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Christina Große über Berlin: „Mir ist die Stadt weder zu laut noch zu voll“

Kurz vor dem Mauerfall zog die Schauspielerin Christina Große nach Berlin. Uns erzählt sie von einem Prenzlauer Berg, den es nicht mehr gibt – und von Orten, die sie bis heute faszinieren.

8 Min
In Thüringen aufgewachsen, in Berlin zu Hause: Christina Große

In Thüringen aufgewachsen, in Berlin zu Hause: Christina Große

© Tillmann Arlt

Vielseitig, vielbeschäftigt und vielschichtig: Christina Große ist eine der bekanntesten Charakterdarstellerinnen des Landes. Sie gilt als Spezialistin für Frauenfiguren, die einiges auszuhalten haben im Leben.

Auch ihr eigenes Leben verlief nicht geradlinig. Als Pfarrerstochter konnte die gebürtige Thüringerin in der DDR zunächst kein Abitur machen und absolvierte stattdessen eine Ausbildung zur Psychiatrie-Diakonin. Sofort nach dem Mauerfall studierte sie dann an der Filmhochschule Babelsberg Schauspiel.

Bis heute wirkte die 56-jährige Wahlberlinerin in mehr als 130 Film- und Fernsehproduktionen mit, darunter zahlreiche „Tatort“-Folgen und die Serie „Weissensee“. Aktuell kann man Christina Große als verwitwete Innenarchitektin in „Bloß nicht Liebe“ sehen, der Film ist Teil der neuen „Herzkino“-Saison im ZDF.

1. Frau Große, Sie sind 1970 im thüringischen Blankenhain zur Welt gekommen und wuchsen in Saalfeld auf. Was sind Ihre einprägsamsten Kindheits- und Jugenderinnerungen?

Ich erinnere mich an eine sehr bunte und fröhliche Kindheit. Saalfeld hat ja auch den Beinamen „Steinerne Chronik Thüringens“. Die Geschichte dieser alten Gebäude, allen voran die wunderschöne Johanneskirche, und die damit verbundenen Geschichten, haben schon früh mein Interesse geweckt und meine Fantasie beflügelt.

Oft hatte ich das Gefühl, ich kann mich regelrecht zurückbeamen in all die Jahrhunderte vor mir. Meine Freundinnen und ich liebten es, die alten Kleider unserer Mütter und Großmütter zu tragen und dazu spielbare Situationen zu finden. Als ich dann endlich lesen konnte, liebte ich zusätzlich zu unseren Zeitreisen, so viel wie möglich Bücher aus der Bibliothek zu holen oder ins Kino zu gehen und mich in diese Geschichten zu versenken.

2. Sie waren 19 Jahre alt, als die Mauer fiel. Haben Sie so etwas wie eine Ost-Identität, einen besonderen Blick auf den Osten Deutschlands? Und wie blicken Sie auf die Ost-West-Debatte, wie sie aktuell geführt wird?

Das ist ein so komplexes Thema, ich werde mich hüten, mich dazu in der Kürze eines solchen Interviews zu äußern. Außer vielleicht ein Erlebnis, das für sich spricht. 1992 war ich mit meiner Freundin für acht Wochen in den USA unterwegs, eine unglaublich interessante Reise.

Unter anderem hatten wir eine Begegnung mit einem älteren Indigenen irgendwo in Arizona. Er fragte uns, wie es denn nun wäre mit Ost und West. Wir erklärten ihm: Ja, spannend, und wunderbar, dass die Mauer fiel – aber obwohl wir dieselbe Sprache sprechen, verstehen wir uns nicht immer. Da nickte dieser alte Mann und meinte, das habe er sich gedacht.

Zur Person
Hendrik Heiden/ZDF

Zur Person

Christina Große debütierte während ihres Schauspielstudiums 1993 am Berliner Ensemble unter Carmen Maja Antoni in deren Inszenierung von Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“. 1994 gab sie in Margarethe von Trottas Filmdrama „Das Versprechen“ ihr Kinodebüt. 2014 erhielt sie den Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen als beste Hauptdarstellerin in „Neufeld, mitkommen!“, 2023 den Preis der deutschen Filmkritik als beste Hauptdarstellerin in „Alaska“. Ihr neuer Film „Bloß nicht Liebe“ ist im Web und in der App des ZDF zu streamen.
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3. Wann hat es Sie nach Berlin verschlagen – und wie war Ihr erster Eindruck von der Stadt?

Eine Klassenfahrt führte mich mit 14 das erste Mal nach Berlin. Es waren nur wenige Stunden, die wir vor allem auf dem Alexanderplatz verbrachten. Wir lernten sofort junge Leute aus Ost-Berlin, aber genauso auch aus West-Berlin kennen, und sie schienen alle, ob Ost oder West, ein so anderes, freieres Leben zu führen. Von da an wusste ich: Hier möchte ich leben. Von diesem Tag an war ich regelmäßig in Berlin, bis ich 1988 hierherzog.

4. In welchen Stadtteilen haben Sie seither gewohnt – und wo sind Sie schließlich gelandet und geblieben?

Seit Ende der Neunziger lebe ich in Nordpankow und genieße es, ein Stück außerhalb, aber auch schnell in der Stadt zu sein. Meine erste Wohnung hatte ich aber damals in der Winsstraße, also mitten im Prenzlauer Berg. Einem Prenzlauer Berg, der so heute gar nicht mehr vorstellbar ist. Kürzlich habe ich mit Freundinnen und Freunden, die gerade in ihren Zwanzigern oder Dreißigern sind, den Defa-Film „Solo Sunny“ gesehen. Was für ein beeindruckender Film, was für eine Zeitreise! Besser kann man mit Worten gar nicht beschreiben, was das Besondere am Prenzlauer Berg damals war.

Zum Lesen bin ich zu der Zeit immer gern auf den Friedhof zwischen Prenzlauer und Greifswalder gegangen, und in den Sommermonaten verbrachte ich mit Freunden gern Tage und Nächte auf den Dächern im Winsviertel. Wenn ich etwas aus dieser Zeit wirklich vermisse, ist es die scheinbare Bedeutungslosigkeit von Geld.

Ich hatte das große Glück, die Grenzöffnung am 9. November 1989 hier zu erleben. Natürlich waren meine Freunde und ich noch in derselben Nacht in West-Berlin und natürlich war diese Zeit etwas so Besonderes und Einmaliges, dass ich sehr froh bin, schon damals hier in Berlin gelebt zu haben. Wobei ich mich auch noch sehr genau an die erste freie Wahl im März 1990 erinnere und wie fassungslos ich war, dass die CDU so viele Stimmen bekam und damit klar war, dass es einen eigenen Weg für die DDR nicht geben wird.

5. Berlin wird mittlerweile von vielen als zu laut und zu voll empfunden, manche sprechen auch von zunehmender Aggressivität und Verwahrlosung im Straßenbild. Wie sehen Sie das?

Mir ist die Stadt weder zu laut noch zu voll. Ich kann und möchte mich nicht daran gewöhnen, dass es so viele Menschen gibt, die darauf angewiesen sind zu betteln oder denen es nicht gelingt, ohne Hilfe klarzukommen, und wir als Gesellschaft es zulassen, dass es immer mehr werden. Ihnen mit Mitmenschlichkeit und Freundlichkeit zu begegnen, ihnen, wenn möglich, zu helfen, versuche ich jeden Tag aufs Neue. Unverständlich finde ich es, dass es Bewohner in dieser Stadt gibt, die sich von diesem Leid belästigt fühlen.

6. Haben Sie eine Art Fluchtpunkt, wenn Ihnen Berlin dann doch mal zu viel wird?

Der Zauber an Berlin ist für mich, dass hier so viele wunderbare, verschiedene Menschen leben und dass wir uns an so vielen schönen Orten in der Stadt begegnen können. Diese Stadt ist einfach unglaublich verschieden und verändert sich immer wieder neu. Ich habe nicht vor, die Stadt zu verlassen. Zumal ich durch meinen Beruf eh viel unterwegs und dadurch sowieso nie permanent in der Stadt bin. Mich aber umso mehr freue, zurückkommen zu können.

7. Ihr Lieblingsort in Berlin?

Es gibt nicht den einen, ausschließlichen Lieblingsort. Westhafen, auf einmal kann ich so viel Himmel sehen. Sonnenuntergang hinterm Fernsehturm, von der Oberbaumbrücke die Spree hinauf. Monbijoupark, wenn Tango getanzt wird. Schaukeln im Mauerpark. Schlosspark Schönhausen. Einfach U-Bahn fahren und Menschen beobachten. Rummelsburger Bucht. Hundeauslauf Blankenfelde. Schwedter Steg mit dem Fahrrad. Tempelhofer Feld. Alexanderplatz am Neptunbrunnen. Dom gegenüber vom Humboldtforum. Plateau hinterm Wasserturm. Wenn ich mitten in der Stadt einen Fuchs treffe.

8. Gibt es ein Restaurant, in dem Sie besonders gern reservieren?

Ich koche viel lieber mit der Familie und all unseren Freundinnen und Freunden. Durch mein vieles Unterwegssein genieße ich solch ein ausgedehntes Zusammensein in unserem Zuhause viel mehr. Mit den liebsten Menschen gefühlt unbegrenzt Zeit um einen großen Tisch mit gutem Essen verbringen zu können, ist für mich ein Idealzustand.

9. In welchem Laden glüht Ihre Kreditkarte am liebsten?

Ich bin ein wahrer Einkaufsmuffel. Shoppen zu gehen, empfinde ich als Strafe. Teile meines Kostüms nach Beendigung der Dreharbeiten abzukaufen, ermöglicht es mir, Shoppen gehen weitgehend zu vermeiden.

10. Wie sieht Ihr perfektes Berlin-Wochenende aus?

Ich nehme mal ein Wochenende im Winter, da der Berliner Winter ja gefühlt immer länger dauert als der Sommer. Samstags Brötchen holen beim Bäcker um die Ecke und als erste Spuren im Schnee hinterlassen. Ein ausgedehntes Frühstück mit meinen Lieblingsmenschen bei uns oder bei ihnen. Spaziergang mit allen und unserem Hund auf dem Blankenfelder Hundeauslauf oder in Lübars oder in der Rummelsburger Bucht oder im Tegeler Forst. 

Nachmittagsvorstellung im Delphi Lux, die neueste Ausstellung im C/O Berlin. Abendvorstellung im Hackesche Höfe Kino, und danach gab es mal eine Lieblingsbar: das Watt in Prenzlauer Berg. Ich habe seit der Schließung noch keine neue gute Bar gefunden, aber auch noch nicht danach gesucht. Sonntagvormittag ähnlich wie Samstag und dafür ab Nachmittag zusammen kochen und dann in großer Runde bei uns oder Freunden zusammen essen und miteinander sein.

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