Aktionskunst

Christoph Schlingensief wollte überfordern: So gut ist die Ausstellung im Berliner Gropius Bau

Der liebenswürdige Störenfried aus dem Ruhrpott hat die deutsche Gesellschaft erschreckend durchschaut und sich dabei selbst hinterfragt. Was erwartet uns im Berliner Gropius Bau?

7 Min
Schlingensief beim „Hamlet“-Projekt am 10. Mai 2001 vorm Schauspielhaus Zürich

Schlingensief beim „Hamlet“-Projekt am 10. Mai 2001 vorm Schauspielhaus Zürich

© David Baltzer

Was würde uns Christoph Schlingensief aus seinem Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof heraus sagen, über Deutschland in diesem Herbst 2026?

Würde er persiflierend und doch gleichnishaft Heinrich Heine zitieren und dessen „Das Volk, der große Lümmel“, das sich „einlullen“ lässt von falschen Versprechungen? Würde er von seiner „Deutschlandsuche ’99“ und von Siegfried, dem durch Verrat gemeuchelten Helden aus dem Nibelungenlied, erzählen?

Die Asche Deutschlands in einer Urne

Oder von dieser Aktion? Es war am 9. November 1999, der 10. Jahrestag des Abends, an dem DDR-Grenzer die ersten Segmente aus Ulbrichts Mauer schneiden mussten. Und zugleich das Datum der NS-Pogromnacht 1938. Schlingensief kniete vor der Freiheitsstatue in New York. Er warf eine Urne mit der „Asche Deutschlands“ sowie einen Koffer mit 99 deutschen Alltagsgegenständen in den Hudson River.

Die aktionskunstgewohnten New Yorker samt Presse reagierten damals, zur Erleichterung von allen aus Berlin Mitgereisten, mit großer Zustimmung für diesen Deutschen. Niemand tadelte damals seine Verkleidung als Schtetl-Jude als ungehörige „Aneignung“.

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Schlingensief im April 2003 auf der Biennale Venedig/Arsenale vor der Installation „Church of Fear“ bei der „Untersuchung des historischen Untergrundes bzw. der Beschwörung dieses Ortes“

Schlingensief im April 2003 auf der Biennale Venedig/Arsenale vor der Installation „Church of Fear“ bei der „Untersuchung des historischen Untergrundes bzw. der Beschwörung dieses Ortes“

© David Baltzer/ZENIT

Wetten, dem humorprallen Moralisten hätte die Parallelaktion, die soeben im Berliner Gropius Bau mit seinem Nachlass startet, gefallen. Die Hauptwerke sind in acht Sälen ausgebreitet an hell oder tiefrot und trauerschwarz gestrichenen Wänden. Allesamt als Bildkunst über Aktionen, aus Film- und Bühnenprojekten, unverblümt und irgendwie fast seherisch gerichtet auf die Zumutungen der Gegenwart. Es ist, als hörte man ihn aus dem Off rufen: „ Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine!“

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Als habe er geahnt, was kommen würde

Das ist auch der Titel der Schau, und den unwirschen Satz hatte er mit Kreide auf eine schwarze Schiefertafel geschrieben, wie Beuys sie benutzte für seine „Richtkräfte“. Spätestens da wird einem bewusst, dass der liebenswürdig nervende Bürgerschreck aus Oberhausen, den der Krebstod 2010 vom Lebensbaum riss wie einen grünen Ast, dieser Seelenverwandte von Joseph Beuys, Luis Buñuel und Aktionskünstlern wie Dieter Roth oder Allan Kaprow, doch so sehr fehlt in diesen Zeiten.

Als habe er irgendwie geahnt, was kommen würde. Er hält uns den Spiegel vor in seiner verstörenden Bild-, Film-, Bühnen-Kunst: Die Selbstzufriedenheit und das bequeme Mittelmaß, dieses am Hintern zu schwer und im Kopf zu bequem der doch zunächst so euphorisch wiedervereinten Deutschen.

Und dann die Wut. Die Kluft zwischen Volk und Legislative samt Parteienproporz und Kompromissunfähigkeit in multiplen Krisen, die schier unauflösbaren geopolitischen Konflikte und Kriege. Nun regieren in Sachsen-Anhalt die Rechten. In Berlin versuchen die Linken nach ihrem Wahlsieg den Kapitalismus und gleich noch die „bürgerliche Mitte“ abzuschaffen. Und wenn es um Verzicht und Solidarität geht, zeigt einer mit dem Finger jeweils auf den anderen: Sparen muss sein. Aber nicht bei mir!

Szene „o.T.“ aus Christoph Schlingensiefs „Der fliegende Holländer/Manaus“, 2007

Szene „o.T.“ aus Christoph Schlingensiefs „Der fliegende Holländer/Manaus“, 2007

© Aino Laberenz

Vom antiken Dichter Menander stammt der Satz „Wen die Götter lieben, der stirbt jung“. Der ironische Volksmund hat das irgendwann der Bibel angedichtet. Schlingensief wollte aber keine Legende werden. Er mochte, wie wir es im Gropius Bau überdeutlich sehen, das Paradoxe, er inszenierte, er „predigte“, er filmte und er malte. Und die Betonung lag immer auf Leben.

Problematisch, solch ein Werk ohne seinen Akteur zu „musealisieren“. Der Schweizer Kurator Raphael Gygax wagt es. Er kommt vom Züricher Migros Museum, wo 2007/08 Schlingensiefs „Querverstümmelung“ für Furore sorgte und die zirkuszeltartige, alle Kunstgrenzen sprengende Rieseninstallation angekauft wurde, diese verstörende, aberwitzige Melange aus Videofilmen der Aktion „African Twintowers“, Sequenzen aus „Fremdverstümmelung“ und vor allem die (zur Berliner Premiere in der Volksbühne noch begehbare) Großinstallation „Kaprow City“.

Christoph Schlingensiefs „The African Twin Towers“, 2005 (im Boot Irm Hermann)

Christoph Schlingensiefs „The African Twin Towers“, 2005 (im Boot Irm Hermann)

© Aino Laberenz

Es ist ein rotierendes Bühnenbild, 2007 für Castorfs Bühne konzipiert und inspiriert von Allan Kaprows „18 Happenings in 6 Parts“. Schlingensief führte Regie, Dramaturg war Carl Hegemann, die bizarren Kostüme hatte Aino Laberenz, die im Todesjahr seine Ehefrau wurde, entworfen.

Die fast den ganzen Lichthof des Gropius Baus füllende Installation befasst sich auch mit Spekulationen über die letzten Stunden der britischen Prinzessin Lady Diana vor ihrem Unfalltod 1997. Das Ganze gleicht einer gigantischen Materialschlacht, die Arena von außen wild gestisch, auch ornamental bemalt, samt Totenkopf-Girlande von eigener Hand. Expressiv malen konnte er also auch.

Szene aus „Chance 2000 – Wahlkampfzirkus ’98“, im Zirkuszelt am Prater/Volksbühne, Schlingensief mit Kerstin Grassmann, 13. März 1998.

Szene aus „Chance 2000 – Wahlkampfzirkus ’98“, im Zirkuszelt am Prater/Volksbühne, Schlingensief mit Kerstin Grassmann, 13. März 1998.

© Gropius Bau/David Baltzer

Drinnen treffen tonlose Experimentalfilme (vor allem von Buñuel) und krude Requisiten aufeinander. Alles wirkt dekonstruiert. Ein klares Bild oder eine eindeutige Erzählung gibt es nicht: Überlagerungen, Doppel- und Mehrfachbelichtungen folgen einem Prinzip der visuellen Überforderung, dem Griff nach dem Hirn und Herz der Betrachter.

Dann steht man vor der Skulptur „Kirche der Angst“, 2003 für die Biennale Venedig geschaffen. Ein weißes Holzkirchlein, dahinter Moscheetürme. Im Monitor Predigten und Rituale. Es war seine Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001, verübt von Al-Kaida auf das New Yorker World Trade Center. Der Zäsur folgten bekanntlich folgenschwere Kriegshandlungen im Irak und Afghanistan, Überwachung in den westlichen Staaten, Rassismus gegen Muslime.

Zumutungen mit Empathie

Schlingensief erklärte: „Ich will kein Publikum beruhigen, ich will es überfordern!“ Mit dieser Zumutung hält er postum Wort, auch wenn alles, was er machte, nun ohne seine physische Anwesenheit vor uns steht, flimmert, hängt und als Poster oder Plakatwand klebt, sich überlappt, durchzieht und verschränkt. Wie die „Freak-Show 3000“ mit behinderten Menschen. Er zeigt sie im Film ungeschönt, wie die Gesellschaft sie wahrnimmt: als Außenseiter. Aber bei ihm gibt es statt Mitleid Respekt und Teilhabe.

Raumansicht mit Schlingensiefs Experimentalfilm-Projekten „o.T“, 2007 (Hasenverwesung“, „Holländer 2C.“, „Ausweitung der Dunkelphase“, „Drosophila Melanogaster“, „Fremdverstümmelung“)

Raumansicht mit Schlingensiefs Experimentalfilm-Projekten „o.T“, 2007 (Hasenverwesung“, „Holländer 2C.“, „Ausweitung der Dunkelphase“, „Drosophila Melanogaster“, „Fremdverstümmelung“)

© Gropius Bau/Luca Girardini

Alles ist unterhaltsam, aber zugleich immens anstrengend, weil verdammt ernst gemeint von diesem vermeintlichen Spaßvogel, der im „Hamlet – Das ist deine Familie“-Projekt, 2001, dem Bühnenstück-Film für den Pop-Sender Viva, Hochkultur ins Populäre versenkte und auch den Mumm hatte, mit Aussteigern aus der Neonaziszene zu drehen. Dabei ging er skeptisch der Frage nach, ob diese jungen Männer es ernst meinen. Schlingensief schlüpfte selbst für eine exzessive Parodie als trommelnder SS-Mann in die Rolle der Täter. Null Berührungsängste: „Wir spielen nicht Hamlet, wir spielen Deutschland.“

Die zu Tableaus komponierten Filmsequenzen, die per Video dokumentierten Aktionen, etwa das Projekt „Chance 2000“, seine Parteigründung und obskure Wahlwerbung „Wählen Sie sich selber!“ machen einen Derwischlümmel wieder lebendig, der an beiden Enden lichterloh und ohne Feuerlöscher brannte. Man sieht ihn inmitten all der Werkgruppen auf Monitoren: gestikulierend, als Orator, Agitator, Parodist und empathischen Entertainer. Kaum zu glauben, dass er weg ist aus diesem Leben und der Kunst.

Schlingensief kostümiert in „Hamlet“, Schauspielhaus Zürich, Premiere: 10. Mai 2001

Schlingensief kostümiert in „Hamlet“, Schauspielhaus Zürich, Premiere: 10. Mai 2001

© Gropius Bau/David Baltzer

Ideologisch war er nie. An die Stelle setzte er Denken mit Haltung, Auseinandersetzung, die Kompromisse einforderte. Der Kunstraum war immer Reflexionszone. Und er verstört noch immer. Auch im schwer erträglichen Filmexperiment „Hasenverwesung“, 2007. Doch seine Kunst diente nie dem Skandal um des Skandals willens, sondern weil er den politischen und gesellschaftlichen Missständen seiner Zeit auf den Grund gehen wollte: fragend, zweifelnd, scheiternd.

Schlingensiefs lakonisches Vermächtnis auf einer Schiefertafel

Schlingensiefs lakonisches Vermächtnis auf einer Schiefertafel

© Nachlass Christoph Schlingensief

Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine. Gropius Bau, Haus der Berliner Festspiele, Niederkirchnerstr. 7. Eröffnung am Do, 8. Oktober. 19 Uhr. Bis 17. Januar 2027, Mo, Mi, Do, Fr 12–19, Sa/So 10–19 Uhr

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