Ein ausländisches Kriegsschiff soll bei der Verfolgung eines chinesischen Zerstörers plötzlich Antrieb und Stromversorgung verloren haben. Auch das Radar habe keine Signale mehr ausgesendet und die Navigationsbeleuchtung sei ausgefallen. Fast eine halbe Stunde habe der Zustand angedauert.
Die Angaben machte Zhang Jun, ein Offizier an Bord des chinesischen Lenkwaffenzerstörers Zunyi, in einem am Mittwoch ausgestrahlten Beitrag des Staatssenders CCTV. Auch die staatliche Global Times berichtete anschließend über den Vorfall.
Zunyi beschleunigt – beim Verfolger fallen Strom und Radar aus
Der Zerstörer vom Typ 055 habe demnach an einer regulären Übung teilgenommen, als ein ausländisches Kriegsschiff begann, ihn zu verfolgen. Die Zunyi sei mit hoher Geschwindigkeit gefahren, woraufhin auch das andere Schiff habe beschleunigen müssen.
Während dieser Phase seien beim Verfolger plötzlich Antrieb und elektrische Versorgung ausgefallen. Radar und Navigationslichter hätten ebenfalls nicht mehr funktioniert, berichtete Zhang. Die Zunyi selbst habe ihren Einsatz dagegen ohne technische Probleme fortgesetzt.
Der chinesische Lenkwaffenzerstörer Yan’an mit der Rumpfnummer 106. Er gehört wie die Zunyi zur Type-055-Klasse der chinesischen Marine.
© Vernon Yuen/imago
China verrät nicht, welches Kriegsschiff betroffen war
Entscheidende Informationen fehlen allerdings. CCTV nannte weder das Land noch den Namen des fremden Kriegsschiffs. Auch wann und wo genau sich der Vorfall ereignet haben soll, wurde nicht mitgeteilt. Die South China Morning Post ordnet die Begegnung dem Südchinesischen Meer zu, weist aber ebenfalls darauf hin, dass sich aus dem CCTV-Bericht weder Datum noch genauer Ort ergeben. Eine unabhängige Bestätigung für die chinesische Darstellung gibt es bislang nicht.
Gerade deshalb richtet sich der Blick auf die US Navy. In diesem Jahr verloren gleich zwei amerikanische Lenkwaffenzerstörer der Arleigh-Burke-Klasse bei Einsätzen im Indo-Pazifik zeitweise Strom und Antrieb.
Einen Beleg dafür, dass einer dieser beiden Fälle mit der von China beschriebenen Begegnung identisch ist, gibt es allerdings nicht.
USS Benfold lag vier Tage ohne Strom im Südchinesischen Meer
Der spektakulärste Fall ereignete sich am 24. Juli. Die USS Benfold war mit der Trägerkampfgruppe um die USS George Washington im Südchinesischen Meer unterwegs, als ein technischer Defekt an den Generatoren zum vollständigen Stromausfall führte. Die 7. US-Flotte bestätigte den Vorfall später gegenüber USNI News.
Die Benfold blieb vier Tage ohne Strom. An Bord fielen unter anderem Klimaanlage, Toiletten und Kombüse aus, auch die Trinkwasserversorgung war beeinträchtigt. Andere Schiffe der Kampfgruppe unterstützten die Besatzung mit Verpflegung. Schließlich wurde der Zerstörer am 28. Juli nach Subic Bay auf den Philippinen geschleppt. Zwei Tage später konnte die Stromversorgung wiederhergestellt werden, die vollständigen Reparaturen dauerten bis zum 7. August.
Zu der chinesischen Schilderung passt dieser Fall jedoch nur teilweise. Zhang spricht von einem Ausfall von knapp 30 Minuten während der Verfolgung der Zunyi. Bei der Benfold dauerte der Stromausfall dagegen Tage. Die US Navy erklärte zudem lediglich, das Schiff habe sich bei „Routineoperationen im Indo-Pazifik“ befunden. Von einer Begegnung mit einem chinesischen Kriegsschiff war keine Rede.
Auch USS Higgins verlor Strom und Antrieb
Bereits am 28. April war die USS Higgins von einer ähnlichen Panne betroffen. Nach Angaben der 7. US-Flotte versagte bei dem Zerstörer während eines Einsatzes im Indo-Pazifik das elektrische Verteilungssystem. Dadurch gingen sowohl die Stromversorgung als auch der Antrieb verloren.
Erste Untersuchungen deuteten auf eine elektrische Fehlfunktion hin, bei der es möglicherweise zu Funken oder Rauchentwicklung gekommen war. Später konnten Strom und Antrieb wiederhergestellt werden. Die US Navy machte allerdings keine Angaben dazu, wo sich die Higgins zu diesem Zeitpunkt befand.
Auch hier gibt es keinerlei Beleg dafür, dass die Higgins das Schiff aus dem chinesischen Bericht war.
Die Thukydides-Falle: Wie China, USA und Russland auf Konfrontationskurs geraten
China baut Lateinamerikas längste Brücke über dem Meer in Brasilien
Offizier spricht von häufigen Begegnungen mit fremden Schiffen
CCTV stellte den Zwischenfall in einen größeren Bericht über die Einsatzfähigkeit der Zunyi. Zhang zufolge kommt es regelmäßig zu Begegnungen mit ausländischen Kriegsschiffen und Militärflugzeugen, die chinesische Verbände verfolgen oder aus der Nähe beobachten.
Die Zunyi trägt die Rumpfnummer 107 und gehört zur Type-055-Klasse, den größten Lenkwaffenzerstörern der chinesischen Marine. Nach Angaben des chinesischen Verteidigungsministeriums verfügt die Volksbefreiungsarmee inzwischen über zehn Schiffe dieses Typs. Sie sind unter anderem für Luftverteidigung, U-Boot-Jagd und Angriffe auf Überwasserziele ausgelegt.
Zhang äußerte sich im CCTV-Bericht ausgesprochen offensiv. Auf die Frage, ob ihn Begegnungen mit ausländischen Streitkräften nervös machten, erklärte er, solange sich ein Gegner innerhalb der Reichweite der chinesischen Raketen befinde, sehe er keinen Grund zur Nervosität. Die Aussage passt zum demonstrativen Ton des chinesischen Berichts, der die technische Zuverlässigkeit der Zunyi hervorheben soll.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]