Kolumne

Das große Gipfeltreffen im Osten: Chemnitzer FC kontra Rot-Weiß Erfurt – mehr Spitzenspiel geht nicht

Der Chemnitzer FC empfängt Spitzenreiter Rot-Weiß Erfurt zum Gipfeltreffen der Regionalliga Nordost. Defensive trifft auf Torflut.

Michael Jahn
5 Min
Die beste Offensive der Liga, die vom FC Rot-Weiß Erfurt, trifft am Sonnabend auf die stärkte Abwehr der Liga.

Die beste Offensive der Liga, die vom FC Rot-Weiß Erfurt, trifft am Sonnabend auf die stärkte Abwehr der Liga.

© Paul Fritz/Imago

Solch Spektakel gab es in dieser Saison noch nie: Die mit Abstand beste Offensive der Regionalliga Nordost trifft auf die ebenfalls mit Abstand beste und standhafteste Defensive. Die beiden Mannschaften, die diese so extrem unterschiedlichen Stärken aufweisen, stehen zu Recht an der Spitze der Liga. Nun trifft der Tabellenzweite, der bislang starke Tore-Verhinderer Chemnitzer FC (26 Punkte nach elf Spieltagen), auf den so überaus stürmischen Spitzenreiter FC Rot-Weiß Erfurt (27 Punkte). Am Sonntag ist es so weit und Chemnitz empfängt die als einziges Team noch ungeschlagenen Thüringer im Stadion an der Gellertstraße (16 Uhr).

36 Treffer haben die Offensivgeister von Erfurts Cheftrainer Fabian Gerber (46) bisher auf dem Konto und in sechs Spielen je vier oder mehr Tore geschossen. Im Gegensatz dazu hat der schärfste Verfolger der Erfurter, der Chemnitzer FC, trainiert von Benjamin Duda (38), erst fünf Gegentore zugelassen und allein sechsmal zu null gespielt. Der einstige langjährige Bundesliga-Erfolgstrainer Huub Stevens (Spitzname: „Der Knurrer aus Kerkrade“) würde sich garantiert riesig über solch eine Bilanz freuen. Er forderte einst von seinen Teams in der Bundesliga, etwa Schalke 04 oder Hertha BSC, vehement: „Die Null muss stehen!“ Das wurde gar zum geflügelten Wort.

Überraschendes Führungsduo

Dass Erfurt und Chemnitz nach fast einem Drittel der Saison im Gleichschritt an der Spitze agieren, ist keine Sensation, aber durchaus eine Überraschung. Beide Mannschaften zählten bei allen Experten vor Saisonstart zwar zum erweiterten Kreis der Favoriten, aber ganz vorn wurden meist die VSG Altglienicke, der FC Erzgebirge Aue und der Hallesche FC erwartet.

Die beiden tatsächlichen Spitzenmannschaften weisen bei allen Unterschieden in der Spielauffassung samt ihrer besonderen Stärken auch einige Parallelen auf, was auch mit der speziellen Ausgangslage zu tun hat: Im Mai 2027 kann der Nordost-Meister direkt in die 3. Liga aufsteigen.

Fabian Gerber lernte von seinem Vater – und von Jürgen Klopp.

Fabian Gerber lernte von seinem Vater – und von Jürgen Klopp.

© Roger Petzsche/Picture Point/Imago

Vor dem Start betrieben beide Trainer leichtes Understatement. So wollte Erfurts Fabian Gerber, der seine sechste Saison als Chef der Rot-Weißen erlebt, „die Großen ärgern“, das „Maximale herausholen“ und „oben mitspielen“. Rein wirtschaftlich ordnete er Erfurt nur auf Rang 10 der für ihn „besten Regionalliga Deutschlands“ ein. Unter seiner Regie gab es bislang nach dem Aufstieg in die 4. Liga die Plätze 3, 13, 3 und 5.

Gerber besetzt auch die Doppelrolle als Trainer und Geschäftsführer Sport. Zudem profitiert er von seinem Vater Franz Gerber, der ein umfassendes Scouting-Netz in ganz Deutschland aufgebaut hat. „Beide Gerbers sind ein Hauptgewinn für den Erfurter Fußball“, sagt MDR-Experte Lutz Lindemann, einst DDR-Nationalspieler. Bei den Zugängen in dieser Saison haben die Erfurter vor allem auf erfahrene Spieler mit starker Mentalität gesetzt. Und was die Torflut angeht, sagt Fabian Gerber: „Ich habe lieber viele torgefährliche Leute als nur einen überragenden Knipser.“ Diese Strategie ging bislang auf: Rot-Weiß hat 14 verschiedene Torschützen mit Dustin Forkel an der Spitze (7 Treffer).

Blickt man zum Konkurrenten nach Chemnitz, so hat Cheftrainer Benjamin Duda ähnliche Ziele formuliert. „Wir sind maximal ambitioniert, wollen oben mitspielen in dieser sehr engen, ja, saustarken Liga!“ Duda erlebt seine dritte Saison beim CFC, erreichte bislang zweimal in Folge Platz 7. Es gab einen großen personellen Umbruch und auch Chemnitz holte einige erfahrene, ältere Kicker jenseits der 30. Sie bilden eine stabile Achse. Duda, der sich über einen breiten und starken Kader freut, sagt nun auch: „Wir wollen schwer zu schlagen sein!“

CFC-Cheftrainer Benjamin Duda war schon mit 15 Trainer.

CFC-Cheftrainer Benjamin Duda war schon mit 15 Trainer.

© haertelpress/Imago

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Duell an der Taktiktafel

Erfurt und Chemnitz waren auch in der Vergangenheit oft gleichwertige Gegner. In bislang 92 Duellen gab es 31 Siege für Chemnitz, 27 Remis und 34 Erfolge für Erfurt. Schon zu Zeiten der DDR-Oberliga blieb es stets eine „enge Kiste“ zwischen den Konkurrenten: 19 Siege für Chemnitz, 18 Remis und 20 Siege für Erfurt stehen zu Buche.

Bleibt die Frage, wer der beiden ambitionierten Cheftrainer am Sonntag die besseren Karten hat und die erfolgreichere Taktik austüftelt? Dabei weisen Gerber und Duda geradezu krasse Unterschiede in ihrer Vita auf. Gerber war ein erfolgreicher Mittelfeldspieler, kam auf 93 Bundesligaspiele für Mainz 05 und den SC Freiburg und 111 Einsätze in der 2. Liga. Vier Jahre spielte er in Mainz unter Trainer Jürgen Klopp, den er als „extrem menschlich und nahbar“ beschreibt.

Duda dagegen war einst als Spieler nur im Amateurbereich kurz am Ball, wollte aber schon als 15-Jähriger Trainer werden und coachte in diesem Alter bereits die Jugend des VfB Peine. Was wiegt schwerer? Der „ewige Trainer“ Duda (VfR Hildesheim, Germania Halberstadt, Berliner AK, VfB Oldenburg) oder die riesige Erfahrung als Profi und später als Coach von Gerber?

Am Sonntagabend wird man es wissen. Der Sieger des Spitzenspiels muss dann aber ab sofort mit der Last des ganz großen Aufstiegsfavoriten leben.

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