Gehaltsboom

Fast 150.000 US-Dollar im Jahr: So locken Chinas Tech-Riesen begehrte KI-Spezialisten

ByteDance, Tencent und Alibaba suchen Fachkräfte für die praktische Anwendung Künstlicher Intelligenz. Die Zahl der Stellenangebote für eine neue Spezialisierung ist rasant gestiegen.

6 Min
Besucher am Stand der KI-Plattform Qwen des chinesischen Technologiekonzerns Alibaba.

Besucher am Stand der KI-Plattform Qwen des chinesischen Technologiekonzerns Alibaba.

© LRTimelapse/imago

Chinas größte Technologiekonzerne bieten für bestimmte KI-Spezialisten inzwischen Jahresgehälter von fast 150.000 US-Dollar. Unternehmen wie ByteDance, Tencent und Alibaba liefern sich einen intensiven Wettbewerb um Ingenieure, die Künstliche Intelligenz nicht nur entwickeln, sondern unmittelbar in Unternehmen einsetzen können. Die Nachfrage nach diesen Fachkräften ist innerhalb eines Jahres sprunghaft gestiegen.

Wie die South China Morning Post am Sonntag berichtet, konzentriert sich die Suche auf sogenannte Forward Deployed Engineers (FDE). Diese Ingenieure arbeiten eng mit Geschäftskunden zusammen, entwickeln maßgeschneiderte KI-Anwendungen und integrieren sie in bestehende Unternehmensabläufe.

Nach einer Untersuchung der chinesischen Karriereplattform Maimai stieg die Zahl entsprechender Stellenanzeigen von Januar bis Juli 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1523 Prozent. Damit verzeichnete das Berufsprofil den stärksten Zuwachs unter den untersuchten technischen KI-Berufen.

ByteDance, Tencent und Alibaba bieten außergewöhnliche KI-Gehälter

Besonders hoch fallen die Angebote beim TikTok-Mutterkonzern ByteDance aus. Nach Stellenanzeigen auf der chinesischen Jobplattform Boss Zhipin bietet das Unternehmen für bestimmte FDE-Positionen monatlich zwischen 35.000 und 65.000 Yuan.

Da die ausgeschriebene Vergütung 15 Monatsgehälter umfasst, ergibt sich am oberen Ende ein mögliches Jahresgehalt von 975.000 Yuan. Das entspricht umgerechnet rund 146.000 US-Dollar.

Auch andere Konzerne werben mit hohen Gehältern um die Spezialisten. Ant Digital Technologies, die Technologiesparte der Finanzgruppe Ant Group, bietet nach den von der South China Morning Post ausgewerteten Anzeigen zwischen 40.000 und 60.000 Yuan monatlich.

Bei Tencent liegen die ausgeschriebenen Monatsgehälter für entsprechende Positionen zwischen 30.000 und 60.000 Yuan. Die Cloud-Sparte von Alibaba sucht vergleichbare Ingenieure mit Gehaltsangeboten von bis zu 50.000 Yuan im Monat.

Die Summen sind für chinesische Verhältnisse außergewöhnlich. Nach offiziellen Angaben des chinesischen Statistikamts lag das durchschnittliche verfügbare Jahreseinkommen pro Einwohner 2025 bei 43.377 Yuan. Dieser Wert umfasst allerdings sämtliche Bevölkerungsgruppen und Einkommensarten und ist deshalb nicht unmittelbar mit den ausgeschriebenen Bruttogehältern vergleichbar.

Die hohen Vergütungen sind zudem keineswegs die Regel. George Wang, Personalmanager eines führenden KI-Unternehmens in Peking, erklärte gegenüber der South China Morning Post, dass solche Spitzengehälter nur einen kleinen Teil des Arbeitsmarktes beträfen. Die meisten vergleichbaren Stellen würden deutlich niedriger bezahlt.

Was macht ein Forward Deployed Engineer eigentlich?

Der enorme Bedarf an diesen Fachkräften zeigt, wie sich die chinesische KI-Industrie verändert. Während Technologiekonzerne bisher vor allem um Entwickler leistungsfähiger Sprachmodelle und Grundlagenforscher konkurrierten, gewinnt inzwischen deren praktische Anwendung an Bedeutung.

Forward Deployed Engineers sollen die Lücke zwischen KI-Modellen und den konkreten Anforderungen eines Unternehmens schließen.

Sie analysieren Geschäftsabläufe, wählen geeignete KI-Werkzeuge aus, entwickeln maßgeschneiderte Lösungen und integrieren diese in bestehende Software und Datenbanken.

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Die ByteDance-Zentrale in Shanghai: Der chinesische Technologiekonzern lockt gefragte KI-Ingenieure mit Jahresgehältern von umgerechnet bis zu 146.000 US-Dollar.

Die ByteDance-Zentrale in Shanghai: Der chinesische Technologiekonzern lockt gefragte KI-Ingenieure mit Jahresgehältern von umgerechnet bis zu 146.000 US-Dollar.

© CTFoto/imago

Ein möglicher Einsatzbereich ist eine Versicherung, die ihre Bearbeitung von Schadensmeldungen automatisieren möchte. Ein FDE muss dann nicht nur das passende KI-Modell auswählen, sondern auch interne Datenquellen anbinden, Datenschutzanforderungen berücksichtigen und sicherstellen, dass die Anwendung im täglichen Betrieb zuverlässig funktioniert.

Zunehmend geht es dabei um sogenannte KI-Agenten, die mehrstufige Aufgaben selbstständig bearbeiten können. Dazu benötigen die Ingenieure neben Programmierkenntnissen auch ein Verständnis für Geschäftsprozesse, Datenschutz und die Anforderungen unterschiedlicher Branchen.

Ein Ingenieur aus Peking, der gegenüber der South China Morning Post lediglich als Su bezeichnet wird, erklärte, gesucht würden Menschen, die sich schnell in die Bedürfnisse verschiedener Branchen einarbeiten könnten. Entscheidend sei, geeignete KI-Werkzeuge auszuwählen und eine Lösung bis zur praktischen Einführung zu begleiten.

Nachfrage nach KI-Ingenieuren steigt um mehr als 1500 Prozent

Wie stark sich der Arbeitsmarkt verändert, zeigt eine bereits im September veröffentlichte Untersuchung der chinesischen Karriereplattform Maimai.

Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung National Business Daily stieg die Zahl der neu ausgeschriebenen KI-Stellen in den untersuchten Branchen von Januar bis Juli 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 789,47 Prozent.

Noch erheblich stärker wuchs mit 1522,73 Prozent die Zahl der Anzeigen für Forward Deployed Engineers.

Die Untersuchung zeigt zugleich eine deutliche Verschiebung bei den gesuchten Qualifikationen. Rund 61 Prozent der erfassten technischen KI-Positionen entfielen auf die Entwicklung konkreter Anwendungen. Für grundlegende KI-Technologien und die Entwicklung der zugrunde liegenden Systeme waren es knapp 25 Prozent.

ByteDance führte die Rangliste der Unternehmen mit den meisten neuen KI-Stellenanzeigen an. Dahinter folgten unter anderem Xiaohongshu, Ant Group und Tencent.

Die Zahlen beziehen sich ausschließlich auf die von Maimai erfassten Stellenanzeigen. Sie beschreiben deshalb nicht den gesamten chinesischen Arbeitsmarkt und lassen auch keine direkten Rückschlüsse auf die Zahl tatsächlich neu eingestellter Mitarbeiter zu.

Chinas Regierung fördert Ausbildung der neuen KI-Spezialisten

Der Wettbewerb um die Ingenieure wird inzwischen auch von der chinesischen Regierung unterstützt.

Ende August veröffentlichte das Ministerium für Industrie und Informationstechnologie eine Initiative zur Förderung von Unternehmen, die Künstliche Intelligenz in der Wirtschaft einführen.

Darin fordert das Ministerium Technologieunternehmen auf, eigene FDE-Teams aufzubauen, die unmittelbar bei Geschäftskunden arbeiten und KI-Anwendungen in deren Betriebsabläufe integrieren.

Zugleich sollen Hochschulen und Berufsschulen gemeinsam mit führenden Technologieunternehmen praktische Ausbildungsprogramme entwickeln.

Das Ministerium setzt sich das Ziel, bis Ende 2027 landesweit mindestens 3000 Anbieter von KI-Anwendungsdienstleistungen in einem staatlichen Verzeichnis zu erfassen. Die Regierung will damit die kommerzielle Nutzung Künstlicher Intelligenz beschleunigen.

Tencent Cloud hat bereits eine eigene Zertifizierung für Forward Deployed Engineers eingeführt. Seit September können Entwickler und Partnerunternehmen ihre Fähigkeiten bei der Entwicklung und Einführung von KI-Agenten nachweisen.

Auch US-Konzern Anthropic investiert 100 Millionen US-Dollar

Dass der Wettbewerb um Fachkräfte für die praktische Einführung Künstlicher Intelligenz international geführt wird, zeigt eine Ankündigung des amerikanischen Unternehmens Anthropic.

Der Entwickler des KI-Modells Claude will 100 Millionen US-Dollar in die Ausbildung von 10.000 spezialisierten Ingenieuren investieren. Bis Ende 2027 sollen sie im Rahmen der Claude Frontier Academy geschult werden.

An dem Anfang Oktober gestarteten Programm beteiligen sich unter anderem die Unternehmensberatungen Accenture, Bain, Deloitte und McKinsey sowie Konzerne wie Morgan Stanley und Novo Nordisk.

Die Teilnehmer sollen lernen, KI-Anwendungen in bestehende Unternehmensstrukturen zu integrieren, Sicherheitsrisiken zu bewerten und Arbeitsabläufe mithilfe von KI-Agenten neu zu gestalten.

In China wie in den Vereinigten Staaten verschiebt sich damit ein Teil des Wettbewerbs von der Entwicklung immer leistungsfähigerer KI-Modelle zu deren wirtschaftlicher Nutzung. Für die Technologieunternehmen werden Fachkräfte wertvoller, die aus den Fähigkeiten Künstlicher Intelligenz konkrete Anwendungen für ihre Kunden entwickeln können.

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