Nach dem beispiellosen Massenübertritt aus Marokko hat sich die Lage an der Grenze zu Ceuta am Freitagvormittag erstmals etwas entspannt. Rund 60.000 Migranten sind nach Behördenangaben von Freitag in die spanische Exklave gelangt. Diese Anzahl entspreche etwa 70 Prozent der Bevölkerung der Exklave, erklärte der Präsident von Ceuta, Juan Jesús Vivas, am Freitag vor Reportern. „Diese Zahl zeigt, dass es unmöglich ist, einen solchen Druck aufzufangen“, fügte er hinzu.
Spanische und marokkanische Sicherheitskräfte verstärkten ihre Präsenz am Grenzübergang Tarajal und brachten den massenhaften Zustrom am Freitag weitgehend zum Erliegen. Kleinere Gruppen gelangten weiterhin über den Wellenbrecher und das Wasser nach Ceuta. Zur selben Zeit setzte jedoch eine Bewegung in die entgegengesetzte Richtung ein: Tausende Menschen machten sich auf den Rückweg nach Marokko.
Bei dem Versuch, Ceuta zu erreichen, seien mindestens 57 Menschen ums Leben gekommen, teilte Vivas zudem mit. Viele Menschen waren ins Wasser gegangen, um die spanische Exklave schwimmend zu erreichen. Da die Suche an der Küste fortgesetzt wurde, lag zunächst noch keine abschließende Bilanz vor.
Noch am Freitagmorgen hatten Vertreter der Guardia Civil von „absolutem Chaos“ und einer „völlig kollabierten“ Grenze gesprochen, nachdem Zehntausende Menschen nahezu ungehindert über Land und Wasser nach Ceuta gelangt waren.
Tausende Menschen drängen entlang der Küste über die Grenze in die spanische Exklave Ceuta. Die Grenzanlagen waren zeitweise völlig überlastet.
© Marcos Moreno/imago
Bei den Neuankömmlingen handelt es sich nach bisherigen Berichten überwiegend um Marokkaner. Aktivisten in Marokko und Ceuta berichteten der Nachrichtenagentur AP zudem von einer kleineren Zahl Algerier, die zuvor in Marokko gelebt und von dort aus versucht hätten, nach Europa zu gelangen. Reuters berichtete außerdem von Menschen aus Staaten südlich der Sahara. Eine vollständige Aufschlüsselung nach Herkunftsländern lag zunächst nicht vor.
Frankreich verschärft Kontrollen an der Grenze zu Spanien
Die Ceuta-Krise hat inzwischen direkte Folgen für den Reiseverkehr innerhalb Europas. Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez ordnete verstärkte Kontrollen an der Grenze zu Spanien an und aktivierte eine schnelle Eingreiftruppe für zusätzliche Kontrollen. Konkrete Angaben dazu, an welchen Übergängen und in welchem Umfang kontrolliert wird, machte das Ministerium zunächst nicht.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni brachte sogar eine Aussetzung des Schengen-Verkehrs mit Spanien ins Gespräch. Unterstützung erhielt sie von der finnischen Innenministerin Mari Rantanen. Spaniens Außenminister José Manuel Albares wies die italienischen Vorwürfe als unangemessen zurück und bestellte den italienischen Botschafter ein.
Hunderte Migranten schwimmen von Marokko nach Ceuta: Aufnahmezentren kollabiert
Spanien schickt Soldaten und zusätzliche Polizisten nach Ceuta
Die spanische Regierung entsandte zunächst 60 Soldaten und rund 200 zusätzliche Polizisten vom Festland. Hinzu kommen Einheiten, die bereits dauerhaft in Ceuta stationiert sind. Sie sollen die Guardia Civil bei der Sicherung der Grenze und der Stadt unterstützen. Am Freitagmorgen befanden sich laut El País rund 30 Militärfahrzeuge am Grenzübergang Tarajal.
Ministerpräsident Pedro Sánchez reiste gemeinsam mit Innenminister Fernando Grande-Marlaska nach Ceuta. Vorgesehen sind ein Besuch am Grenzübergang und Gespräche mit der Regionalregierung, Polizei, Guardia Civil, Rotem Kreuz und den Verantwortlichen des Aufnahmezentrums.
Ceutas Regierungschef Juan Jesús Vivas hatte Madrid zuvor aufgefordert, einen nationalen Notstand auszurufen und ein einheitliches Kommando einzurichten. Die Zentralregierung lehnte dies ab. Migrationsbewegungen gehören nach ihrer Darstellung nicht zu den Gefahren, die nach dem spanischen Zivilschutzrecht eine solche Erklärung ermöglichen.
Die Aufnahmeeinrichtungen waren bereits vor dem Massenübertritt überlastet. In der Woche vor der Eskalation hatten mehr als 1500 Menschen Ceuta erreicht. Nach Angaben der Regionalregierung arbeiteten Einrichtungen für unbegleitete Minderjährige zuletzt weit über ihrer vorgesehenen Kapazität.
Marokkanische Einsatzkräfte versuchen, Migranten auf dem Weg nach Ceuta mit Wasserwerfern aufzuhalten.
© Hicham Rachidi/imago
Gerichtsurteil als möglicher Auslöser
Als möglicher Auslöser des Massenübertritts gilt ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli. Danach dürfen Menschen, die Ceuta oder Melilla schwimmend erreichen und auf dem Meer aufgegriffen werden, nicht sofort und ohne individuelle Prüfung nach Marokko zurückgebracht werden. Einen automatischen Anspruch auf Aufenthalt begründet die Entscheidung jedoch nicht.
Das Innenministerium wirft Schleusernetzwerken vor, das Urteil in sozialen Medien als vermeintliche Bleibegarantie zu verbreiten. Belege für eine koordinierte Kampagne gibt es bislang nicht. Marokkanische Aktivisten bezweifeln zudem, dass viele der Ankommenden die rechtlichen Details kannten. Ein Vertreter der Guardia Civil berichtete Reuters allerdings von einem deutlichen Anstieg seit der Gerichtsentscheidung, der am Donnerstag in eine „Explosion“ gemündet sei.
Spaniens außerordentliche Regularisierung gilt dagegen nicht für die Neuankömmlinge. Sie richtet sich nur an Menschen, die bereits vor dem 1. Januar 2026 im Land lebten und mindestens fünf Monate Aufenthalt nachweisen konnten. Die Regierung sieht deshalb vor allem falsche Erwartungen rund um das Gerichtsurteil als Ursache. Rechte Parteien und die italienische Regierung machen hingegen Spaniens gesamte Migrationspolitik für den Anreiz verantwortlich.
Menschen überwinden nach ihrer Ankunft in Ceuta eine Absperrung. Unter den Tausenden Neuankömmlingen sind auch Frauen und Kinder.
© Marcos Moreno/imago
Auch in Melilla kommen Hunderte Menschen über die Grenze
Der Migrantenansturm beschränkt sich inzwischen nicht mehr auf Ceuta. In Melilla, der zweiten spanischen Exklave an der nordafrikanischen Küste, kam es in der Nacht ebenfalls zu einem massenhaften Übertrittsversuch. Der Grenzübergang Beni Enzar wurde geschlossen.
Die Regionalregierung von Melilla geht davon aus, dass zwischen 300 und 400 Menschen auf spanisches Gebiet gelangten. Die Vertretung der Zentralregierung bestätigte diese Zahl zunächst nicht und verwies darauf, dass der Einsatz in der Nacht noch lief.
Auf marokkanischer Seite drängten weiterhin Tausende Menschen in Richtung Grenze. Reuters-Reporter beobachteten in Fnideq ausgebrannte Fahrzeuge, überfüllte Straßen und Gruppen, die versuchten, über die Küste oder durch die umliegenden Berge nach Ceuta zu gelangen. Marokkanische Sicherheitskräfte setzten Wasserwerfer ein und verhinderten in der Nacht nach spanischen Angaben zahlreiche weitere Übertritte.
Warum die Kontrollen am Donnerstag dennoch zeitweise vollständig zusammenbrachen, ist nicht geklärt. Marokkos Innenministerium äußerte sich zunächst nicht öffentlich. Für eine gezielte Öffnung der Grenze durch Rabat gibt es bislang keinen Beleg.
Neu angekommene Migranten warten nachts vor einem Geschäft in Ceuta. Viele mussten im Freien übernachten.
© Marcos Moreno/imago
Tausende Migranten verlassen Ceuta wieder
Am Freitagvormittag kehrte sich die Bewegung am Grenzwall teilweise um. Tausende Menschen verließen Ceuta über denselben Wellenbrecher, über den sie wenige Stunden zuvor nach Spanien gelangt waren. Während kleinere Gruppen weiterhin in die Exklave kamen, war die Zahl der Rückkehrenden zeitweise deutlich größer. Soldaten und Polizisten wiesen ihnen den Weg zurück nach Marokko.
Viele der Neuankömmlinge hatten die Nacht ohne Unterkunft, Essen oder Geld auf Straßen, in Parks und an den Stränden verbracht. Einige erklärten Reportern, sie hätten keine Möglichkeit gesehen, von Ceuta auf das spanische Festland weiterzureisen. Andere wollten zu ihren Familien zurück oder berichteten von Angst und Anfeindungen durch Bewohner.
Auch marokkanische Patrouillenboote beteiligten sich nun wieder an den Einsätzen. Nach Beobachtungen von El País fuhren sie in Gewässer vor Ceuta, nahmen Schwimmer auf und brachten sie nach Marokko zurück. Sicherheitskräfte räumten zudem mit Wasserwerfern Teile der Strände und Berghänge auf der marokkanischen Seite.
Spanien und Marokko wollen Rückführungen beschleunigen
Spanien und Marokko haben vereinbart, die Rückführungen der Neuankömmlinge zu beschleunigen. Die spanische Regierung kündigte an, dafür die bestehenden Rücknahmeabkommen mit Marokko, Mauretanien und Senegal anzuwenden. Zugleich verwies sie auf die vorgeschriebenen Verfahren, Gerichtsurteile und die Rechte der Betroffenen. Eine pauschale und sofortige Abschiebung sämtlicher Neuankömmlinge ist damit nicht beschlossen.
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