An der Charité in Berlin ist erstmals in Deutschland ein Patient außerhalb klinischer Studien mit einem Medikament behandelt worden, das auf der Genschere Crispr beruht. Der 19-jährige Mohammad, der an einer schweren Beta-Thalassämie leidet, erhielt das Gentherapeutikum Exagamglogene Autotemcel, kurz Exa-cel, Ende Mai im Rahmen der regulären Versorgung.
Vier Monate später ist er nach Angaben der Charité nicht mehr auf Bluttransfusionen angewiesen und führt einen normalen Alltag. Bei der Behandlung am 28. Mai war auch die Nobelpreisträgerin Emmanuelle Charpentier anwesend, die die Genschere 2012 gemeinsam mit Jennifer Doudna erstmals beschrieben hatte.
Exa-cel ist das weltweit erste zugelassene Medikament, das mit Crispr arbeitet. In Europa ist es seit 2024 unter Auflagen zugelassen, für bestimmte Patienten mit transfusionsabhängiger Beta-Thalassämie oder schwerer Sichelzellkrankheit. Entwickelt haben es das von Charpentier mitgegründete Unternehmen Crispr Therapeutics und der US-Konzern Vertex Pharmaceuticals. Verabreicht werden darf es nur in spezialisierten Zentren; die Charité ist nach eigenen Angaben das erste dafür qualifizierte Zentrum in Deutschland.
Charité-Chef spricht von Meilenstein
Charité-Chef Heyo K. Kroemer sprach von einem Meilenstein: Nur 14 Jahre nach der Erstbeschreibung sei die Genschere Teil der regulären Behandlung schwerkranker junger Menschen geworden.
Bei der Beta-Thalassämie bildet der Körper wegen eines Gendefekts nicht genug funktionsfähigen Blutfarbstoff Hämoglobin, der Sauerstoff im Körper transportiert. Weltweit kommen jedes Jahr rund 60.000 Kinder mit der schweren Form zur Welt. Unbehandelt sterben sie schon im Kleinkindalter. Um zu überleben, brauchen die Betroffenen alle drei Wochen Bluttransfusionen, die auf Dauer unter anderem zu einer Eisenüberladung führen, die Organe schädigt.
Heilen kann die Krankheit bislang vor allem eine Stammzelltransplantation von einem passenden Spender. Diese komme aber nur bis zum 14. Lebensjahr infrage, weil danach die Komplikationsrisiken zu groß würden, sagt Lena Oevermann, Oberärztin an der Kinderklinik der Charité und Leiterin des dortigen Programms für Hämoglobinopathien. Mohammad war dafür bereits zu alt. Weil es keine andere Option gab, stimmte die Krankenkasse nach einer Einzelfallprüfung der Gentherapie zu.
Ärzte lassen Stammzellen ins Blut des Patienten wandern
Die Behandlung zog sich über rund ein Jahr hin. Zunächst regten die Ärzte die Blutstammzellen des Patienten an, aus dem Knochenmark ins Blut zu wandern, filterten sie heraus und schickten sie in Labore des Herstellers in den Niederlanden. Dort schalteten die Forscher mit der Genschere ein Gen wieder an, das jeder Mensch nur im Mutterleib nutzt: Es ist für die Bildung des sogenannten fötalen Hämoglobins zuständig, das Sauerstoff ebenso gut transportiert wie der Blutfarbstoff Erwachsener. Nach monatelanger Qualitätsprüfung und einer Chemotherapie, die im Knochenmark Platz schaffte, erhielt Mohammad mehr als 900 Millionen seiner veränderten Stammzellen per Infusion zurück.
Innerhalb von 40 Tagen begann sein Körper, fötales Hämoglobin zu bilden. Inzwischen macht es nach Angaben der Charité 85 Prozent seines Hämoglobins aus, der Gesamtwert liegt bereits im Normbereich. Knapp sechs Wochen nach der Infusion konnte der junge Mann die Klinik verlassen. Er möchte nun eine Ausbildung beginnen.
Ohne Risiken ist die Therapie nicht. Die vorbereitende Chemotherapie verursacht schmerzhafte Entzündungen der Schleimhäute, kann die Leber schädigen und macht mit einiger Wahrscheinlichkeit unfruchtbar, wie Oevermann erklärt. Zudem gebe es noch keine Daten zur langfristigen Sicherheit und Wirkung. Die Zulassung schreibt deshalb vor, dass alle Patienten 15 Jahre lang nachbeobachtet werden.
Charité Berlin: Mit Gen-Technik gegen "unheilbare" Krankheiten
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