Nach tagelanger Kritik an der Cornell University hat sich deren Präsident Michael Kotlikoff erstmals ausführlich zu den Vorwürfen einer mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung auf dem Campus geäußert. In einer rund achtminütigen Videobotschaft bezeichnete er die vergangenen Tage als „eine der schwierigsten Wochen“ in der Geschichte der Universität.
Der Fall der unter dem Pseudonym „Jane Doe“ bekannten ehemaligen Studentin sei „zutiefst beunruhigend“ und werde Cornell noch über Jahre beschäftigen. „Es schmerzt mich zutiefst, wenn ich daran denke, was sie durchgemacht hat“, sagte Kotlikoff. Die Vorwürfe würden „herzzerreißende und beunruhigende Fragen“ zu sexualisierter Gewalt, Entmenschlichung sowie zur Party-, Alkohol- und Drogenkultur an der Universität aufwerfen.
„Wir haben nicht alle Antworten“
Gleichzeitig räumte der Universitätspräsident ein, dass Cornell mit dem Fall und der anschließenden Aufarbeitung besser hätte umgehen müssen. „Wir haben nicht alle Antworten, aber wir sind entschlossen, die Antworten zu finden, die unsere Gemeinschaft verdient“, sagte Kotlikoff. Er sei überzeugt, dass die Universitätsleitung und die gesamte Gemeinschaft „es besser machen müssen“.
Kotlikoff kündigte deshalb eine unabhängige Prüfung des Umgangs der Universität mit den Vorwürfen an. Der Aufsichtsrat von Cornell soll in der kommenden Woche eine externe Anwaltskanzlei mit der Untersuchung beauftragen. Auch die Entscheidung der Gouverneurin des Bundesstaates New York, Kathy Hochul, die strafrechtlichen Ermittlungen an die Generalstaatsanwältin Letitia James zu übergeben, begrüßte der Präsident.
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Auf die Ergebnisse der Untersuchungen will Cornell dabei nicht warten. Die Universität müsse bereits jetzt handeln, betonte Kotlikoff.
Mehr Schutz für Betroffene und neue Regeln
Zu den angekündigten Maßnahmen gehört ein besserer Umgang mit von sexualisierter Gewalt Betroffenen. Opfer sollen sich sicher fühlen, wenn sie Vorfälle melden. Zudem will Cornell stärker auf traumainformierte Verfahren setzen und Vorwürfe „rigoros und fair“ untersuchen. Betroffene sollen gleichzeitig besseren Zugang zu Unterstützung erhalten.
Auch die Rolle des sogenannten Greek Life – also der Studentenverbindungen, der Fraternities und Sororities – soll überprüft werden. Kotlikoff kündigte Gespräche mit Studierenden, Alumni und anderen Mitgliedern der Universität an. Die Verbindungen könnten zwar Freundschaften, Mentoring und ein Gemeinschaftsgefühl schaffen. Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe dürfe aber niemals die persönliche Verantwortung für das eigene Handeln verringern, betonte er.
Darüber hinaus will Cornell eine Änderung der Sexualstrafgesetze im Bundesstaat New York unterstützen. Die Universität hatte bereits 2025 eine Taskforce zu sexualisierter Gewalt auf dem Campus eingesetzt, deren Empfehlungen im März 2026 vorgelegt wurden.
Cornell verspricht mehr Transparenz
Kotlikoff reagierte auch auf die Kritik an der bisherigen Kommunikation der Universität. Cornell habe wegen rechtlicher und datenschutzrechtlicher Grenzen nicht über alle Einzelheiten sprechen können. Künftig wolle die Hochschule aber stärker erklären, was sie zu den Vorwürfen und ihren eigenen Maßnahmen sagen könne.
„Wir werden größere Anstrengungen unternehmen, zu erklären, was wir können, Kontext zu den Maßnahmen der Cornell University zu liefern und transparenter zu sein“, sagte Kotlikoff. Die Videobotschaft solle der Beginn eines dauerhaften Dialogs mit Studierenden, Eltern und der gesamten Cornell-Gemeinschaft sein.
„Das darf kein Moment sein, der vorübergeht“, sagte der Präsident. Der Fall sei ein „entscheidender Moment“ für Cornell. „Wir schulden es Jane Doe und den Überlebenden von Übergriffen, dies richtig zu machen.“
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Der Fall Jane Doe
Jane Doe wirft sieben damaligen Studenten der Cornell-Fraternity Chi Phi vor, sie im Oktober 2024 in einem Verbindungshaus auf dem Campus in Ithaca im Bundesstaat New York sexuell missbraucht und vergewaltigt zu haben. Nach ihrer Darstellung soll sie zuvor Alkohol getrunken und anschließend zum Konsum von Ketamin gedrängt worden sein. Die Vorwürfe sind bislang nicht gerichtlich festgestellt.
Die Cornell University hatte nach dem Vorfall eine eigene Untersuchung durchgeführt. Gegen mehrere Studenten wurden universitäre Sanktionen verhängt, darunter Suspendierungen und Exmatrikulationen. Die Universität weist zugleich die Darstellung zurück, einige Beschuldigte seien lediglich zum Schreiben von Aufsätzen verpflichtet worden.
Strafrechtliche Konsequenzen gab es zunächst nicht. Nachdem Jane Doe im September 2026 eine Zivilklage eingereicht hatte und der Fall landesweit Aufmerksamkeit erregte, wurden die strafrechtlichen Ermittlungen wieder aufgenommen. Inzwischen soll New Yorks Generalstaatsanwältin Letitia James den Fall als Sonderermittlerin untersuchen.
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