Der Besuch ist außergewöhnlich und löste umgehend Spekulationen aus. Am Dienstag landete eine amerikanische Boeing C-17 auf dem Moskauer Flughafen Wnukowo. Wenig später berichteten amerikanische Medien, dass CIA-Direktor John Ratcliffe an Bord gewesen sei und sich zu Gesprächen in der russischen Hauptstadt aufhalte. Es handelt sich um seinen ersten bekannten Russland-Besuch seit seinem Amtsantritt als CIA-Chef. Der Kreml bestätigte die Reise Ratcliffes, erklärte aber, er habe sich nicht mit Wladimir Putin getroffen.
Die Absichten der Reise bleiben weiterhin unbekannt und bieten aufgrund der Brisanz Raum für Spekulationen. Wir haben fünf Theorien zusammengestellt.
Theorie 1: Gefangenenaustausch
Für diese Erklärung gibt es einen konkreten Anhaltspunkt. Die Freilassung amerikanischer Staatsbürger gehört seit Jahren zu den wenigen Bereichen, in denen Washington und Moskau trotz ihrer Konfrontation direkte Verhandlungen führen. Anfang August wurde der ehemalige US-Marine Robert Gilman nach mehr als vier Jahren Haft in Russland freigelassen. Washington machte anschließend deutlich, dass sich weitere Amerikaner in russischer Haft befinden und man diese herausholen wolle.
Zu den besonders wichtigen Fällen gehört Stephen Hubbard. Der heute 74-Jährige wurde in Russland zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er für eine ukrainische Territorialverteidigungseinheit gekämpft haben soll. Hubbard bestreitet dies. Die US-Regierung stuft ihn als zu Unrecht inhaftiert ein und fordert seine Freilassung.
Ein weiterer möglicher Kandidat ist der ehemalige Soldat Chuck Zimmerman, der 2025 im Schwarzen Meer verhaftet wurde, als eine Waffe auf seinem Boot festgestellt wurde. Hinzu kommen weitere Fälle, darunter Andre Khachatoorian, David Barnes, Olga Jezler und Aleksandr Antonov. US-Senatoren haben Mitte August ausdrücklich gefordert, die Bemühungen um die Freilassung mehrerer dieser Gefangenen zu verstärken. Und dann wäre da ja auch noch Ex-Wirecard-Chef Jan Marsalek, nach dem im Westen gefahndet wird.
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Theorie 2: Eskalation in der Ukraine verhindern
Noch auffälliger ist der zeitliche Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg. Diese Zeitung berichtete bereits über das Szenario einer umfassenden Winteroffensive Russlands. Angesichts der mangelnden Abwehrmöglichkeiten der ukrainischen Armee stehen möglicherweise entscheidende Kämpfe bevor. Steht Ratcliffes Besuch im Zeichen einer weiteren Eskalation?
Im Winter 2021 kam es zu einer bemerkenswerten Parallele. Der damalige CIA-Chef William Burns reiste nach Moskau, um mit Vertretern des Kremls zu sprechen. Die Botschaft damals lautete, dass Washington über Moskaus Angriffspläne informiert sei und vor einer Invasion warne. Seine Warnungen blieben ungehört.
Sollte der Kreml nun eine weitere Eskalation, etwa durch massive Raketenangriffe, den Einsatz taktischer Atombomben oder Anschläge auf Nato-Gebiet planen, könnte dieser Besuch als Zeichen Washingtons gesehen werden, das Schlimmste zu verhindern. Ratcliffe könnte dem Kreml aufzeigen, dass Washington über die Pläne Bescheid wisse, und auf mögliche Gegenmaßnahmen verweisen.
Theorie 3: Vorbereitung eines ranghohen US-Besuchs
Das wäre wohl die spektakulärste Erklärung, warum der CIA-Chef nach Moskau gereist ist. Wird es in den kommenden Wochen oder Monaten einen ranghohen Besuch amerikanischer Regierungsmitglieder in Russland geben? Der russische Generalmajor Wladimir Popow sagte gegenüber russischen Medien, die Reise könne Teil der Vorbereitungen für ein künftiges Treffen von Donald Trump und Wladimir Putin sein. Denkbar sei auch eine direkte Abstimmung zwischen den Militärstrukturen beider Staaten. Nach Einschätzung Popows laufen derzeit Gespräche und Abstimmungen im Zusammenhang mit der Ukraine, bei denen persönliche Treffen wichtiger sein könnten als Telefongespräche.
Auffällig ist zudem, wer für diese Mission ausgewählt wurde. Während Washingtons „klassische“ Unterhändler in Ukraine-Fragen, Steve Witkoff und Jared Kushner, seit Wochen auf ihre nächsten Reisen nach Kiew oder Moskau warten und eher Befürworter eines Kompromisses mit Russland sind, reiste stattdessen ausgerechnet Ratcliffe in die russische Hauptstadt. Der CIA-Chef gehört neben Außenminister Marco Rubio zu den größten „Falken“ in Trumps Regierung und steht für einen härteren Kurs gegenüber dem Kreml. Gerade er soll übereinstimmenden Medienberichten zufolge den Austausch von Geheimdienstinformationen mit Kiew zuletzt deutlich ausgeweitet haben, was der ukrainischen Armee half, ihre Angriffe auf russisches Gebiet – etwa auf Raffinerien weit im Hinterland – zu verstärken. Bereitet also Ratcliffe eventuell einen Rubio-Besuch in Moskau vor?
Theorie 4: Iran-Krieg
Am Montag hatte die US-Regierung allen Staaten mit Sanktionen gedroht, die ihre Handelsbeziehungen mit dem Iran aufrechterhalten. Ziel ist, Teheran wirtschaftlich so stark unter Druck zu setzen, dass der von den USA und Israel im Februar begonnene Krieg beendet werden kann. Russland macht mit dem Iran nicht nur massiv Geschäfte, sondern pflegt auch eine strategische Partnerschaft mit den Mullahs. So kommen etwa iranische Drohnen im Krieg gegen die Ukraine zum Einsatz.
Vor diesem Hintergrund liegt nahe, dass Ratcliffe in Moskau auch ausloten wollte, wie fest der Kreml an seinem Bündnis mit Teheran festhält und ob Putin bereit wäre, seine militärische und wirtschaftliche Unterstützung für den Iran im Gegenzug für Zugeständnisse in anderen Fragen zurückzufahren. Für Washington wäre ein solcher Keil zwischen Moskau und Teheran ein doppelter Gewinn. Das würde einerseits den Druck auf den Iran erhöhen. Andererseits würde der Iran als potenzieller Waffenlieferant für die russische Armee wegfallen. Doch ob der CIA-Chef in dieser Frage tatsächlich Gehör findet, ist höchst fraglich.
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Theorie 5: Eskalation zwischen Europa und Russland?
Denkbar ist schließlich auch, dass der Besuch mit der wachsenden Spannung zwischen Russland und Europa zu tun hat. Amerikanische Geheimdienste warnen zunehmend vor möglichen Versuchen Russlands, europäische Nato-Staaten anzugreifen, um die Geschlossenheit des Bündnisses auf die Probe zu stellen. Auch andere westliche Einschätzungen zu einer drohenden direkten Konfrontation zwischen Russland und der Nato häufen sich derzeit, je weiter der Krieg in der Ukraine eskaliert.
Sollte dieses Szenario tatsächlich im Zentrum von Ratcliffes Gesprächen gestanden haben, könnte man Parallelen zu Burns’ Moskau-Reise im Herbst 2021 ziehen. Nur dass die Warnung diesmal nicht einer Invasion in die Ukraine, sondern einem möglichen russischen Vorstoß gegen Nato-Territorium gelten würde. Für den Kreml wiederum könnte ein solcher Besuch die Gelegenheit bieten, eigene Signale an Washington zu senden: etwa dass man an einer direkten Konfrontation mit der Nato kein Interesse hat, solange die westliche Unterstützung für Kiew nicht weiter zunimmt.
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