BERLIN/KREUTH. Der ums politische Überleben kämpfende bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber hat erstmals einen Verzicht auf die Spitzenkandidatur bei der Landtagswahl 2008 angedeutet. Er wolle wieder antreten, müsse aber nicht, sagte der CSU-Chef am Montagabend nach Teilnehmerangaben bei einem Krisengespräch mit dem erweiterten Vorstand der Landtagsfraktion in Kreuth. Bei dem fünfstündigen Gespräch wurde Stoiber mit ausführlicher Kritik der Abgeordneten konfrontiert.Stoiber schlug vor, ein auf September vorgezogener Parteitag solle die endgültige Entscheidung treffen. Heute stellt sich der bayerische Ministerpräsident in Wildbad Kreuth allen 124 Abgeordneten der CSU-Landtagsfraktion. Der Ausgang der Debatte ist ungewiss.FDP warnt vor StillstandAngesichts neuer verheerender Umfragewerte für die CSU wächst in der Opposition die Hoffnung auf einen Machtwechsel in Bayern. "Das Unvorstellbare wird vorstellbar", sagte Grünen-Chefin Claudia Roth der Berliner Zeitung. Nach Jahrzehnten der CSU-Alleinregierung zeigten die Umfragen, dass eine parlamentarische Mehrheit jenseits der CSU im Freistaat möglich sei. Roth rief die demokratischen Oppositionsparteien zur Zusammenarbeit auf, um das CSU-Zeitalter zu beenden: "Bayern geht nicht unter, wenn die CSU weg ist." Roth schloss sich der Forderung der SPD nach Neuwahlen in Bayern an.Der bayerische SPD-Vize Florian Pronold kündigte einen Volksentscheid an, sollte die CSU nicht von sich aus Neuwahlen zustimmen. Dafür müssen laut bayerischer Verfassung eine Million Stimmen gesammelt werden. Pronold sagte: "Aus Gründen der parlamentarischen Hygiene sollten die Menschen in Bayern gefragt werden." Das Vorstandsmitglied der Bayern-SPD, Walter Kolbow, sagte, die CSU sei zu einem System Stoiber verkommen, das an Bodenhaftung und Realitätssinn verloren habe. Die FDP-Landeschefin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger sagte: "Bayern braucht keine Fortsetzung des regierungslosen Zustands. Eine Hängepartie bis zur Landtagswahl 2008 wäre genauso unverantwortlich wie ein Ministerpräsident auf Abruf."Bayerns Innenminister Günther Beckstein, Bundesverbraucherminister Horst Seehofer, die als Nachfolger für die Ämter des Ministerpräsidenten und CSU-Chefs gehandelt werden, stellten sich gestern noch hinter Stoiber. Seehofer wurde durch Spekulationen über sein Privatleben unter Druck gesetzt. Die Bild-Zeitung hatte unter Berufung auf Parteikreise Gerüchte kolportiert, wonach Seehofer eine Geliebte in Berlin haben soll. Stoiber und andere CSU-Spitzenpolitiker nannten die Spekulationen unanständig.In Berlin erklärte SPD-Fraktionschef Peter Struck, der Streit in der CSU bewirke "Instabilität auf der Unions-Seite der Koalition". SPD-Chef Kurt Beck kritisierte "mobbingartige Reflexe" bei der CSU.Die CSU regiert in Bayern mit einer Zweidrittelmehrheit. Zuletzt fielen die Zustimmungswerte für den Regierungschef und die CSU jedoch dramatisch. Einer ARD-Umfrage zufolge befürworten derzeit nur noch 29 Prozent der Bayern eine Kandidatur Stoibers 2008. Als Grund führen CSU-Politiker dessen Verzicht auf ein Berliner Ministeramt im Herbst 2005 und jüngste Spitzelaffäre um die Landrätin Gabriele Pauli an.Seite 3------------------------------Foto: Keine Auskunft - Stoiber bahnt sich einen Weg durch die wartenden Journalisten in Wildbad Kreuth.
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