Am Grenzwellenbrecher von Tarajal hat sich die Richtung der Menschenmassen innerhalb weniger Stunden umgekehrt. Noch am Donnerstag drängten Zehntausende Menschen aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta. Am Freitag zogen große Gruppen über denselben Grenzabschnitt zurück. Spanische Soldaten und Beamte der Guardia Civil wiesen ihnen den Weg durch die Anlage. Nach Beobachtungen der Zeitung El País verließen zeitweise deutlich mehr Menschen Ceuta, als noch neu hinzukamen.
Wie viele Migranten seit Beginn des Ansturms ankamen, ist noch nicht abschließend geklärt. Ceutas Regierungschef Juan Jesús Vivas sprach am Freitag von rund 60.000 Menschen. Das entspricht etwa 70 Prozent der Bevölkerung der Exklave. „Diese Zahl zeigt, dass es unmöglich ist, einen solchen Druck aufzufangen“, sagte Vivas.
Das spanische Innenministerium bezifferte die Zahl der irregulären Grenzübertritte dagegen auf mehr als 50.000. Bis zum frühen Freitagabend kehrten mehr als 48.000 Migranten nach Marokko zurück, wie das spanische Innenministerium mitteilte. Die unterschiedlichen Angaben beruhen auf weiterhin vorläufigen Erfassungen.
Nach ihrer Ankunft in Ceuta wärmen sich junge Migranten in Decken. Viele Neuankömmlinge fanden weder einen Schlafplatz noch eine Möglichkeit zur Weiterreise.
© Marcos Moreno/imago
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Tausende schlafen in Parks und Hauseingängen
Viele Rückkehrer erklärten Reportern, dass sie in Ceuta keine Perspektive sähen. In der überfüllten Stadt hätten sie weder einen Schlafplatz noch ausreichend Essen gefunden. Einige berichteten El País, Geschäfte und Gaststätten hätten sie nicht bedient. Die Zeitung schildert Parks, Gehwege und Eingänge von Parkhäusern, in denen Jugendliche und Familien die Nacht verbrachten. Kinder schliefen vor öffentlichen Gebäuden, andere Menschen lagen ohne Wechselkleidung auf feuchtem Rasen.
Für viele wurde zudem deutlich, dass sie von Ceuta nicht einfach auf das spanische Festland weiterreisen können. Fluggesellschaften und Reedereien sind auch auf Verbindungen von Ceuta oder Melilla in andere Teile Spaniens verpflichtet, die Reisedokumente ausländischer Passagiere zu kontrollieren. Menschen ohne gültige Papiere können daher nicht regulär eine Fähre nach Andalusien oder einen Flug aufs Festland nehmen.
Am Wellenbrecher bot sich dadurch ein ungewöhnliches Bild: Während weiterhin einzelne Menschen mit Schwimmreifen durch das Wasser nach Ceuta gelangten, bewegten sich oberhalb von ihnen große Gruppen zurück nach Marokko. Marokkanische Boote nahmen zugleich Schwimmer auf und brachten sie an die Küste zurück. Die verstärkte Präsenz spanischer und marokkanischer Sicherheitskräfte hatte den massenhaften Zustrom am Freitag weitgehend gestoppt.
Marokkanische Einsatzkräfte versuchen, Migranten auf dem Weg nach Ceuta mit Wasserwerfern aufzuhalten.
© Hicham Rachidi/imago
Freiwillige Rückkehr ist keine Abschiebung
Die Rückkehr über die offene Grenzanlage ist nicht mit einer förmlichen Abschiebung gleichzusetzen. Nach Angaben des Innenministeriums verließen die rund 25.000 Menschen Ceuta freiwillig. Parallel wollen Spanien und Marokko die Verfahren zur Rückführung irregulär Eingereister beschleunigen.
Ministerpräsident Pedro Sánchez dankte der marokkanischen Regierung bei seinem Besuch in Ceuta für die Zusammenarbeit. Er kündigte an, die Prüfung der Fälle und die Rückführungen schneller abzuwickeln. Am Wellenbrecher sollen zudem Bojen installiert werden, die eine weitere Barriere im Wasser bilden.
Mindestens 57 Menschen kamen nach Angaben der örtlichen Behörden bei dem Versuch ums Leben, Ceuta zu erreichen. Viele ertranken beim Umschwimmen der Grenzanlage. Weitere Menschen starben nach früheren Angaben örtlicher Vertreter im Gedränge am Wellenbrecher. Eine abschließende Opferzahl lag zunächst nicht vor.
Sánchez bezeichnete den Massenübertritt als „Angriff“ und als „Verletzung der territorialen Integrität Spaniens“. Er machte Schleusernetzwerke für die Mobilisierung verantwortlich. Ceuta bleibt trotz der Rückkehr Tausender Menschen stark überfüllt. Nach den Zahlen des Innenministeriums hielten sich am Freitagnachmittag noch mindestens 25.000 Neuankömmlinge in der Exklave auf.
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