascht“, sagte ein Insider der Berliner Zeitung. Sowohl der Berliner Senat als auch das Brandenburger Infrastrukturministerium seien bislang nicht informiert worden.

Weil Bürger wissen wollen, wann die Billigtickets zu haben sind, mit denen sie vom Anstieg der Energiekosten entlastet werden sollen, laufen bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG), der S-Bahn Berlin und dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) die Telefone heiß. Vor allem bei den Stammkunden, die bereits für ein Jahr im Voraus gezahlt haben, gibt es aktuell großen Fragebedarf. „Wenn man ihnen nicht bald gute Antworten geben kann, könnte die Bundesinitiative nach hinten losgehen“, so ein Insider. „Das Schlimmste wäre, wenn Abos gekündigt werden.“

Offensichtlich hatten die Bundespolitiker dies nicht auf dem Schirm: Was passiert mit den zahlreichen Menschen, die bereits Kunden von Nahverkehrsunternehmen sind? Nicht nur in Berlin und Brandenburg gibt es viele Menschen, die Jahreskarten, Umweltkartenabos, Firmen-, Semester-, Sozial- oder Seniorentickets besitzen. In der Hauptstadt-Region, in der traditionell viele Menschen Bahnen und Busse nutzen, geht die Zahl der Stammkunden in die Hunderttausende. Allein die BVG hat knapp 290.000 Abonnenten. Für die Verkehrsunternehmen sind Kunden wie diese wichtige Geschäftspartner. Mit ihren Vorauszahlungen sichern sie einen Großteil der Finanzen.

Abokunden sollen vorerst nichts unternehmen

Eine Jahreskarte für Berlin und das angrenzende Umland, den Tarifbereich ABC, kostet zum Beispiel 978 Euro – umgerechnet auf den Monat sind das immerhin 81,50 Euro. Wenn auch für ein so großes Gebiet 90 Tage lang Monatstickets für neun Euro zu haben wären, ist nach Einschätzung von Beobachtern klar, wie viele Stammkunden reagieren würden: „Sie würden kündigen – mit gewaltigen Folgen für die Verkehrsbetriebe“, hieß es in einem Unternehmen.

Wohl auch deshalb lautet der Rat an die wertvollste Kundschaft der BVG, der S-Bahn Berlin und Co., vorerst die Füße stillzuhalten und noch nichts zu unternehmen. „Wir möchten alle Kundinnen und Kunden bitten, ihre Abos nicht zu kündigen, sondern unsere aktive Kommunikation abzuwarten“, teilte der VBB gleich am Donnerstag mit.

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Wie können die Stammkunden konkret entlastet werden? Erste Ideen werden bereits diskutiert. Bei der BVG wird diskutiert, Abokunden drei Monate kostenlos fahren zu lassen. Anderswo wird über ein Sonderticket gesprochen, das Stammkunden erwerben dürfen, sobald die Gültigkeit ihres jetzigen Tickets endet. „Quasi als eine preiswerte Verlängerung des Abos“, hieß es. Theoretisch möglich wäre es auch, bereits gezahlte Beträge zurückzuerstatten. Doch es sei absehbar, dass die Abwicklung dieser Zahlungen die Verkehrsunternehmen mit enormen Kosten belasten würde. Egal, auf welches Verfahren man sich einigt: Bei der BVG rechnet man bereits mit Aufwendungen von mehreren Millionen Euro, um den Beschluss der Ampelkoalition umsetzen zu können.

In Berlin und Brandenburg werden 50 Millionen Euro pro Monat gebraucht

Auch auf Bundesebene wird es kostspielig. Versprochen wurde eine Aufstockung der Regionalisierungsmittel, die der Bund den Ländern zahlt, damit sie bei Verkehrsunternehmen Regionalzugfahrten bestellen können. Wie viel zusätzliches Geld für Berlin und Brandenburg fällig würde, ist bereits überschlagen worden. Berlins Mobilitätssenatorin Bettina Jarasch (Grüne) kalkulierte am Freitag im RBB mit rund 50 Millionen Euro pro Monat. Nach Informationen der Berliner Zeitung entfallen allein auf BVG und S-Bahn zirka 35 Millionen Euro.

Von einem „populistischen Schnellschuss“ sprach Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband Pro Bahn. Wie aus Bundeskreisen zu hören war, wurde auch das Ministerium von Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) kalt erwischt. „Die Koalitionäre haben sich das Neun-Euro-Ticket offenbar in der Nacht ausgedacht, ohne Rücksprache zu halten“, sagte ein Beobachter der Berliner Zeitung.

Unklar ist nicht nur, wie man mit Stammkunden umgeht. Die Verkehrsunternehmen rätseln auch, für welche Gebiete die Neun-Euro-Tickets gelten würden. Für jeweils eine Stadt? Für eine Region? „Eigentlich müssten die Tickets für den Nahverkehr in ganz Deutschland gelten“, so ein Experte. Doch dann würde der Fernverkehr der Deutschen Bahn Einnahmeverluste erleiden, weil Fernpendler unter Umständen vom ICE auf den Regionalexpress umsteigen würden.

Senatorin: Wir müssen unabhängig von russischem Öl und Gas werden

„Ich begrüße, dass die Bundesregierung neben den Erleichterungen für motorisierte Pendler:innen auch ein Angebot für die Nutzer:innen der Öffis geschnürt hat“, teilte Mobilitätssenatorin Jarasch mit. „Wir werden uns jetzt schnell mit der Bundesregierung und unseren Partner:innen im VBB abstimmen, damit unsere Verkehrsunternehmen die ,9 für 90‘-Tickets in ihr Angebot mit aufnehmen können.“

Berlin möchte den Beschluss für eine ÖPNV-Offensive nutzen. „Wenn wir unabhängig von russischem Öl und Gas werden wollen, müssen viel mehr Menschen ihr Auto stehen lassen und Bahn fahren“, so die Berliner Grünen-Politikerin weiter. „Damit der ÖPNV noch attraktiver für noch mehr Fahrgäste wird, müssen wir neben attraktiven Ticket- und Abopreisen das Angebot dauerhaft verbessern durch dichtere Takte, mehr Strecken, weniger Ausfälle. Deshalb braucht es weitere Gelder vom Bund für diese Zukunftsinvestitionen.“

Der Linke-Politiker Kristian Ronneburg findet den Plan ebenfalls grundsätzlich gut. „Dies ist eine der wenigen Maßnahmen der Ampelkoalition, die die stärkere Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel fördert“, so der Abgeordnete. „Die Bundesländer und die Verkehrsverbünde haben nun verschiedene Fragen in diesem Zusammenhang zu klären, in Berlin zum Beispiel, ob das Ticket für den kompletten ABC-Tarifbereich gelten soll, wie Studierende davon profitieren können, die das verpflichtende Semesterticket zahlen oder wie mit Bezieher:innen des Sozialtickets umgegangen wird.“

Für die Linksfraktion in Berlin sei dabei besonders wichtig, dass diejenigen, die vor allem in den letzten Jahren im Zuge der Corona-Pandemie Bus und Bahn treu geblieben sind, nicht schlechter gestellt werden. Es seien die Abokundinnen und Abokunden, die „in schwierigen Zeiten durch ihre Treue BVG und S-Bahn stabilisiert haben. Auch bei ihnen muss nun diese Absenkung des Fahrpreises unkompliziert und unbürokratisch ankommen“, forderte Ronneburg.

BVG-Chefin zeigt sich ratlos. Droht nun ein Ansturm auf Bahnen und Busse?

Beim Karrierenetzwerk LinkedIn meldete sich die BVG-Vorstandsvorsitzende Eva Kreienkamp zu Wort. „Wir sind ratlos und entdecken die Ratio nicht“, so die Chefin des größten deutschen Nahverkehrsunternehmens. Sie hält es für notwendig, das Angebot anzupassen. „Wie wäre es denn, wenn dieser Aufschlag mit ‚9 für 90‘ der Bundesregierung dazu führen würde, den ÖPNV in Stadtrandgebieten und im ländlichen Raum drastisch auszubauen. Erst mal mit Bussen, bevor überall Schienen hin müssten. Dann würden wirklich Menschen umsteigen. Aber preiswerte Tickets wirken nur mit signifikant gestiegenem Angebot, das haben wir aus Wien gelernt.“

Werden die Billigtickets zu einem Neukunden-Ansturm auf Bahnen und Busse führen, dem das System nicht gewachsen ist? Auch das wäre kontraproduktiv.

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